Polarisierung und Misstrauen setzen Europa unter Druck. Bei der Berlin Conference in Berlin diskutieren Kultur- und Politikvertreter, wie Zugehörigkeit jenseits von Verträgen entstehen kann. Etwa durch Comics und Karikaturen.
Wie kann ein gemeinsames europäisches "Wir" entstehen, wenn viele Menschen sich politisch, sozial oder emotional nicht mehr vertreten fühlen? Dieser Frage widmete sich am 6. November die Berlin Conference im Berliner Allianz Forum am Brandenburger Tor.
Die Konferenz gibt es seit mehr als 20 Jahren. Unter dem Titel "Europe: The Art of Belonging", zu Deutsch etwa: Europa, die Kunst der Zugehörigkeit, kamen Vertreter aus Kunst, Kultur, Politik und Zivilgesellschaft zusammen.
Veranstaltet wurde sie von der Stiftung Zukunft Berlin, ihrer Initiative A Soul for Europe, der European Festivals Association und der Evangelischen Akademie zu Berlin.
Die Veranstalter stellten eine politisch brisante Frage: Was hält Gesellschaften zusammen, wenn Institutionen und Verträge allein nicht mehr ausreichen? Im Mittelpunkt standen Polarisierung, gesellschaftliche Entfremdung und wachsende demokratische Unsicherheit. Europa sollte dabei nicht nur als politisches Projekt behandelt werden, sondern als etwas, das Menschen im Alltag erleben.
Zugehörigkeit vor Ort stärken
Zivilgesellschaftliche Initiativen in Städten und Kommunen gelten den Teilnehmern der Konferenz zufolge als wichtiger Baustein, an denen europäische Zugehörigkeit konkret wird. Dort entstehen Begegnungen, Debatten und gemeinsame Projekte. Auch Kunst und Kultur sollen Zugehörigkeit erfahrbar machen.
Das Programm der Berlin Conference umfasste Workshops, Gespräche und partizipative Formate.
Auch der Europäische Freiwilligendienst war bei der Veranstaltung ein Thema. Der Collectif pour un Service Civique Européen setzt sich dafür ein, jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren einen europaweiten Freiwilligendienst zu ermöglichen.
Nach einem sechsmonatigen Einsatz im eigenen Land sollen sie anschließend sechs bis zwölf Monate in einem anderen EU-Staat arbeiten, etwa in sozialen, ökologischen oder kulturellen Projekten.
Sabrina Repp (SPD), Mitglied des Europäischen Parlaments und des Ausschusses für Kultur und Bildung, betonte die Bedeutung der lokalen Ebene. Europa sei auf den Werten Freiheit, Frieden und Demokratie aufgebaut. Gerade diese Werte stünden jedoch unter Druck.
"Deshalb ist es derzeit umso wichtiger, dass wir in den lokalen Bereichen Institutionen unterstützen, Menschen zusammenbringen", sagte Repp.
Für Repp entsteht Europa nicht allein in Brüssel. Entscheidend sei, dass Menschen vor Ort zusammenkommen und über ihre gemeinsame Zukunft sprechen.
Forderung nach Geld für das kulturelle Leben
Auch SPD-Politikerin Heike Raab, Vorsitzende des Europäischen Ausschusses der Regionen, verwies auf die Bedeutung der Kommunen. Sie machte zugleich auf die finanziellen Herausforderungen aufmerksam, vor denen europäische Städte und Regionen stehen.
"Deutschland ist einer der 27 Mitgliedstaaten, und jetzt haben wir eine große Herausforderung. Das ist die MFF, das Budget für Cohesion und das Budget für Agora EU. Und wir brauchen Geld und Budget, um kulturelles Leben in unseren Städten zu formen", so Raab.
Gemeint ist der mehrjährige Finanzrahmen der Europäischen Union, der die EU-Ausgaben über mehrere Jahre plant. Dazu gehören unter anderem Mittel für den Zusammenhalt zwischen den Regionen.
Kunst als Brückenbauer
Einer der Gäste der Konferenz war der französische Künstler und Filmemacher Romain Cayla. Er ist künstlerischer Leiter der Organisation Européens Sans Frontières, auf Deutsch "Europäer ohne Grenzen". Die Gruppe produziert animierte Filme, die europäische Werte und gesellschaftliche Debatten einem breiten Publikum näherbringen sollen.
Mit seinem Projekt "Caricartoons" verwandelt Cayla politische Karikaturen internationaler Pressezeichner in kurze Animationsfilme. So sollen komplexe Themen wie Migration, Klimawandel oder Pressefreiheit auch für junge Menschen verständlich werden. Die Filme funktionieren sprachübergreifend und sollen zum Nachdenken anregen.
In diesem Jahr entstanden unter anderem Filme zu Flucht und Schutz für Geflüchtete, zur Klimakrise sowie zur Pressefreiheit. Beteiligt waren Zeichnerinnen und Zeichner aus Ländern wie Mexiko, Syrien, Ägypten, den Niederlanden, Kanada, der Türkei und Russland.
EU-Förderung sichtbar machen
Ein offizieller Partner der Berlin Conference ist das europäische Projekt PEGASE. Es wird von der Stiftung Fondation Hippocrène koordiniert und von der Europäischen Union mitfinanziert. Ziel ist es, Bürgern verständlich zu machen, wie EU-Gelder konkrete Projekte in ihrem Alltag unterstützen.
PEGASE nutzt dafür Videos, journalistische Beiträge, Podcasts und Aktivitäten für junge Menschen. Auf diese Weise soll die europäische Kohäsionspolitik sichtbarer und zugänglicher werden. Das Projekt erklärt zudem, wie europäische Förderung etwa in Städten, Regionen und Gemeinden ankommt und dort Wirkung entfaltet.