Eine Studie zeigt: Frauen warten deutlich länger auf Diagnosen und Ärzte stufen körperliche Autoimmun-Symptome oft fälschlich als Angst oder Depression ein.
Autoimmunerkrankungen treffen Frauen deutlich häufiger als Männer. Bei diesen Leiden greift das Immunsystem irrtümlich gesunde Zellen und Gewebe an. Dennoch zeigt eine neue Studie (Quelle auf Englisch), dass Frauen viel öfter lange Diagnosewege durchlaufen. Fast ein Drittel der befragten Frauen wartet vier Jahre oder länger auf eine endgültige Diagnose.
Fast die Hälfte der Männer erhält innerhalb eines Jahres nach Auftreten der ersten Symptome eine Diagnose. Für viele Frauen dauert es deutlich länger: 60,4 Prozent warten mehr als ein Jahr auf eine korrekte Einschätzung.
„Diese deutlichen Unterschiede zeigen, dass historische Geschlechtervorurteile weiterhin ein schwieriger Teil des Diagnosewegs sind“, sagt Studienmitautorin Shaista Tayabali. Als mögliche Ursachen nennt sie solche alten Vorurteile, zu wenig Forschung zur Gesundheit von Frauen und Daten mit Geschlechterverzerrung, die in Modelle des maschinellen Lernens einfließen.
Frauen stehen weltweit für 70 bis 80 Prozent aller Autoimmunerkrankungen. Zu den häufigsten zählen Diabetes vom Typ eins, Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, systemischer Lupus und Multiple Sklerose.
Frauen leiden also häufiger unter Autoimmunerkrankungen, doch die Diagnose lässt bei ihnen oft länger auf sich warten.
„Begriffe wie Hysterie gelten heute als veraltet und werden glücklicherweise kaum noch verwendet. Trotzdem haben wir Frauen noch immer oft größere Mühe, dass unsere Beschwerden ernst genommen und entsprechend abgeklärt werden“, sagt Tayabali.
Für die Studie werteten die Forschenden Daten von mehr als 6.000 Patientinnen und Patienten mit einer großen Bandbreite an Autoimmunerkrankungen aus. Die Teilnehmenden gaben an, wie lange es von den ersten Symptomen bis zur Diagnose dauerte, wie viele medizinische Konsultationen sie hatten und welche anderen Diagnosen sie vor der Autoimmunerkrankung erhielten.
Beschwerden oft als psychisch abgetan
Ärztinnen und Ärzte ordnen Symptome wie Erschöpfung, Schmerzen, Schlafstörungen oder gedrückte Stimmung häufig zunächst dem Bereich Psychosomatik oder Psychiatrie zu, ohne Autoimmunerkrankungen in Betracht zu ziehen. Das führt zu längeren Wartezeiten, unbehandelten Krankheiten und schwindendem Vertrauen in das Gesundheitssystem.
„Klinikerinnen und Kliniker müssen offen bleiben“, sagt David D’Cruz, Rheumatologe am Guy’s Hospital in London. Sie sollten „prüfen, ob nicht eine Autoimmunerkrankung dahintersteckt, die bisher übersehen wurde – und den Patientinnen und Patienten zuhören“.
Ein Grund für die langen Wartezeiten: Frauen erhalten deutlich häufiger als Männer eine Fehldiagnose im Sinne einer psychosomatischen Störung. Ärztinnen und Ärzte halten Beschwerden dann für durch psychische Faktoren ausgelöst oder verstärkt. Davon berichteten 34 Prozent der Frauen, aber nur 22 Prozent der Männer.
Die Forschenden stellten zudem fest, dass Frauen fast 50 Prozent häufiger angaben, eine psychiatrische Fehldiagnose erhalten zu haben, und fast 75 Prozent häufiger von einer psychosomatischen Fehldiagnose berichteten als Männer.
„Es geht nicht darum zu behaupten, dass eine psychiatrische Diagnose nie zutrifft“, ergänzt D’Cruz. „Menschen können sowohl Autoimmunerkrankungen als auch psychische Erkrankungen haben. Zunehmend wird klar, dass psychiatrische Symptome Teil einer Autoimmunerkrankung sein können, besonders bei Krankheiten wie Lupus, die das Gehirn direkt betreffen.“