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Im Schatten Russlands: Finnland übt für den Ernstfall

Menschen nehmen an der Zivilschutzübung „Shelter 2026“ in Kuopio am zweiten September 2026 teil
Menschen nehmen an der Zivilschutzübung Shelter 2026 in Kuopio teil, 2. September 2026 Copyright  AP Photo
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Von Gavin Blackburn
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Westliche Regierungen werfen Russland eine Sabotagekampagne in Europa vor. Dazu zählen Brandstiftungen, Angriffe auf Kraftwerke und andere kritische Infrastruktur sowie Drohnenflüge im EU-Luftraum.

In einem Zivilschutzbunker, der tief in den Fels gehauen ist. Hinter Türen, die einem nuklearen oder biologischen Angriff standhalten sollen, messen zwei finnische Wehrpflichtige in Schutzanzügen und Atemmasken die Strahlenwerte. Sie nehmen an einer Übung teil, bei der eine Höhle zu einem sicheren Zufluchtsort für Tausende Menschen werden soll. Im Inneren, das eigentlich als Sporthalle genutzt wird, übernachten Hunderte Menschen auf Feldbetten.

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Mehr als 2.000 Menschen nehmen an der Übung teil, darunter Freiwillige und Studierende. Es ist die größte Zivilschutzübung in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Szenario der Übung ist die kritische Infrastruktur in der zentralfinnischen Stadt Kuopio lahmgelegt. Strom- und Wasserversorgung sind durch Cyberangriffe gestört. Gleichzeitig drohen Raketenangriffe aus dem Nachbarland Russland.

Ziel ist es, dass Behörden vor Ort und die Bevölkerung einüben, was sie im Ernstfall bei einem Angriff tun würden. Unterirdische Bunker und Schutzräume können zwar vor Raketenangriffen schützen. Gegen Sabotage- und Störaktionen, die westlichen Stellen zufolge von Russland in ganz Europa durchgeführt werden, bieten sie jedoch keinen Schutz.

Finnische Wehrpflichtige messen Strahlenwerte in einem Schutzraum in Kuopio, 2. September 2026
Finnische Wehrpflichtige messen Strahlenwerte in einem Schutzraum in Kuopio, 2. September 2026 Emma Burrows/Copyright 2026 The AP. All rights reserved

Die Angriffe umfassen Brandstiftungen, Attacken auf Wasserwerke und Kraftwerke sowie den Einsatz von Drohnen für Sabotageflüge im Luftraum der Europäischen Union. Die finnische Grenze zu Russland ist mehr als 1.300 Kilometer lang und reicht vom Ostseeraum bis zum Polarkreis.

2024 trat Finnland gemeinsam mit Schweden der NATO bei – als Reaktion auf den russischen Großangriff auf die Ukraine. Zuvor hatten sich die Finnen darauf eingestellt, Russland weitgehend allein die Stirn zu bieten.

Lehren aus der Ukraine

Die Verteidigung Finnlands beruht nicht nur auf der Armee. Entscheidend sei auch die "Haltung" der Bevölkerung, sagt der pensionierte Oberst Asko Muhonen. Die Menschen müssten bereit sein, Verantwortung für die Sicherheit ihres Landes zu übernehmen. Muhonen, der die Übung in Kuopio organisiert hat, führt diese Haltung auch auf die allgemeine Wehrpflicht zurück.

Sie blieb in Finnland bestehen – auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Nicht alle sind begeistert vom Militärdienst. Doch "es ist unsere Pflicht, diesem Land zu dienen und es zu schützen, so wie es die Menschen vor uns getan haben. Deshalb sind wir unabhängig", sagt der 23-jährige Wehrpflichtige Jyry Pietikainen. Bei der Übung hat er gelernt, wie der Schutzraum in Kuopio über Nacht betrieben wird. Finnland müsse außerdem aus den Erfahrungen der Ukraine lernen, sagt Muhonen.

Fahrzeuge brennen vor Lagerhallen nach einem russischen Luftangriff in Kyjiw, 2. September 2026
Fahrzeuge brennen vor Lagerhallen nach einem russischen Luftangriff in Kyjiw, 2. September 2026 AP Photo

Der größte Schutzraum in Kuopio bietet Platz für 7.000 Menschen. In der Ukraine haben die Menschen oft nur wenige Minuten, um in eine U-Bahn-Station oder ein unterirdisches Parkhaus zu fliehen. Deshalb brauche es Zufluchtsorte, die schnell erreichbar sind und zumindest einen gewissen Schutz bieten. Es müsse nicht zwingend ein Bunker sein, der einem Atomschlag standhält, erklärt Muhonen.

Der 20-jährige Dmytro Untila, ein ukrainischer Student an der Universität in Kuopio, war am 24. Februar 2022 zu Hause in Odessa, als russische Raketen seine Stadt trafen – am ersten Tag des Krieges. Er flüchtete in den Eingangsbereich seines Wohnhauses, "weil ich keinen anderen Ort hatte", erzählt er. Eine Ausbildung für solche Situationen hätte der Ukraine sehr geholfen, sagt er: "Niemand wusste, dass so etwas passieren könnte."

Die größte Gefahr für die Energieversorgung in der Region Kuopio seien bislang starker Schneefall, Stürme und schlechtes Wetter, sagt Juha Räsänen, Geschäftsführer des Stromversorgers Savon Voima. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine und der Entscheidung des Unternehmens, kein russisches Biobrennstoff mehr zu kaufen, habe die Zahl der Cyberangriffe auf das Netz deutlich zugenommen, so Räsänen.

Im vergangenen Jahr entdeckten Techniker zudem mindestens zehn Aufkleber an besonders sensiblen Stellen der Infrastruktur. Auch andere Energieversorger in Finnland fanden solche Markierungen. Woher sie stammen, ist bislang unklar, berichtet er.

"Wenn es genau dort zu einer Explosion käme, könnte ein ganzer Staudamm zerstört werden", sagt Räsänen. Auch über Stromleitungen seien Drohnen gesichtet worden. Wer dahintersteckt, ist jedoch unbekannt. Gegen alle Bedrohungen könne die Infrastruktur nicht geschützt werden, sagt Räsänen.

Umso wichtiger sei es, dass die Menschen sich im Notfall mindestens 72 Stunden selbst versorgen können – etwa wenn der Strom ausfällt oder das Wasser nicht mehr trinkbar ist. Der finnische Sicherheits- und Nachrichtendienst teilte mit, er habe "eine breite Palette von Beobachtungen" geprüft und dabei nichts Besorgniserregendes festgestellt. Seit 2022 seien die Menschen wegen der Sicherheitslage aufmerksamer und meldeten deshalb auch Dinge wie reflektierende Aufkleber, die mit Vermessungsarbeiten zusammenhängen könnten.

Auch Drohnensichtungen ließen sich "größtenteils durch alltägliche Vorgänge erklären". "Es passiert ständig etwas Kleines", sagt die 32-jährige Vuokko Lahtinen, die gerade eine Sauna in Kuopio besucht. Dazu gehöre auch die Störung von GPS-Signalen durch Russland. Deshalb sei "die beste Verteidigung für Finnland, Angriffe unattraktiv zu machen", sagt sie.

Menschen stehen am Eingang eines Schutzraums in Kuopio, der chemischen, nuklearen und biologischen Angriffen standhalten soll, 2. September 2026
Menschen stehen am Eingang eines Schutzraums in Kuopio, der chemischen, nuklearen und biologischen Angriffen standhalten soll, 2. September 2026 AP Photo

Dazu brauche es eine starke Armee und Zivilschutzstrukturen, aber ebenso Finninnen und Finnen, die das Gefühl haben: „Wir haben etwas, für das wir kämpfen wollen“, sagt Lahtinen.

In Finnland gebe es ein „allgemeines Verantwortungsgefühl“, das aus lokalen Gemeinschaften und sogar aus Initiativen wie dem Recycling entstanden sei, erklärt sie.

„Im ganz einfachen Alltag gilt: Wenn du etwas tust, das zählt, hat es einen Schmetterlingseffekt“, sagt Lahtinen.

Finnland und die Sowjetunion

In den Kriegen mit der Sowjetunion verlor Finnland rund elf Prozent seines Staatsgebiets. Mehr als 400.000 Menschen – etwa zwölf Prozent der Bevölkerung – mussten ihre Heimat verlassen. Das Gebiet gehört heute zu Russland. Im Veteranenmuseum von Kuopio zeigt der 95-jährige Risto Mönkkönen ein Blatt Papier.

Darauf hat er die Tage notiert, an denen die Stadt bombardiert wurde, und wer dabei ums Leben kam. „Ich kann das nicht vergessen“, sagt er. Als Kind sei er gemeinsam mit seinem Vater in einen Schutzraum gerannt. Bei einem Bombeneinschlag wurden fünf Freunde seines Vaters getötet. Die 102-jährige Pirkko Naukkarinen erinnert sich daran, wie sie mit 16 Jahren in einer Feldküche an der Front arbeitete. Sie teilte sich mit Soldaten Erdlöcher und sprang in Gräben, wenn die sowjetische Luftwaffe die sich zurückziehende finnische Armee angriff.

Finnische leichte Artillerie auf Patrouille auf der Karelischen Landenge, 3. Januar 1940
Finnische leichte Artillerie auf Patrouille auf der Karelischen Landenge, 3. Januar 1940 AP Photo

Die 92-jährige Aili Toivanen erzählt, dass sie während der verschiedenen Kriege zweimal ihr Zuhause verlassen musste. Beide Male gaben ihr finnische Soldaten und ihrer Familie nur eine Stunde Zeit, um das Wichtigste zu packen. Beim ersten Mal blickte sie zurück und sah ihr brennendes Haus. Finnische Soldaten hätten es in Brand gesetzt, damit den Feinden nichts zurückbleibt, berichtet sie.

Beim zweiten Mal wurde der Zug, mit dem die Familie fliehen wollte, von der sowjetischen Luftwaffe bombardiert. Sie sprangen aus dem Zug und versteckten sich in Gräben, bevor sie schließlich in Kuopio Zuflucht fanden. Als Putin 2022 die Ukraine überfiel, hatte sie erneut Angst, ihr Zuhause verlassen zu müssen. Mit Tränen in den Augen erinnert sie sich daran.

Üben für den Ernstfall

In den Schutzraum von Kuopio strömten Tausende Menschen – darunter auch Schulkinder und Studierende. "Kinder müssen das wissen, denn sie können in die Situation kommen, allein handeln zu müssen. Erwachsene können nicht immer helfen", sagt die elfjährige Amanda Hill. Ihre Klasse verbrachte den Tag im Schutzraum und hatte dort Unterricht.

Menschen nehmen an der Zivilschutzübung Shelter 2026 in Kuopio teil, 2. September 2026
Menschen nehmen an der Zivilschutzübung Shelter 2026 in Kuopio teil, 2. September 2026 AP Photo

Auf dem Boden des Schutzraums, umgeben von anderen Wehrpflichtigen, erklärt Pietikainen, warum es sinnvoll ist, für den Krisenfall zu üben. "Wir sind Finnen, wir sind irgendwie eher pessimistisch", sagt er. "Die Geschichte zeigt, was mit Russland passieren kann."

Mit Blick auf die Drohungen aus Moskau sagt Muhonen: "Glaubt nicht, was sie sagen, sondern schaut darauf, was sie tun."

Weitere Quellen • AP

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