Premierminister Sébastien Lecornu spricht von „extremer Gewalt“ und will sich nicht „einschüchtern“ lassen. Demonstranten stürmen Rathäuser, plündern Geschäfte. Ein Mann verliert durch eine Granatenexplosion die Hand. Die erste Bilanz der Proteste ist verheerend.
Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu prangert „äußerst brutale Gewalt“ an. In Paris und mehreren anderen Städten Frankreichs dauern die Unruhen an.
Im ganzen Land stehen die Sicherheitskräfte Gruppen junger Menschen gegenüber und schaffen es nicht, sie zu zerstreuen. Die Bilanz der Ausschreitungen ist verheerend.
In Paris wurde die auf urbane Gewalt spezialisierte CRS-Einheit acht zur Unterstützung der Einsatzkräfte aktiviert, die es mit kleinen, mobilen und gewaltbereiten Gruppen zu tun haben. In mehreren Vierteln, darunter an der Madeleine, in der Nähe des Élysée-Palastes und der Nationalversammlung, kommt es zu Angriffen, Sachbeschädigungen und Zusammenstößen mit der Polizei.
Der Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire verurteilt die Plünderungen, die „Zerstörungen“ und „Gewalttaten“ in der Hauptstadt „nachdrücklich“.
Allein in Paris standen die Beamten rund 30.000 Menschen gebenüber. Während die meisten friedlich protestierten, kam es immer wieder zu Gewaltausbrüchen aus der Menge. Chaoten zündeten erst ein Auto und einen Zeitungskiosk an, plünderten dann Geschäfte wie Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Apotheken. Dabei warfen sie Steine und Böller auf die eingesetzte Polizei.
Ursprünglich hatten die Gewerkschaften zu dem großen Protesttag gegen zu hohe Lebenshaltungskosten und schlechte Lernbedingungen aufgerufen.
Und so gingen im ganzen Land Menschen auf die Straße – aber fast überall nicht nur friedlich. Demonstranten stürmten eine Radiostation und ein Rathaus und plünderten Geschäfte. Das Tourismusbüro in Lyon ging in Flammen auf, ebenso das historische Rathaus von Limorges.
Nach Regierungsangaben gab es landesweit 1200 Festnahmen.
In Marseille, der zweitgrößten Stadt Frankreichs, drangen Demonstrierende in das Rathaus ein. Vermummte schlugen mit Absperrgittern die Eingangstür ein.
Einige von ihnen gelangten in das Gebäude und sprühten ein anarchistisches „A“ auf eine Wand, bevor die Polizei eingriff. „Wir nehmen die Bastille!“, rief ein Demonstrant – eine Anspielung auf die Erstürmung der Festung während der Französischen Revolution von 1789. Der Bürgermeister der Stadt, Benoît Payan, erwirkte die Entsendung zusätzlicher Polizeikräfte.
Zwischen Präfektur und Vieux-Port wurden dennoch mehrere Dutzend Geschäfte geplündert und verwüstet.
In Saint-Étienne berichteten Polizeiquellen der Nachrichtenagentur AFP, ein Demonstrant habe durch die Explosion einer Granate eine Hand verloren.
In Lille stürmten Demonstrierende das Rathaus, richteten Schäden an und ergriffen dann schnell die Flucht. Der Bürgermeister von Lille, Arnaud Deslandes, verurteilt den Einbruch und die Plünderung mehrerer Geschäfte.
In Lyon wurde eine Außenstelle des Tourismusbüros an der Place Bellecour verwüstet und in Brand gesetzt, Geschäfte wurden geplündert, städtische Einrichtungen zerstört.
Am späten Nachmittag versammelten sich am Fuß der Champs-Élysées rund 300 Demonstrierende. Die meisten waren vermummt, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, um die Menge zu zerstreuen.
In Bordeaux eskalierte die Demonstration. Randalierer drangen in das Gebäude der Industrie- und Handelskammer ein. Scheiben gingen zu Bruch, hinter dem Gebäude brannten Mülltonnen. Nach Angaben der Behörden wurde die Präfektenresidenz „verwüstet“.
In Rennes liefern sich Gruppen junger Leute Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften und bewerfen sie mit Gegenständen.
Premierminister kündigt an: Regierung lässt sich nicht einschüchtern
„Denjenigen, die aus dieser Gewalt ganz offensichtlich eine Art Aufwärmrunde vor der Präsidentschaftswahl machen wollen, sage ich klar: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Niemand wird seine politische Agenda mit Gewalt durchsetzen“, sagte Sébastien Lecornu in Anspielung auf die linksradikale Partei La France insoumise.
Der Vorsitzende des Rassemblement National, Jordan Bardella, beklagt die Präsenz „professioneller Chaostifter“ auf den Straßen und das Fehlen „des arbeitenden Frankreichs“. Die Präsidentschaftskandidatin des RN geißelt „Randalierer“, die die Demonstrationen „ruiniert“ hätten.
Der Chef von La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, wirft den Nachrichtensendern seinerseits vor, vor allem „Bilder der Gewalt“ zu zeigen und damit zu überdecken, dass in Dutzenden Städten alles ruhig verläuft.
Die Vorsitzende der Grünen, Marine Tondelier, findet, es sei Zeit, die Doktrin des Ordnungsdienstes zu überdenken, weil diese ihrer Ansicht nach „am Ende eine Einschränkung politischer Freiheiten“ bedeute.