Wie wir sprechen, kann zeigen, wie schnell wir altern. Eine alt klingende Stimme steht laut Forschenden in Verbindung mit Demenz und Gehirnveränderungen.
Wie ein Mensch spricht, verrät offenbar mehr über Gesundheit und Alterungsprozesse als bisher angenommen. Das zeigt eine neue Studie (Quelle auf Englisch), die ein automatisiertes Computerwerkzeug namens „speech clock“, auf Deutsch etwa „Sprach-Uhr“, einsetzt. Die Forschenden sprechen von einem „Sprachalter“, das nicht nur mit dem Klang der Stimme zu tun hat. Es spiegele Vorgänge im Körper wider und könnte zu einer kostengünstigen, nicht invasiven und vollautomatischen Methode werden, um biologische Alterung zu erfassen.
„Unsere Stimme enthält offenbar deutlich mehr Informationen über das Altern, als wir bisher erkannt haben“, sagte Agustín Ibáñez, Seniorautor der Studie am Trinity College Dublin.
Ein Computerprogramm berechnete für jede Person ein Sprachange und setzte es in Beziehung zum Geburtsalter. So ließ sich erkennen, ob jemand jünger, ungefähr seinem Alter entsprechend oder älter klingt – und welche Hinweise das auf gesundes Altern gibt.
„Es erfasst den Ablauf der Zeit und zugleich Signale aus der Kognition, dem Gehirn, der Systembiologie und sogar unserer angesammelten sozialen Umwelt“, ergänzte Ibáñez.
Das Team analysierte Tonaufnahmen von fast 3.000 spanischsprachigen Erwachsenen aus mehreren Ländern Lateinamerikas. Die Teilnehmenden erledigten verschiedene Aufgaben: Sie beschrieben einen kurzen Animationsfilm, erzählten eine Geschichte nach einer Pause von 20 Minuten nach und nannten Begriffe aus vorgegebenen Kategorien.
Mithilfe von maschinellem Lernen untersuchten die Forschenden Hunderte Merkmale der Sprache und des Sprechens. Dazu gehörten Sprechtempo und Pausen, Tonhöhe, emotionale Färbung, Wortschatz und semantische Genauigkeit. Aus diesen Daten leiteten sie das chronologische Alter ab und berechneten für jede Person eine individuelle „Sprach-Alterslücke“.
Was ‚ältere‘ Sprache verrät
Die Sprach-Uhr konnte gesunde Personen von Menschen mit Demenz unterscheiden. Gesunde Teilnehmende wiesen die geringsten Sprach-Alterslücken auf. Deutlich größere Abweichungen zeigten sich bei Menschen mit Alzheimer und bestimmten Formen der frontotemporalen Demenz.
Wer für sein Lebensalter deutlich „älter“ klingt, zeigte Anzeichen beschleunigter Alterung in mehreren biologischen und klinischen Systemen. MRT-Aufnahmen des Gehirns deuteten auf stärkeren Verlust von Hirnsubstanz und veränderte Aktivität hin.
Hohe Werte für „ältere“ Sprache gingen zudem mit erhöhten Konzentrationen des Proteins p-Tau217 im Blut einher, das eng mit der Alzheimer-Krankheit verbunden ist.
Teilnehmende mit älter wirkender Sprache schnitten in Tests zu Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Problemlösen schlechter ab. Dieser Zusammenhang zeigte sich nicht nur bei sprachbezogenen Aufgaben, sondern auch bei nichtsprachlichen Tests, etwa zur visuellen Erinnerung.
„Der übergeordnete Befund ist bemerkenswert: Die Stimme eines Menschen kann einen erstaunlich kompakten Überblick über viele Dimensionen des Alterns liefern“, sagte Ibáñez.
Faktoren wie chronologisches Alter, Hirnalterung, Kognition sowie typische Muster von Alzheimer und anderen Demenzformen werden bislang mit sehr unterschiedlichen, oft teuren Verfahren gemessen. Nach Angaben der Forschenden verdichten sie sich jedoch in der Art und Weise, wie jemand spricht.
Viele gängige Methoden zur Bestimmung der biologischen Alterung erfordern MRT-Geräte, Blutproben oder spezialisierte klinische Untersuchungen. Die „speech clock“ bietet dagegen eine preiswerte, nicht invasive und automatisierte Alternative. Sie lässt sich aus der Ferne auf Standardgeräten einsetzen, ohne dass medizinisches Fachpersonal nötig ist.
Die Forschenden betonen allerdings, dass die Sprach-Uhr noch kein diagnostischer Test für Demenz ist. Sie kann derzeit nicht vorhersagen, ob ein älter wirkendes Sprachprofil später tatsächlich mit einem Abbau kognitiver Fähigkeiten einhergeht.