Loader
Finden Sie uns
Werbung

Start-up-Boom in Deutschland: Was läuft gut und was bremst die Gründer

Foto: Cherrydeck / Unsplash
Foto: Cherrydeck / Unsplash -  Copyright  Euronews courtesy of EU Tech Loop
Copyright Euronews courtesy of EU Tech Loop
Von EU Tech Loop with Euronews
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Das deutsche Start-up-Ökosystem nimmt Fahrt auf: 2026 entstanden 3053 Neugründungen, so viele wie zuletzt 2019. Mit guter Politik in Berlin und Brüssel kann dieser Aufschwung weiter wachsen.

Dieser Artikel wurde von Jens Teutrine verfasst, DACH‑Vertreter (Deutschland, Österreich und Schweiz) beim Consumer Choice Center und ehemaliger Abgeordneter des Deutschen Bundestags. Die in diesem Beitrag geäußerten Ansichten stammen vom Autor und entsprechen nicht zwingend der offiziellen Politik oder Position von EU Tech Loop oder Euronews.

WERBUNG
WERBUNG

Über Jahre klangen viele deutsche Nachrichtenberichte ähnlich: Eine Start‑up‑Flaute im Land der Dichter und Denker. Junge Menschen zog es eher in den öffentlichen Dienst. Eine überbordende Bürokratie bremste Unternehmen aus – als wäre die Suche nach der legendären Genehmigung A38 aus dem Zeichentrickfilm „Die zwölf Prüfungen für Asterix“ Realität geworden.

Zugleich fehlt in Deutschland eine Kultur, die Erfolg feiert, Scheitern nicht stigmatisiert und zum Risiko ermutigt.

Trotz der schwachen Wirtschaft gibt es nun aber ermutigende Signale: Der deutsche Start‑up‑Sektor gewinnt an Dynamik.

Im ersten Halbjahr 2026 wurden 3.053 Start‑ups gegründet, so viele wie nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2019. Rund ein Drittel dieser neuen Unternehmen weist laut einem Bericht des Startup‑Verbands und von Startupdetector einen klaren Bezug zu Künstlicher Intelligenz auf.

Ist das eine Folge des schwachen Arbeitsmarkts? Beschleunigt KI die Gründungswelle? Welche Rolle spielt der Dual‑Use‑Bereich mit zivilen und militärischen Anwendungen? Oder handelt es sich nur um einen kurzfristigen Trend? Ursachen und Dauer des Aufschwungs bleiben offen.

Neu gegründete Start-ups in Deutschland seit 2019, (c) Startup Verband, Startup Detector, 2026.
Neu gegründete Start-ups in Deutschland seit 2019, (c) Startup Verband, Startup Detector, 2026. Euronews courtesy of EU Tech Loop

Beim Wachstum zeigt sich ein gemischtes Bild. Nach dem EY Start‑up‑Barometer sammelten deutsche Start‑ups im gleichen Zeitraum rund 5,3 Milliarden Euro Wagniskapital ein, 14 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Zugleich ging die Zahl der Finanzierungsrunden um 11 Prozent zurück. Große Deals bündelten etwa zwei Drittel des investierten Kapitals. EY warnt deshalb, dass junge und kleine Firmen beim Zugang zu Geld oft leer ausgehen.

Deutschland und Europa: Das muss sich ändern

Mit den richtigen politischen Weichenstellungen ließe sich der noch fragile Gründungsaufschwung deutlich verstärken. Dann gäbe es wohl weit mehr solcher Erfolgsgeschichten.

Dafür müssen neue Wettbewerber einfacher Unternehmen gründen, Kapital einsammeln und Kundinnen und Kunden im gesamten Binnenmarkt erreichen können.

Zunächst braucht Deutschland einen einfachen, vollständig digitalen Gründungsprozess. Bevor sie ihr erstes Produkt verkaufen, müssen Gründerinnen und Gründer zum Notar gehen, Formulare für das Finanzamt ausfüllen und je nach Geschäftsmodell weitere Anmeldungen sowie Nachweise organisieren.

Bevor sie ihren ersten Euro verdienen, investieren sie bereits Zeit und Geld in Papierkram – Ressourcen, die dann bei der Produktentwicklung und der Kundengewinnung fehlen.

EU Tech Loop hat kürzlich einen Artikel (Quelle auf Englisch) über den bürokratischen Wahnsinn rund um die Unternehmensgründung in Deutschland veröffentlicht: „Genehmigung A38 im echten Leben“.

Ein Onlineformular hilft wenig, wenn dahinter weiterhin mehrfach Unterlagen eingereicht werden müssen und Gründerinnen und Gründer jede Behörde einzeln abarbeiten. Es braucht kurze, verbindliche Bearbeitungsfristen. Bereits vorhandene Daten müssen von den zuständigen Stellen geteilt und genutzt werden können. Und insgesamt sollte es schlicht weniger Nachweispflichten geben.

Deutschland ist vom Ziel, eine Firma innerhalb von 48 Stunden gründen zu können, noch weit entfernt. Ob eine Start‑up‑Politik funktioniert, zeigt sich an realer Zeit, tatsächlichen Kosten und dem Aufwand für Verwaltung.

Zweitens muss privates Wachstumskapital leichter verfügbar werden. Dafür braucht es verlässliche Regeln für Investitionen und funktionierende Mitarbeiterbeteiligungsmodelle, die jungen Unternehmen helfen, Fachkräfte zu gewinnen. Öffentliche Programme sollten danach bewertet werden, ob sie zusätzliches privates Kapital mobilisieren.

Ein steigender Gesamtinvestitionsbetrag allein reicht als Erfolgsnachweis nicht aus. Wichtig ist auch, wie breit die Förderung über Unternehmen und Entwicklungsphasen verteilt ist. Eine vertiefte Kapitalmarktunion könnte es jungen Firmen erleichtern, Investorinnen und Investoren aus ganz Europa zu gewinnen.

Drittens muss der Binnenmarkt für junge Unternehmen einfacher zu nutzen sein. Der Vorschlag „EU Inc.“ der Kommission setzt an einem sinnvollen Punkt an: einer optionalen europäischen Rechtsform, mit der sich Unternehmen digital binnen 48 Stunden gründen lassen und gesellschaftsrechtliche Verfahren einfacher werden sollen.

Deutschland und die EU sollten diesen Ansatz weiterentwickeln. Der Vorschlag ersetzt sektorale Regeln jedoch nicht und hält an der nationalen Notarkontrolle fest. Die gilt bislang als eines der größten administrativen Hindernisse für deutsche Start‑ups.

Entscheidend wird sein, ob Unternehmen tatsächlich mit weniger Verwaltungsaufwand über Grenzen hinweg wachsen können. Dafür muss die Stärkung des europäischen Marktes wieder zu einer Priorität der EU‑Gesetzgebung werden.

Verbraucherinnen und Verbraucher profitieren, wenn neue Anbieter etablierte Unternehmen mit besseren Leistungen und attraktiveren Preisen herausfordern. Es braucht eine Stimme für die Mutigen, die Risikofreudigen und die Underdogs: jene, die noch am Aufbau sind und nicht bereits so etabliert, dass sie die Regeln zu ihren Gunsten mitgestalten können.

Diese Geschichte ist ursprünglich auf EU Tech Loop (Quelle auf Englisch) erschienen und wurde im Rahmen einer Syndizierungsvereinbarung auf Euronews erneut veröffentlicht.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Kasachstan will Kryptominer mit Strom aus überschüssigem Ölfeldgas versorgen

Stoppt das EU-KI-Gesetz „Housefishing“ im Immobilienmarkt?

Wie KI und Roboter Menschen mit Alzheimer Gesellschaft leisten