Im Abschnitt des Tian-Schan-Gebirges von Südostkasachstan bis Kirgisistan wächst der wilde Sievers-Apfel, Urform aller heutigen Sorten. Wie gelangte er aus Zentralasien in Obstgärten weltweit?
Der unscheinbare Apfel gehört zu den günstigsten, am weitesten verbreiteten und beliebtesten Früchten auf unserem Speiseplan. Doch wie ist er über Kontinente gereist und schließlich auf Ihrem Tisch gelandet?
Lange blieb die Geschichte des Apfels im Dunkeln. Dank genetischer Forschung wissen wir heute, dass zwei Wildapfelarten, Malus sieversii aus Zentralasien und Malus sylvestris aus Europa, eine zentrale Rolle bei der Entwicklung unserer Kulturäpfel gespielt haben.
In den Tian-Shan-Bergen in Zentralasien wachsen bis heute ausgedehnte Wälder von Malus sieversii, dem Sievers-Wildapfel.
Die Art wurde nach dem deutschen Botaniker Johann August Carl Sievers benannt. Er beschrieb im 18. Jahrhundert die Wildapfelwälder, die er in der Region vorfand.
„In den 1930er-Jahren untersuchte der Wissenschaftler Nikolai Wawilow die Wälder Zentralasiens und stellte fest, dass Kasachstan die Heimat des Sievers-Apfels ist“, sagt Gulnara Sitbajewa, Doktorin der Biowissenschaften.
„In einer Studie analysierten Forschende mehr als 10 000 Kulturapfelsorten. Dass 46 Prozent der Proben genetisches Material des Sievers-Apfels enthielten, beweist, dass er ein Vorfahr der modernen Kulturäpfel ist“, ergänzt sie.
Wie hat sich der Sievers-Apfel von Zentralasien aus in die übrige Welt verbreitet?
Zunächst verbreiteten Vögel und andere Tiere die Apfelsamen an den Hängen des Tian Shan. Später nahmen Menschen die Wildäpfel mit auf ihren Reisen entlang der Seidenstraße.
Sievers-Apfelblüte: Kasachstan feiert ein Naturwunder
Heute gilt die Blüte des Sievers-Apfels als eines der eindrucksvollsten Naturschauspiele Kasachstans. Viele vergleichen sie mit der berühmten Kirschblüte in Japan.
Jedes Frühjahr richtet die Region Schjetissu ein Festival zur Sievers-Apfelblüte aus.
Für das Fest entsteht ein traditionelles Jurtenlager. Dazu kommen Ausstellungen mit Kunsthandwerk und Workshops. Besuchende können traditionelle Sportarten verfolgen und selbst an volkstümlichen Spielen teilnehmen.
Almaty und New York: Was die Städte mit dem Apfel verbindet
New York trägt den Spitznamen „Big Apple“. Almaty dagegen ist eine Stadt, deren Name direkt auf den Apfel verweist.
Auf Kasachisch bedeutet „alma“ Apfel, und der Name Almaty steht traditionell für einen Ort mit vielen Äpfeln. Hier ist die Frucht nicht nur Teil des Stadtnamens, sondern Symbol des besonderen Stadtgeistes.
Almaty liegt zu Füßen der Berge, an deren Hängen seit Jahrhunderten Wildapfelbäume wachsen. Formen und Motive des Apfels finden sich in der Stadtgestaltung, an Verzierungen, in Skulpturen, Wandbildern und vielen öffentlichen Räumen.
Mit der Zeit entstanden Obstgärten und Sorten, die weit über die Region hinaus bekannt wurden. Eine der berühmtesten heißt Aport. Sie wurde gezielt herausgezüchtet und ist für ihre großen Früchte und ihren charakteristischen Duft bekannt.
Seit fast 20 Jahren baut Iwan Sergejew mit seiner Familie den legendären Aport an.
„Der Duft der Aport-Äpfel erinnert an französisches Parfüm. Die Schale dieser Äpfel ist zudem sehr zart, deshalb ernten wir die gesamte Frucht per Hand“, sagt er.
„In meinem Obstgarten stehen auch Sievers-Apfelbäume. Der wichtigste Unterschied zwischen Sievers und Aport: Sievers ist ein Wildapfel, der Baum kann 250 bis 300 Jahre alt werden. Aport-Bäume erreichen etwa 40 bis 70 Jahre.“
Heute sind Apfelplantagen auch Ausflugsziele. Rund um Almaty laden Höfe im Erntezeitraum dazu ein, durch die Anlagen zu spazieren und Äpfel direkt von den Bäumen zu pflücken.
Außerdem richtet Almaty jedes Jahr das Alma Fest aus, ein großes Erntefest, zu dem Landwirtinnen und Landwirte ihre Äpfel aus den eigenen Obstgärten mitbringen.
Hier erleben Gäste Äpfel in vielen Varianten: als frischen Saft, getrocknete Scheiben, Konfitüren und andere Produkte. In diesem Jahr brachten die Teilnehmenden mehr als 200 Tonnen Äpfel zum Festival.