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105.000 Russen mehr in der EU: Flucht vor Mobilmachung und Perspektivlosigkeit

Paar am Dreiländereck Polen–Litauen–Kaliningrad, in der polnischen Ortschaft Zherdziny.
Ein Paar am Dreiländereck von Polen, Litauen und der russischen Region Kaliningrad, nahe der polnischen Ortschaft Zherdziny. -  Copyright  AP Photo
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Von Alexei Doval & Euronews Russian
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Seit Kriegsbeginn haben über hunderttausend Russen mehr einen Aufenthaltstitel in der EU. Die meisten leben in Deutschland. Viele sind jung und gut ausgebildet, ausgelöst wurde die jüngste Welle durch Berichte über eine neue Mobilmachung.

Die Zahl der Russen mit gültigem Aufenthaltsstatus in der EU ist seit dem Großangriff auf die Ukraine Anfang 2022 um 105.000 gestiegen. Ende 2025 waren es laut einer Auswertung von Eurostat-Daten 876.600. Das entspricht einem Plus von 13,6 Prozent gegenüber den 771.800 Russen, die 2021 über befristete oder unbefristete Aufenthaltstitel in EU-Staaten verfügten.

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Die größte Gemeinschaft lebt in Deutschland (218.000), gefolgt von Spanien (116.800) und Estland (78.400). Besonders stark wuchs die Zahl in Südeuropa: Spanien stellte russischen Staatsangehörigen in diesem Zeitraum 44.400 neue Aufenthaltsgenehmigungen aus, Frankreich 13.700. In Zypern und Portugal erhöhte sich die Zahl der in Russland geborenen Einwohner um das 2,5- beziehungsweise 3,5-Fache.

In einigen Staaten ging sie dagegen zurück. Lettland, Estland und Tschechien verzeichnen die stärksten Rückgänge. Gründe sind strenge Migrationsregeln und, in den baltischen Staaten, Sicherheitsbedenken gegenüber großen russischsprachigen Gemeinschaften.

Gemeinschaften außerhalb der EU

Auch außerhalb der EU sind bedeutende Gemeinschaften entstanden. In Serbien stieg die Zahl der Russen von rund 5.000 vor der Invasion auf 61.900 Ende 2025. Kasachstan nahm bis zum Frühjahr mehr als 107.000 russische Migranten auf, Armenien 43.500 und Georgien 70.000. Die Türkei zog zu Kriegsbeginn besonders viele Menschen an, verschärfte aber später die Regeln. Im Juni waren dort nur noch 75.900 gültige russische Aufenthaltsgenehmigungen registriert, etwa die Hälfte des Höchststands von 2023.

Forscher unterscheiden seit Februar 2022 mindestens vier Auswanderungswellen. Die jüngste begann im Frühjahr, ausgelöst durch neue Berichte über eine bevorstehende Mobilmachung. "Allen ist inzwischen klar, dass sie in Russland keine Zukunft haben. Es gibt kein Bild von der Zukunft, kein Verständnis davon, was in sechs Monaten oder in einem Jahr sein wird", sagt die Juristin Anastasia Burakowa, Gründerin des Rechtsberatungsprojekts Kovcheg für Russen im Ausland. "Hinzu kommen die Risiken im Zusammenhang mit Mobilmachung und Einberufung, die die Menschen sehr persönlich spüren."

"Jetzt habe ich nichts und fühle mich frei"

Der 19-jährige Ivan verließ Russland im Frühjahr, um der Einberufung zu entgehen. Heute arbeitet er in Jerewan im Baugewerbe und stellt Videos auf YouTube. Ein Jahr zuvor leitete er noch ein Handygeschäft. "Ich dachte: Das ist es, das ist das Leben, alles läuft so, wie es soll", sagt er in einem Video. "Jetzt sitze ich auf einer Bank in Jerewan, ohne Position und ohne festen Job. Meine Frau sitzt neben mir. Damals war ich Manager und fühlte mich gefangen. Jetzt habe ich nichts und fühle mich frei."

Umfragen unabhängiger Forscher zeigen: Unter den Ausgereisten sind vor allem junge, oft kinderlose Paare, meist beide unter 36. Viele sind hoch qualifiziert und arbeiten in Berufen, die von politischer Repression bedroht sind, etwa Journalismus, Menschenrechtsarbeit oder Politikberatung, oder die international gefragt sind, vor allem IT, Ingenieurwesen und Wissenschaft. Rund 20 Prozent haben keinen Hochschulabschluss, etwa 18 Prozent studieren im Ausland oder planen das.

Grob lassen sich drei Gruppen unterscheiden: Menschen, die sich langfristig im Ausland angesiedelt haben, Menschen, die schon einmal umgezogen sind und einen weiteren Ortswechsel vorbereiten, und Menschen in Russland, die innerhalb von sechs Monaten ausreisen wollen.

Wirtschaftliche Folgen und Rückkehr

Die Folgen für die Aufnahmeländer sind deutlich, aber unterschiedlich. In Armenien und Georgien trugen der Zustrom von Menschen und Kapital laut dem Forschungsinstitut CASE Center zwischen 2022 und 2024 zu einem BIP-Wachstum von 9 bis 9,4 Prozent bei. In Serbien lag das monatliche Durchschnittseinkommen russischer Haushalte bei rund 3.500 Euro, der lokale Schnitt bei 900 Euro. In Georgien waren es 3.300 gegenüber 650 Euro. Inzwischen hat sich der Effekt abgeschwächt, das Wachstum liegt bei 5 bis 7 Prozent jährlich.

Statt mit Einheimischen um Jobs zu konkurrieren, arbeiten viele Migranten aus der Ferne oder gründeten eigene Firmen. In der IT-Branche beziehen bis zu 41 Prozent ihr Einkommen weiter von ausländischen Auftraggebern, im Mediensektor rund 21 Prozent. Das Geld fließt über Steuern und Ausgaben in die Aufnahmeländer.

Zugleich melden russische Behörden und unabhängige Forscher Rückkehrbewegungen, über deren Umfang es widersprüchliche Angaben gibt. Das Projekt OutRush schätzt, dass bis Sommer 2024 höchstens acht Prozent zurückgekehrt sind, rund fünf Prozent planen dies. Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung an der staatsnahen Hochschule RANEPA beziffert die Rückkehrquote der Welle von 2022 bis 2023 auf etwa 10 Prozent. Beratungs- und Personalfirmen nennen deutlich höhere Werte, von 16 Prozent unter IT-Beschäftigten bis zu 40 bis 45 Prozent bei jenen, die auf dem Höhepunkt ausreisten. Als Gründe nennen Befragte Probleme bei der Jobsuche, beim Aufenthaltsstatus und die Schließung ins Ausland verlagerter Firmen.

Russlands offizielles Umsiedlungsprogramm erreichte 2025 einen Tiefstand und lockte nur 26.700 Menschen an. Euronews konnte die Angaben der russischen Regierung nicht unabhängig überprüfen.

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