Loader
Finden Sie uns
Werbung

Napoleon tanzte hier: Aachener Stadtpalais mit 35 Zimmern steht zum Verkauf

Napoleon Bonaparte soll die heute denkmalgeschützte Villa als Ehrengast besucht haben.
Napoleon Bonaparte soll die heute denkmalgeschützte Villa als Ehrengast besucht haben. Copyright  ArthurMcGill - CC BY 3.0 / Wikipedia
Copyright ArthurMcGill - CC BY 3.0 / Wikipedia
Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

165 Jahre blieb die Villa in derselben Familie, aus der auch ein Aachener Oberbürgermeister stammte. Jetzt steht das Palais mit Napoleon-Vergangenheit zum Verkauf.

Mitten in Aachen, nur wenige Schritte von Dom und Rathaus entfernt, steht in der Jakobstraße ein Gebäude zum Verkauf, dessen Mauern mehr Geschichte erzählen als manch ein Museum der Stadt. Vermarktet wird das denkmalgeschützte Anwesen von Sotheby's International Realty – einem globalen Maklernetzwerk für Luxusimmobilien, das 1976 als Ableger des 1744 gegründeten Kunstauktionshauses Sotheby's entstand und heute zu den führenden Adressen für außergewöhnliche Immobilien zählt.

WERBUNG
WERBUNG

Zu Preis und Details will der Verkäufer öffentlich nichts sagen. Der zuständige Makler Tobias Schulze erklärte dazu der BILD: "Auf Wunsch der Eigentümer können wir leider keinen Kaufpreis nennen und auch sonst keinerlei weitere Informationen geben." Verhandelt wird also ausschließlich diskret. Einblicke ins Innere der Villa erhalten nach jetzigem Stand nur ernsthafte Kaufinteressenten. Zuerst hatte über die Verkaufsgeschichte des Hauses die Aachener Zeitung berichtet.

Nach Angaben des Vermarkters verteilen sich hinter der klassischen Fassade heute drei Wohneinheiten mit insgesamt 35 Zimmern, darunter 20 Schlafzimmer, auf rund 1.500 Quadratmeter Wohnfläche. Hinzu kommt eine Parkanlage von knapp 2.500 Quadratmetern. Eine seltene Weite mitten in der Aachener Innenstadt.

Ein Palais mit Adelswurzeln

Das denkmalgeschützte Anwesen, ursprünglich als Wylre'sches Haus bekannt, geht auf das Jahr 1669 zurück. Der wohlhabende Forstmeister und mehrfache Bürgermeister der Reichsstadt Aachen, Johann Bertram von Wylre, erwarb den Grund und ließ eine dreiflügelige Hofanlage nach dem Vorbild des Pariser Adelswohnsitzes, des sogenannten Stadthôtels, errichten, wie der Verein Rheinische Industriekultur zur Baugeschichte des Hauses dokumentiert. Das ursprüngliche Haus des 17. Jahrhunderts war demnach noch mit schlichten Kreuzstockfenstern ausgestattet.

Mitte des 18. Jahrhunderts ließ der spätere Bürgermeister Caspar Joseph von Clotz das Gebäude im Stil des Aachener Baumeisters Johann Joseph Couven umgestalten. Bis heute prägen diese Umbauten das äußere Erscheinungsbild.

Villa mit Geschichte: Wylre’sches Haus um 1915
Villa mit Geschichte: Wylre’sches Haus um 1915 Erwin Quedenfeldt

Der Kaiser als Ehrengast

Den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Hauses markiert das Jahr 1798: Der Tuchkaufmann Edmund Joseph Kelleter erwarb das Anwesen, nachdem die Familie von Clotz es aufgegeben hatte. Kelleter, der 1803 zu den höchstbesteuerten Bürgern der Stadt zählte, ließ sein Wohnhaus prunkvoll im Stil des Empire, einer prunkvolle Phase des Klassizismus in Frankreich, ausstatten und empfing dort 1804 den französischen Kaiser Napoleon Bonaparte persönlich, wie der Verein Rheinische Industriekultur berichtet.

Von diesem Kaiserbesuch zeugt bis heute mehr als nur eine Anekdote: Im Inneren der Villa ist der sogenannte "Napoleon-Saal" mit vollständiger Empire-Ausstattung erhalten, ebenso wie die großzügige, dreiläufige Treppe hinter dem Hauseingang, mehrere historische Kamine, Täfelungen, Stuckarbeiten und Tapeten aus jener Zeit. Vier Jahre nach Napoleons Besuch, während des Aachener Monarchenkongresses von 1818, besichtigten zudem Kaiser Franz I. von Österreich und der preußische König Friedrich Wilhelm III. die auf dem Grundstück betriebene Tuchfabrik.

Wolle, Wasser und Industriegeschichte

Die Lage des Anwesens war für Kelleters Tuchgeschäft kein Zufall: Direkt vor dem Haus floss der Paubach, in den um 1792 eine sogenannte Wollspüle integriert worden war. Ein gemauertes Becken, in dem Wolle in Körben gewaschen wurde. 1808 errichtete Kelleter im Garten einen dreigeschossigen "Achterbau" zur Tuchfabrikation, dessen Giebel mit Darstellungen der römischen Götter Merkur und Ceres verziert war.

1809 kaufte Kelleter zusätzlich die nahegelegene Kelmesmühle und erweiterte sie um eine Färberei, in der Stoffe schwarz, blau und grün gefärbt wurden. Ein Geschäft, das die Wasserqualität des Paubachs so stark beeinträchtigte, dass die Wollspüle in der Jakobstraße zeitweise unbrauchbar wurde. Der Achterbau selbst fiel im Zweiten Weltkrieg der Zerstörung zum Opfer.

165 Jahre in Familienhand

Nach Kelleters Tod 1821 lebte sein Sohn Johann Tilmann Kelleter bis 1835 im Haus, bevor der Nadelfabrikant Heinrich Nütten das Anwesen erwarb und seine Produktion in den Achterbau verlegte. 1861 kaufte schließlich der Nadel- und Kratzenfabrikant Eduard Alexander Heusch die gesamte Anlage und verlegte seine Kratzenfabrik dorthin. Es war die älteste Aachener Kratzenfabrik überhaupt. Seither, seit rund 165 Jahren, ist das Vorderhaus im Besitz der Familie Heusch, weshalb es in der Literatur bis heute auch als Palais Heusch geführt wird.

Aus dieser Familie stammt auch Hermann Heusch, der von 1952 bis 1973 als Oberbürgermeister von Aachen den Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich mitgestaltete.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Costa auf Test-Reise durch Europa: Wie steht es um umstrittenen EU-Haushalt?

"Handfest bedroht": Merz macht Drohnenabwehr zum Thema der Kabinettsklausur

Kanada bricht mit Trump: Kann die EU diesem Beispiel folgen?