Loader
Finden Sie uns
Werbung

Was das deutsche Gesundheitssystem von der Ukraine abschauen kann

Das deutsche Gesundheitssystem ist nicht krisenresilient, sagen Experten. Sie wollen Lehren aus der Ukraine übertragen. (Symbolbild)
Das deutsche Gesundheitssystem ist nicht krisenresilient, sagen Experten. Sie wollen Lehren aus der Ukraine übertragen. (Symbolbild) -  Copyright  Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved
Copyright Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved
Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Der ukrainische Gesundheitsminister Viktor Liashko trifft auf dem Weltgesundheitsgipfel in Berlin seinen deutschen Amtskollege Carsten Linnemann. Denn Deutschland will vom ukrainischen Gesundheitssystem lernen, krisenresilient zu sein.

Nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz mussten mehrere Krankenhäuser ihre Patienten mit Notstromaggregaten versorgen, andere wurden verlegt.

WERBUNG
WERBUNG

Das Gesundheitssystem in der Ukraine steht seit Jahren unter Beschuss und schafft es trotzdem, die wichtigsten Funktionen zumindest in großen Teilen zu gewährleisten. Was läuft hier anders?

Eindrücklich schildert der ukrainische Gesundheitsminister Viktor Liashko auf dem Weltgesundheitsgipfel in Berlin, wie er in seinem Land Krankenhäuser besucht und mit Fachkräften aus der Branche spricht.

Er habe mit einer Mutter gesprochen, die in der Kinderstation nach ihrem anderthalbjährigen Kind suche, das tot sei und bereits beerdigt wurde, so Liashko. Doch sie suche immer noch, weil sie nicht begreifen könne, dass sie ihr Kind nie wieder sehen werde. Krankenhauspersonal erlebe das jeden Tag aufs Neue. Doch wie bereits am ersten Tag des russischen Angriffs habe er seinen Anzug angezogen und sei ins Büro gefahren. Und Pflegekräfte und Personal aus dem Gesundheitswesen würden auch täglich ihre Berufskleidung anziehen und jeden Tag aufs Neue ihre Arbeit verrichten.

Während er spricht, sind auf der Leinwand neben ihm Statistiken des ukrainischen Gesundheitsministeriums abgebildet. "2.698 Gebäude von 849 Gesundheitseinrichtungen wurden beschädigt, 340 wurden vollständig zerstört. (...) Mehr als 200.000 Quadratmeter Lager- und Logistikinfrastruktur wurden zerstört oder beschädigt." Angriffe auf die Gesundheitsbranche hätten in den vergangenen Wochen zugenommen.

Deshalb danke er den ukrainischen Partnern für Ressourcen, die sie zur Verfügung stellen. "Wir teilen gerne unsere Erkenntnisse, die wir unter so schmerzvollen Mühen erworben haben", sagt er weiter.

Der ukrainische und der deutsche Gesundheitsminister sprechen auf dem Weltgesundheitsgipfel in Berlin.
Der ukrainische und der deutsche Gesundheitsminister sprechen auf dem Weltgesundheitsgipfel in Berlin. World Health Summit

Kurz vor Liashko spricht unter anderem sein deutscher Amtskollege Carsten Linnemann. Er will das deutsche Gesundheitswesen krisenresilienter machen und unter anderem auf die Erfahrungen der Ukraine zurückgreifen.

"Wir stehen derzeit vor Herausforderungen, die noch vor einem Jahrzehnt undenkbar waren", so Linnemann. Als er Minister geworden ist, habe er deshalb drei Ziele für sich selbst festgelegt.

"Erstens möchte ich eine Politik für die Menschen gestalten. Das bedeutet, unser Gesundheitssystem effizienter zu gestalten und die Prävention zu stärken", so Linnemann. Darüber hinaus wolle er den Wohlstand sichern, indem er ein Umfeld schaffe, das Innovation fördere. "Und drittens möchte ich den sozialen Zusammenhalt stärken, beispielsweise indem ich unsere Bevölkerung wirksam vor Bedrohungen schütze", sagt der Minister. Die bittere Wahrheit sei, dass Deutschland sein Gesundheitssystem auf kriegsbedingte Krisen vorbereiten müsse.

Welchen Aufholbedarf hat Deutschland?

Insgesamt gilt das deutsche Gesundheitssystem als leistungsstark. Tritt allerdings ein Katastrophen-, Pandemie- oder Verteidigungsfall ein, gibt es Experten zufolge einen deutlichen Aufholbedarf. In den vergangenen Jahrzehnten habe man den Luxus gehabt, sich nicht mit Krisen beschäftigen zu müssen, erklärte Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei einer Herbsttagung.

Die Lage hat sich allerdings durch den Krieg in der Ukraine, Sabotage sowie Attentate geändert. Auch Corona als nationale Krise habe gezeigt, dass Deutschland nicht gut aufgestellt und vorbereitet gewesen sei. Die "ambulante Versorgung ist wesentlicher Bestandteil für Resilienz", so Hofmeister. Er plädiert deshalb für Vorsorgemaßnahmen, um Praxen besser zu rüsten.

Rund 600 Millionen Behandlungsfälle pro Jahr tragen die Praxen, Hofmeister zufolge handle es sich um die Hauptlast der medizinischen Versorgung. Im Vergleich dazu gibt es nach Informationen des Statistischen Bundesamts etwa 17,5 Millionen stationäre Krankenhausfälle, wenn man das Jahr 2025 betrachtet.

Hofmeister macht jedoch auch deutlich, dass Praxen viele Dinge, die ausfallen könnten, wie Strom oder Wasser, nicht selbst beeinflussen könnten. Auch Arzneimittel dürfe man nur in kleinen Mengen auf Vorrat besorgen. Der KBV-Vertreter rät dazu, sich zunächst damit auseinanderzusetzen, welche Praxisabläufe oder Funktionen zum Beispiel von einem Stromausfall betroffen sein könnten und was dann zu tun sei.

Gesetzesentwurf der Regierung lässt weiter auf sich warten

Die Bundesregierung will auf die anhaltenden Krisen mit dem Plan eines Gesundheitssicherstellungsgesetz reagieren. Ein Entwurf, der zunächst für Sommer angekündigt gewesen war und dann im September kommen sollte, liegt Hofmeister zufolge allerdings noch nicht vor.

Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) erklärte beim Krankenhausgipfel am 21. September, dass sich der Entwurf "im Ministerium in den allerletzten Zügen" befinde, so ein Bericht der Pharmazeutischen Zeitung. Das Bundeskabinett soll Anfang 2027 über den Entwurf beraten. Ziel ist die vollständige Einsatzfähigkeit der Strukturen bis 2029.

Philippi, aktueller Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, forderte demnach vom Bund nun Tempo. Man befinde sich in einer Phase sicherheitspolitischer Anspannung, wie schon lange nicht mehr. Insbesondere das Gesundheitswesen müsse sich auf aktuelle Bedrohungslagen einstellen. Der Bund müsse zügig zentrale Befugnisse, Abläufe und Ressourcen im Gesundheitswesen im Krisenfall festschreiben.

Der Referentenentwurf wird vom Bundesgesundheitsministerium unter Leitung von Minister Carsten Linnemann (CDU) mit Hochdruck erwartet. Auf dem Weltgesundheitsgipfel erklärt Linnemann nun, das Ministerium werde den Entwurf in Kürze vorlegen.

"Um einen umfassenden Zivilschutz zu gewährleisten, muss sichergestellt werden, dass unser Gesundheitssystem bestmöglich auf den schlimmsten Fall, einen Krieg gegen die NATO, vorbereitet ist. Bestmöglich vorbereitet, um unter außergewöhnlichen Umständen sowohl verwundete Soldaten als auch unsere Zivilbevölkerung zu versorgen", erklärt Linnemann.

Fünf Punkte im neuen Gesundheitsgesetz

Der Gesundheitsminister listet in fünf Punkten, wie das Gesundheitssicherstellungsgesetz die Resilienz Deutschlands verbessern soll.

"Erstens: Für die Vorbereitung müssen Ressourcen zur Verfügung stehen. Der Krieg in der Ukraine hat uns gezeigt, wie abhängig uns die Globalisierung gemacht hat", so Linnemann. Ihm zufolge sei beziehe Deutschland bei bestimmten Arzneimitteln zwei Drittel der Wirkstoffe aus nur zwei Ländern. Für ihn ist klar, dass Deutschland unabhängiger und selbstständiger werden müsse.

"Zweitens müssen wir auch unsere personellen Ressourcen stärken. Kein Gesundheitssystem kann widerstandsfähig sein, wenn die Menschen, die es am Laufen halten, ständig überlastet sind", macht Linnemann deutlich. Er fordert "attraktive Arbeitsbedingungen" für Ärzte, Pflegekräfte, Rettungskräfte und viele andere Fachkräfte, die jeden Tag einen unverzichtbaren Beitrag leisten würden. Darüber hinaus gehe es um ausreichende Ausbildungskapazitäten sowie die Flexibilität, Personal in Krisensituationen effektiv einzusetzen.

"Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass Krisenresilienz nicht allein auf der Annahme beruht, dass Einzelne noch größere Arbeitslasten auf sich nehmen. Schließlich kann Resilienz nicht bedeuten, dass Menschen sich Tag für Tag aufopfern müssen", erklärt der Minister weiter.

Gesundheitsminister Carsten Linnemann spricht auf dem Weltgesundheitsforum darüber, wie Deutschland krisenfester werden kann.
Gesundheitsminister Carsten Linnemann spricht auf dem Weltgesundheitsforum darüber, wie Deutschland krisenfester werden kann. World Health Summit

Das systematische Lernen aus Krisen ist Linnemann zufolge der dritte Punkt. "Lieber Victor, ich bin zutiefst beeindruckt von der unerschütterlichen Entschlossenheit der Ukraine und ihrer Fähigkeit, weiterhin Gesundheitsversorgung zu gewährleisten", wendet sich Linnemann direkt an seinen ukrainischen Amtskollegen. Man müsse aus den schmerzhaften Erfahrungen der Ukraine lernen, wie Krisenbewältigung funktionieren kann, so der Minister.

Auch bei digitalen Systemen könne man von der Ukraine lernen. "Digitale Systeme können uns in Krisenzeiten durch einen regelmäßigen Informationsaustausch, Telemedizin oder Luftkoordination erheblich stärken. Sie helfen uns, nicht nur physische Hindernisse zu überwinden. Gleichzeitig bergen digitale Systeme jedoch auch Risiken", so Linnemann.

Ein Cyberangriff auf ein Krankenhaus könne ebenso verheerend sein wie ein schwerer physischer Angriff. Deshalb brauche man "digitale Systeme, die nicht nur effizient, sondern auch sicher und widerstandsfähig sind".

Im letzten Punkt geht es Linnemann um Zusammenarbeit. "Gesundheitskrisen machen keinen Halt vor Hierarchien oder Staaten – der private Sektor und die Zivilgesellschaft müssen ebenso zusammenarbeiten wie Krankenhäuser, Apotheken und Hilfsorganisationen", erklärt er und fordert den Einsatz der gesamten Gesellschaft. Man benötige Investitionen in Infrastruktur, Menschen und Versorgungsgüter.

Staaten handeln, die EU koordiniert

Auch auf EU-Ebene gibt es mehrere Regelungen. Die Europäische Krankenversicherungskarte sichert EU-Bürger ab: Sie bekommen in jeden EU-Mitgliedsland dringende Versorgungsmaßnahmen zu denselben Bedingungen und Kosten wie die Versicherten des jeweiligen Landes. Seit 2025 gibt es außerdem ein Gesetz für den Austausch von Gesundheitsdaten auf EU-Ebene. Die stellen anonymisiert auch ein größeres Repertoire für die Forschung dar.

Für den Krisenfall spielt die Europäische Union eine Rolle in zweiter Reihe. Für das Risiko- und Krisenmanagement sind nach Angaben des Europäischen Rates die Mitgliedstaaten zuständig. Die EU ist jedoch dafür zuständig, nationale Maßnahmen zu unterstützen, zu koordinieren und zu ergänzen.

So will die Union Maßnahmen zur Beobachtung, frühzeitigen Meldung, Vorsorge und Bewältigung hinsichtlich grenzüberschreitender Gesundheitsgefahren gewährleisten.

Resilientes Gesundheitswesen: Ukraine unter Druck

Seit Beginn des großangelegten russischen Angriffskrieges in der Ukraine im Jahr 2022 wurden auch Gesundheitseinrichtungen getroffen. Im Jahr 2025 haben die Angriffe auf das ukrainische Gesundheitswesen laut der WHO um 20 Prozent zugenommen. Personal sei nach Angaben des World Health Summits vertrieben worden und Unterbrechungen der Lieferketten seien an der Tagesordnung. Mit dem Krieg und Soldaten an der Front ist die Zahl der Patienten unweigerlich gestiegen.

"Was wir in der Ukraine erleben, ist ein verheerender Kreislauf. Ein Heizkraftwerk wird getroffen, und Tausende von Häusern verlieren innerhalb weniger Stunden die Wärme. Bei -20°C gefriert das Wasser in den Rohren, lässt sie platzen und überflutet die Gebäude mit Eis", schilderte Dr. Jarno Habicht, Repräsentant der WHO in der Ukraine im Februar 2026.

"Der Schaden wird repariert, und beim nächsten Angriff geht alles wieder von vorne los. Hinter jedem dieser Systemausfälle stehen Familien, ältere Bewohner und Mitarbeiter des Gesundheitswesens, die weiterhin Leben retten müssen, während ihre eigenen Häuser ohne Wärme, Wasser oder Strom sind. Der Burnout nach vier Jahren Krieg ist immens, und der Bedarf an Gesundheitsleistungen war noch nie so hoch".

Nach einer im Dezember 2025 von der WHO durchgeführten Bewertung bezeichneten 59 Prozent der Menschen in den Gebieten entlang der Frontlinie ihren Gesundheitszustand als schlecht oder sehr schlecht, in den übrigen Gebieten waren es 47 Prozent. Trotzdem wertet die Gesundheitsbranche das ukrainische System als äußerst widerstandsfähig und anpassungsfähig.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Schlammlawine in Nepal - Sturzfluten reißen 45 Häuser mit

Programmieren statt kämpfen: Warum Litauen Drohnen in die Schulen bringt

Zwei Ukrainer mit 360 Kilo Cannabis auf Boot vor Griechenland gefasst