Mehr als 44.000 Menschen leben weiterhin in zum Abriss vorgesehenen Häusern, ohne Ausweichquartier. In Al-Mughraqa berichten Familien Euronews, wie Planen doppelt so teuer werden und Israel Holz und Notunterkünfte nicht nach Gaza lässt.
Wenn es regnet, schiebt Abdullah Siyam die Matratzen seiner Familie in eine Ecke seines Hauses in Al-Mughraqa im Zentrum des Gazastreifens, in die kein Wasser durch das Dach dringt. Beschuss, bei dem die Nachbarhäuser getroffen wurden, hat Risse in seiner Decke hinterlassen. Der Familie bleibt keine andere Möglichkeit.
"Wir tragen die Matratzen dorthin und schlafen dort. Das ist unsere Lösung", sagte er Euronews. Nach vorläufigen Schätzungen, auf die sich der aktuelle Bericht des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten stützt, müssen im Gazastreifen mehr als 4.000 beschädigte Gebäude ganz oder teilweise abgerissen werden.
Mehr als 2.300 davon sind noch bewohnt. Fast 44.000 Menschen leben in diesen Gebäuden. Da der vierte Winter seit Kriegsbeginn bevorsteht, bereiten sich die Familien in dem palästinensischen Gebiet auf die Regenzeit vor – in Häusern mit Rissen und abgenutzten Zelten.
Siyam ist in Al-Mughraqa kein Einzelfall. Seine Nachbarin Mariam Abu Hazein verbringt Regentage damit, Wasser aus ihrem Haus zu schieben, bevor ihre Decken völlig durchnässen. Sie lieh sich drei Decken von ihrer Tochter, nachdem ihre eigenen voll Wasser gesogen waren, und gab sie zurück, als sie wieder trocken waren.
In den Zimmern und im Bad tropft es von der Decke. Sie hat auf dem Boden Behälter aufgestellt, um das Wasser aufzufangen, und benutzt einen Abzieher, um es nach draußen zu wischen. "Es ist, als würden wir auf der Straße leben", sagte sie.
Auch Mohammed Bardawil aus derselben Gegend blickt mit Sorge auf den kommenden Winter. Seine Planen sind abgenutzt, neue kann er sich nicht leisten. "Ehrlich gesagt, wollen wir wirklich nicht, dass der Winter kommt", sagte er Euronews.
Wind und Regen seien eine Belastung, "egal, ob wir in Häusern oder in Zelten leben". Auf dem Markt von Deir al-Balah sind die Preise für Planen von 120 auf 180 Schekel (35 bis 53 Euro) gestiegen. Größere Modelle kosten rund 230 Schekel (68 Euro). Ein Kuppelzelt kostet inzwischen 1.700 statt zuvor 1.300 Schekel (502 statt 384 Euro).
Ahmed al-Siqali, der aus Chan Junis vertrieben wurde, sagte Euronews telefonisch, dass ihn die Ausstattung und Verstärkung seines Zeltes rund 1.200 Schekel (355 Euro) gekostet habe. Davon bezahlte er Holzträger und zwei Planen. Das Geld kam mit Hilfe seines Bruders von außerhalb des Streifens zusammen.
Einer im Juni zitierten Bewertung des Norwegischen Flüchtlingsrats zufolge gaben 71 Prozent der befragten Familien in beschädigten Gebäuden an, sie könnten sich Baumaterialien für Reparaturen nicht leisten. Der Israel-Hamas-Krieg im Gazastreifen in den Jahren 2023 bis 2025, in dem mehr als 70.000 Palästinenser starben – die meisten Frauen und Kinder –, hat große Teile des Gebiets in Trümmer gelegt. Er löste zudem eine der schlimmsten humanitären Krisen der jüngeren Regionalgeschichte aus. Hilfsorganisationen warnen vor Hungerbedingungen und einem nahezu vollständigen Zusammenbruch des Gesundheitssystems im Gazastreifen.
Alles könnte einstürzen
Die Gefahr in manchen Gebäuden geht weit über undichte Dächer hinaus. Am 16. September stürzte das Wohnhaus Al-Saada in Gaza-Stadt ein. 21 Palästinenser kamen ums Leben, darunter zwölf Kinder und fünf Frauen.
Der von der Hamas kontrollierte Zivilschutz in Gaza erklärte, die Bewohner hätten zwar vorherige Warnungen erhalten, seien aber geblieben, weil es keinen anderen Zufluchtsort gab. Strukturelle Schäden aus dem letzten Krieg hätten zum Einsturz geführt.
Sprecher Mahmoud Basal warnte am 17. September, einstürzende beschädigte Wohntürme in dicht besiedelten Vierteln könnten sowohl die Bewohner als auch die Menschen in den umliegenden Zelten gefährden.
Er sagte, der Dienst habe innerhalb von 24 Stunden etwa 150 Notrufe von Menschen in gefährlichen Gebäuden erhalten.
Das von der Hamas geführte Regierungsmedienbüro im Gazastreifen kündigte am 20. September an, rund 255 einsturzgefährdete Gebäude zu räumen und abzureißen und den betroffenen Familien vorübergehende Unterkünfte bereitzustellen. Es verwies zugleich auf einen Mangel an schwerem Gerät, Finanzierung und sicheren Flächen und darauf, dass einige Familien trotz Warnungen geblieben sind.
Der UN-Nothilfekoordinator Ramiz Alakbarov forderte nach dem Einsturz von Al-Saada innerhalb von vier Wochen die dringende Lieferung von Bergungsgerät, Maschinen, Treibstoff, Zelten und Planen für die besonders verletzlichen Gruppen.
Hilfsgüter kommen nicht durch
Die Hilfsmaßnahmen stoßen auf Lieferblockaden. Der Norwegische Flüchtlingsrat erklärte, die israelischen Behörden hätten im August 36.960 Holzbalken und 660 Notunterkunfts-Kits genehmigt, dann jedoch ihre Einfuhr am 26. August und am 2. September gestoppt und einen erneuten Koordinierungsantrag der UN später abgelehnt.
Israels Behörde für die Koordinierung von Regierungsaktivitäten in den Gebieten (COGAT) erklärte im September gegenüber internationalen Medien, sie werde keine schweren Geräte oder Baumaterialien in den Gazastreifen lassen, bevor Hamas entwaffnet sei. Sie warf der Organisation vor, Hilfsgüter auszunutzen, was die Hamas bestreitet.
Bis zum 18. September hatten die UN-Shelter-Cluster 26 Prozent der benötigten Mittel erhalten, rund 193,7 Millionen Dollar.
Laut einem UN-Bericht von Ende September zählten Hilfsorganisationen rund 17.000 Zelte, Planen und Unterkunfts-Kits in ihren Beständen und laufenden Beschaffungen. Sie sollen etwa 50.000 Familien unterstützen – Vorräte in unterschiedlichen Stadien der Vorbereitung, nicht Waren, die an Grenzübergängen feststecken.
Vor Ort gehören zu den Vorbereitungen das Reinigen von Abflüssen, das Anheben von Unterkünften über Bodenniveau, Reparaturen an Abwassernetzen und die Suche nach geeigneten Orten für freiwillige Umsiedlungen.
Eine Erhebung von mehr als 400 Notunterkünften ergab, dass 217 von ihnen einem mittleren bis hohen Überschwemmungsrisiko ausgesetzt sind. Dort leben rund 235.000 Menschen. Um diese Standorte sicher zu machen, müssen Sprengkörper geräumt, Flächen geebnet und Wasser-, Entwässerungs- und Straßenanschlüsse hergestellt werden.
Siyam hält Regen im Gazastreifen für einen Segen. Angesichts des Zustands seines Hauses wünscht er ihn sich trotzdem nicht. "Wer würde sich wünschen, zu ertrinken?", fragt er.