Angesichts wachsender Spannungen mit Washington setzt Kyjiw stärker auf Europa, um Verteidigung und technologische Unabhängigkeit zu sichern; laut einem ranghohen Präsidialberater entstehen bereits konkrete Pläne.
Die Ukraine treibt Pläne voran, europäische Alternativen zu US-Luftabwehrsystemen und der Satellitenkommunikation Starlink zu entwickeln. Konkrete Gespräche laufen bereits, und Kyjiw rechnet mit Fortschritten deutlich früher, als Skeptiker erwarten, wie ein hochrangiger Mitarbeiter des ukrainischen Präsidenten gegenüber Euronews erklärte.
In einem Exklusivinterview mit der Euronews-Sendung "Europe Today“ vor dem EU-Gipfel am Freitag in Brüssel sagte Ihor Schowkwa, stellvertretender Leiter des Büros von Präsident Wolodymyr Selenskyj, die Ukraine wolle ihre Abhängigkeit von amerikanischen Fähigkeiten verringern. Die Unsicherheit über die Unterstützung aus Washington setze Europa zunehmend unter Druck, seine eigene Verteidigung zu stärken.
"Wir setzen natürlich auf die einzigartigen Fähigkeiten, die die Vereinigten Staaten bereitstellen, sei es bei Luftabwehrsystemen oder bei Starlink“, sagte Schowkwa.
"Aber die Ukraine hat bereits substanzielle Gespräche mit europäischen Staaten über ein europäisches Luftverteidigungssystem begonnen.“
Er verwies auf FREYJA, ein europäisches Raketenabwehrprogramm gegen ballistische Raketen, das im Juli in Paris gestartet wurde. Die Gespräche seien inzwischen so weit, dass Rüstungsunternehmen direkt miteinander verhandeln.
"Wir brauchen einen europäischen Gegenpart zu einem Luftverteidigungssystem“, sagte er. Die Ukraine wolle bei der Entwicklung eine führende Rolle spielen.
Kyjiw verhandelt auch über eine europäische Alternative zu Starlink. Schowkwa bestätigte, dass Gespräche laufen, nannte aber keine weiteren Details.
"Europäische Länder müssen ein eigenes entsprechendes System haben“, sagte er.
Schowkwa betonte, beide Projekte seien nicht nur für die Verteidigung der Ukraine entscheidend, sondern auch für die Sicherheit Europas insgesamt.
Auf die Frage, ob die Entwicklung dieser Systeme zu lange dauern könnte, wies Schowkwa die Sorge zurück.
"Wir haben einen klaren Zeitplan und feste Fristen“, sagte er. „Es wird deutlich schneller gehen als in zehn oder 15 Jahren und sogar schneller als in fünf Jahren.“
Ein konkretes Datum nannte er nicht.
Europas Druck wächst: Unterstützung für ukrainische Verteidigung sichern
Die Pläne entstehen vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen Kyjiw und Washington. Ein Streitpunkt ist der Druck von US-Präsident Donald Trump auf die Ukraine, Angriffe auf russische Ölinfrastruktur zu stoppen. Zugleich wachsen Zweifel an der Verlässlichkeit amerikanischer Militärhilfe.
Russland hat seine Luftangriffe auf die Ukraine verstärkt. Neue Angriffe auf Energieanlagen schüren die Sorge vor einem weiteren schwierigen Winter.
Schowkwa sagte, zusätzliche Luftabwehrsysteme und Abfangraketen sowie Maßnahmen zum Schutz der ukrainischen Energiewirtschaft gehörten zu Selenskyjs wichtigsten Prioritäten beim EU-Gipfel.
"Jedes Land, das diese Hilfe leisten kann, sei es durch Systeme oder Raketen, sollte dies tun“, sagte er. Staaten, die keine Ausrüstung liefern können, sollten seiner Ansicht nach finanziell einspringen.
Ob Europa einen möglichen Rückgang amerikanischer Militärhilfe ausgleichen kann, ist jedoch offen.
Schowkwa räumte ein, dass die Unterstützung aus Europa trotz erheblicher Beiträge von Staaten wie Deutschland noch hinter den ukrainischen Bedürfnissen zurückbleibt.
Kyjiw steht im kommenden Jahr vor einer weiteren Finanzierungslücke. Schowkwa betonte, wie wichtig es sei, bestehende militärische Zusagen zu halten und zugleich zusätzliche europäische Finanzhilfen zu sichern.
Ukraine-Krieg: Europa muss am Verhandlungstisch sitzen
Schowkwa argumentierte, dass europäische Sicherheitsgarantien das Fundament der langfristigen Sicherheitsordnung der Ukraine bilden sollten. Dauerhafte Unterstützung für die Streitkräfte, gemeinsame Rüstungsproduktion und die EU-Mitgliedschaft seien zentrale Bausteine.
"Die Grundlage der Sicherheitsgarantien für die Ukraine ist eine starke, schlagkräftige Armee“, sagte er und unterstrich die Bedeutung verlässlicher Langzeitfinanzierung.
"Ohne das klare Verständnis, dass die Ukraine Mitglied der EU wird, können wir nicht von umfassenden Sicherheitsgarantien sprechen.“
Trotz der wachsenden Spannungen mit Washington gestand Schowkwa zu, dass europäische Garantien allein nicht reichen.
"Sie können nicht ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika bestehen“, sagte er.
Washington versucht, neue diplomatische Initiativen zur Beendigung des Krieges anzustoßen. Schowkwa bekräftigte die Bereitschaft Kyjiws zu Verhandlungen, forderte jedoch, dass europäische Partner in jeder Phase eingebunden sein müssen, auch bei möglichen Gesprächen zwischen Staats- und Regierungschefs.
"Die Ukraine ist jetzt bereit für Verhandlungen“, sagte er.
"Europa, im weiteren Sinne des Wortes, muss am Tisch sitzen“, fügte er hinzu und machte deutlich, dass die künftige Sicherheit der Ukraine untrennbar mit der Sicherheit des gesamten Kontinents verbunden ist.