Eine Zeugin behauptet: Die Wanderung, auf der der Modeunternehmer später in den Tod stürzte, sei Teil einer therapeutischen Übung gewesen.
Eine Zeugenaussage könnte dem Fall um dem Tod des Mode-Milliardärs Isak Andic (71) eine völlig neue Wendung geben. Eine Dolmetscherin, die gelegentlich für die Familientherapeutin der Familie Andic arbeitete, sagte bei der Polizei aus.
Hintergrund: Der Sohn des verstorbenen Mango-Gründers Jonathan Andic steht unter dem Verdacht, seinen Vater im Dezember 2024 bei einer gemeinsamen Wanderung vorsätzlich in den Tod gestürzt zu haben.
Laut Aussage der Dolmetscherin hätte die Therapeutin Vater und Sohn zu einer "Extremsituation“ an einem Abgrund geraten - als Therapieform. Dabei sollte symbolisch ein verhasstes Familienmitglied in den Abgrund gestoßen werden, wie die Bergsteigerin und Englischlehrerin Johanna in ihrer Aussage vor den Mossos d’Esquadra berichtete.
Besonderes Augenmerk bei den Ermittlungen gilt auch der Beziehung zwischen Jonathan Andic und der Familientherapeutin Julia Lüderwaldt. Anscheinend blieb es nicht auf das klassische Verhältnis von Arzt und Patient beschränkt. Er setzte sich stark dafür ein, die Karriere der Therapeutin voranzubringen. Die Frau, die weder in einer Kammer eingetragen ist noch eine offizielle Zulassung als Psychotherapeutin besitzt, verschaffte sich Zugang zu den exklusivsten Kreisen der katalanischen Bourgeoisie.
Die Therapieübung am Abgrund hatte Lüderwaldt ursprünglich für einen schizophrenen Patienten entworfen, der seine Aggressionen auf seine Mutter richtete. Sie wollte ihn auf den Montserrat bringen. Dort sollte die Psychologin selbst in die Rolle der Mutter schlüpfen und sich an den Rand eines Abgrunds stellen, um den Mann aufzufordern, sie zu stoßen. So wollte sie ihm zeigen, dass er diese Grenze in Wirklichkeit nicht überschreiten könne.
Als Andic von dieser Technik erfuhr, zeigte er großes Interesse und bot sich sogar als Beobachter der Sitzung auf dem Montserrat an. Zu dieser Sitzung sollten neben ihm Salvador, die Therapeutin und ein Krankenpfleger kommen.
Ermittlungen zum Tod von Isak Andic: Zeugenaussage belastet Jonathan Andic
Zur Vorbereitung der umstrittenen Übung beauftragte Lüderwaldt Johanna, eine Route mit Steilküsten und Abbrüchen zu finden. Am ersten Dezember 2024 erkundeten die beiden den Camí de les Feixades – jenen Weg, auf dem 13 Tage später der Mango-Gründer tödlich verunglückte. Anfangs erklärte die Psychologin, der Test sei für Salvador gedacht. Am Ende des Rundgangs meinte sie jedoch, der Pfad eigne sich auch für Andic. Über ihn sagte sie lediglich, er habe "Probleme mit der Geldverwaltung“.
Der Auftritt der Englischlehrerin als Zeugin am 29. Juni brachte eine entscheidende Wende in dem Verfahren. Bis dahin hatte die Therapeutin sie in ihrer richterlichen Aussage kaum erwähnt. Jonathan Andic verschwieg gegenüber Polizei, Gericht und sogar seinen eigenen Anwälten, dass er den Unglückspfad kannte – und zwar genau über Johanna und die Aufträge seiner Psychologin.
Die beiden Aussagen stellten die Ermittlungen zum mutmaßlichen Tötungsdelikt an Isak Andic auf den Kopf. Statt die Zweifel der Untersuchungsrichterin Raquel Nieto und der Staatsanwältin Teresa Yoldi zu zerstreuen, stärkten die neuen Informationen die Arbeitsthese der Polizei zum Sohn des Mango-Gründers.
Drei Besuche auf der Todesroute und eine beunruhigende Nachricht
Nach Aussage der Bergsteigerin und Englischlehrerin begründete die Therapeutin den Ausflug damit, dass Jonathan Andic eine Route suchte, um mit einer Nichte spazieren zu gehen. Den Vater erwähnte sie nicht. Um Johanna ganz zu überzeugen, stellte die Psychologin die Aktivität als "Weihnachtsgeschenk“ für das Mädchen dar und nannte einen zusätzlichen Grund: Andic übe sein Englisch.
Auf der Wanderung sprach Andic seinen Vater nicht an und betonte immer wieder, die Route sei für einen Ausflug mit einer Nichte gedacht. Nach dieser ersten Begehung kehrte er am 8. und am 10. Dezember allein dorthin zurück. Vier Tage später, am 14., tauchte er erneut auf – diesmal mit Isak Andic, den er zu einem gemeinsamen Spaziergang und einem vertraulichen Gespräch überredet hatte.
Die Zeugin schilderte ihre Gespräche mit der Therapeutin und übergab ihr Telefon, damit die Ermittler die WhatsApp-Nachrichten auslesen konnten. Unter den Chats fällt besonders ein Austausch nach dem tödlichen Sturz des Mango-Gründers auf.
Handyspur, verdächtige Reise und neue Ermittlungsansätze
Richterin Raquel Nieto ordnete an, die Auswertung des Mobiltelefons und der Cloud von Isak Andic auf das gesamte Jahr 2024 auszuweiten und damit den ursprünglich auf sechs Monate begrenzten Zeitraum zu verdoppeln. Die Mossos d’Esquadra arbeiteten sich sorgfältig durch diese große Menge vertraulicher Daten – angesichts der dichten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Agenda des Mango-Gründers – und sollten nur Informationen herausfiltern, die mit dem Fall zu tun haben.
In derselben Entscheidung verlangte die Richterin einen detaillierten Bericht über die Blitzreise, die Jonathan Andic nach Ecuador unternahm, vier Monate nach dem Tod seines Vaters. Jonathan flog nach Quito, um ein Buchprojekt von Julia Lüderwaldt zu betreuen: die Veröffentlichung eines Werks über ihre umstrittene Therapiemethode, die auf "sieben Chronologien“ basiert und das Leben in sieben Phasen mit eigenen Herausforderungen und Herangehensweisen einteilt.
Im Juli ordnete die Richterin an, den Aufenthalt von Jonathan Andic in Quito zu rekonstruieren – eines von sieben Indizien zu seinen Ungunsten. Auf dieser Reise wurde ihm angeblich sein iPhone 14 auf einem öffentlichen Platz gestohlen. Um Zweck der Reise und seine Bewegungen zu klären, beauftragte Richterin Nieto die Mossos, seine Kartenzahlungen und die aus Ecuador geführten Telefonate nachzuverfolgen und zu prüfen, ob er die Ortungsfunktion von Apple nutzte, um sein Telefon aufzuspüren. Der erste Polizeibericht bestätigt bereits, dass der Beschuldigte mit diesem Gerät in das Andenland eingereist war.
In einer ihrer Entscheidungen verwies Richterin Raquel Nieto ausdrücklich auf "dritte Personen“, die „an den Taten beteiligt gewesen sein könnten“ – ein klarer Hinweis auf Julia Lüderwaldt. Die Therapeutin sagte bislang nur als Zeugin aus; ihre letzte Vernehmung fand am 30. Juni statt. Die Ermittler schließen diese Spur nicht ab, und mehrere Quellen halten eine formelle Anklage gegen Lüderwaldt weiterhin für möglich.