Offiziell bestreiten die russischen Behörden einen Pest-Ausbruch. Doch die massiven Anti-Epidemie-Maßnahmen wecken bei Bewohnern und unabhängigen Medien Zweifel: Was ist in der Region Irkutsk wirklich passiert?
Der Tod einer jungen Mitarbeiterin des Irkutsker Antipest-Forschungsinstituts, Quarantänemaßnahmen in Krankenhäusern, Hunderte isolierte Kontaktpersonen und widersprüchliche Aussagen von Behördenvertretern haben in den vergangenen Tagen zu vielen Gerüchten in ganz Russland geführt.
Irkutsk: Was bisher bekannt ist
Auslöser der Geschichte ist der Tod der 28-jährigen Mitarbeiterin des Irkutsker wissenschaftlichen Antipest-Instituts, Darja Schipilowa. Nach Berichten unabhängiger und regionaler Medien wurde sie Ende September in das Kreiskrankenhaus von Schelechow eingeliefert und starb in der Nacht zum 2. Oktober. Mehrere Medien und Telegram-Kanäle meldeten, Ursache sei eine Lungenform der Pest gewesen.
Nach Angaben lokaler Journalisten begann die Verwaltung nach ihrem Tod, ihre Kontakte rasch zu ermitteln. Etwa 200 Menschen kamen unter Beobachtung und in Quarantäne. In verschiedenen Veröffentlichungen schwanken die Zahlen zwischen 189 und 197 Kontaktpersonen. Bei den meisten Untersuchten traten jedoch keine Krankheitssymptome auf, erste Tests fielen negativ aus.
Offizielle Darstellung Russlands
Die offizielle Version unterscheidet sich deutlich von den Informationen, die unabhängige Medien verbreiten.
Der Gouverneur der Oblast Irkutsk, Igor Kobsew, sprach lediglich von einem Verdacht auf eine „besonders gefährliche Infektion“ und kündigte eine außerordentliche Sitzung der sanitären Antiepidemiekommission unter Beteiligung der Leiterin von Rospotrebnadsor, Anna Popowa, an. Die Behörden nannten die Krankheit zunächst nicht beim Namen.
Später erklärte Rospotrebnadsor, die Institutsmitarbeiterin sei an „Pneumonie unklarer Ätiologie“ gestorben. Die Behörde betonte, im Biomaterial der Verstorbenen seien keine Mikroorganismen nachgewiesen worden, die mit ihrer beruflichen Tätigkeit zusammenhängen, und spezielle Kommissionen hätten im Institut keine Zwischenfälle bei der Arbeit mit pathogenen Mikroorganismen festgestellt. Die sanitäts-epidemiologische Lage in der Region bleibe nach Darstellung der Behörde stabil.
Der Sprecher des Kremls, Dmitri Peskow, forderte ebenfalls dazu auf, sich ausschließlich an den Angaben von Rospotrebnadsor zu orientieren.
Warum Zweifel an der offiziellen Version wachsen
Im Mittelpunkt steht die Diskrepanz zwischen den Aussagen von Beamten und dem Ausmaß der ergriffenen Maßnahmen.
Trotz der offiziellen Erklärung von einer „Pneumonie unklarer Ätiologie“ isolierten die Behörden fast 200 Kontaktpersonen, entsandten Sonderkommissionen in das Institut, und die Chefin von Rospotrebnadsor reiste persönlich nach Irkutsk. Zudem meldeten lokale Medien und Patienten, dass Quarantäneauflagen nicht nur das Schelechower Krankenhaus, sondern auch mehrere medizinische Einrichtungen in Irkutsk trafen.
Das Portal „Ljudi Baikala, auf das sich viele unabhängige Medien beriefen, berichtete von Quarantäne in mehreren städtischen Krankenhäusern und einem der Geburtskliniken. Ähnliche Informationen griffen später „Meduza“, Deutsche Welle und weitere Medien auf.
Außerdem seien nach Angaben von Medienquelle mehr als 60 Beschäftigte des Antipest-Instituts für mehrere Tage faktisch im Gebäude isoliert worden.
WHO, Europa und USA verlangen Klarheit
Die Geschichte reicht inzwischen weit über die Grenzen der Oblast Irkutsk hinaus.
Nach Angaben mehrerer Medien verfolgen die Behörden der USA die Lage. Das Portal Axios berichtete darüber unter Berufung auf einen Vertreter der US-Regierung.
Zudem erschienen Berichte über verschärfte Gesundheitskontrollen an den Grenzen von Kasachstan und Kirgistan. Die Regierungen dieser Länder erklärten, sie beobachteten die Entwicklung im Nachbarstaat Russland.
Für asiatische Staaten ist das Thema besonders sensibel, da es natürliche Pesterreger-Herde in der Mongolei und in einigen Regionen Chinas gibt und die Grenzgebiete regelmäßig unter epidemiologischer Beobachtung stehen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte, sie halte das Risiko für die öffentliche Gesundheit im Zusammenhang mit dem Vorfall in der Oblast Irkutsk für gering. Demnach gilt das Risiko für die Region selbst als niedrig bis moderat, für Russland insgesamt als niedrig und für die europäische WHO-Region als sehr niedrig.
Die Organisation betonte, dass die russischen Behörden den Kreis der Kontaktpersonen der verstorbenen Laborangestellten ermittelt hätten und diese überwachten. Nach den vorliegenden Daten wurden bei den Menschen, die mit ihr in Kontakt waren, keine Erreger gefährlicher Infektionskrankheiten festgestellt.
Die WHO teilte mit, sie verfolge die Situation weiter und sei bereit, die russischen Behörden bei Bedarf zu unterstützen.
Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) teilte Euronews mit, es „verfolge die Lage aufmerksam“ und stehe in Kontakt mit der Weltgesundheitsorganisation.
„Wir sind über einen Fall von Pneumonie unbekannter Herkunft im Osten Russlands informiert, bei dem der Verdacht auf Pest besteht. Dieser Verdacht ist bislang nicht bestätigt“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme eines Vertreters der Organisation.
Inoffizielle Versionen des möglichen Infektionswegs
In den Medien und auf Telegram kursieren zwei Hauptversionen.
Die erste besagt, die Mitarbeiterin könne im Labor versehentlich ein Röhrchen mit einem Pesterreger zerbrochen haben. Genau diese Version verbreiteten die Kanäle SHOT, Baza und mehrere regionale Medien besonders aktiv.
Doch eine Reihe von Experten hält die Annahme, die Institutsmitarbeiterin habe sich nach dem Bruch eines Röhrchens mit einem Pesterreger infiziert, für wenig plausibel. Sie verweisen darauf, dass Arbeiten mit derart gefährlichen Pathogenen in hermetisch abgeschlossenen Sicherheitsboxen und Schutzanzügen stattfinden und es für Zwischenfälle strenge Dekontaminationsprotokolle gibt. Außerdem weisen Fachleute darauf hin, dass ähnliche Symptome auch andere Infektionen auslösen können, während keine offiziellen Informationen über PCR-Testergebnisse veröffentlicht wurden, die eine Pestinfektion bestätigen könnten.
Nach der zweiten Version könnte die Infektion mit Feldforschungen oder einer Dienstreise in eine Region zusammenhängen, in der es natürliche Pestherde gibt. Der Präsident der Republik Burjatien, Alexej Zydjenow, erklärte jedoch öffentlich, Angaben über einen Aufenthalt der Verstorbenen in Burjatien entsprächen nicht der Wirklichkeit.
Keine dieser Versionen ist bislang offiziell bestätigt.
Wie russische Medien berichten
Die föderalen staatlichen Medien greifen vor allem die Position von Rospotrebnadsor auf und betonen die Stabilität der sanitären Lage. Sie stellen das Fehlen einer bestätigten Diagnose „Pest“ und die negativen Testergebnisse der Kontaktpersonen in den Vordergrund.
Unabhängige und regionale Medien konzentrieren sich dagegen auf die Diskrepanz zwischen offiziellen Verlautbarungen und dem tatsächlichen Handeln der Behörden. In ihren Berichten werden regelmäßig Quarantänemaßnahmen, die große Zahl isolierter Menschen und die Schließung medizinischer Einrichtungen erwähnt.
De facto haben sich zwei parallele Informationsnarrative herausgebildet: ein staatlicher, der behauptet, es gebe keine Bedrohung, und ein unabhängiger, der die Frage stellt: „Warum waren dann so strenge Maßnahmen nötig?“
Soziale Netzwerke: Panik, Gerüchte und Informationslücke
Vor allem die sozialen Netzwerke treiben die Geschichte voran.
Die Telegram-Kanäle SHOT, Baza, Ostorozhno, novosti und andere meldeten als Erste eine mutmaßliche Lungenpest und den Tod der Institutsmitarbeiterin. Später tauchten Fotos von Menschen in Schutzanzügen auf, Berichte über Quarantäne und Schilderungen von Angehörigen von Krankenhauspatienten.
Im Netz entstand daraufhin ein regelrechter Informationssturm. Nach Angaben russischer Medien erreichten Suchanfragen rund um die Pest innerhalb weniger Tage Millionen von Aufrufen.
Auffällig ist, dass viele Diskussionen gerade durch den Mangel an offiziellen Informationen befeuert wurden. Je länger die Behörden eine klare Antwort auf die Frage nach der Diagnose der Verstorbenen vermieden, desto schneller verbreiteten sich Gerüchte.
Was weiterhin ungeklärt bleibt
Mehrere Tage nach Beginn der Geschichte bleiben zentrale Fragen offen:
- Wie lautet die endgültige Diagnose der verstorbenen Mitarbeiterin?
- Warum wurden derart weitreichende Quarantänemaßnahmen eingeführt?
- Wurden tatsächlich Hunderte Kontaktpersonen isoliert?
- Warum tauchten im öffentlichen Raum einander widersprechende Aussagen verschiedener Amtsträger auf?
- Und schließlich: Hängt die Geschichte überhaupt mit der Pest zusammen?
Offizielle Stellen beharren bislang auf der Version einer Pneumonie unklarer Ätiologie. Doch das Ausmaß der Maßnahmen und die anhaltende Informationsspannung lassen die Sache für viele nicht als erledigt erscheinen. Daher bleibt die Episode aus der Oblast Irkutsk eines der aufsehenerregendsten und rätselhaftesten epidemiologischen Ereignisse der vergangenen Tage.
Selten, aber gefährlich: Was über die Pest bekannt ist
Die Pest ist eine akute Infektionskrankheit, ausgelöst durch das Bakterium Yersinia pestis. In natürlichen Herden zirkuliert der Erreger unter kleinen Säugetieren und deren Flöhen. Am weitesten verbreitet ist die bubonische Form, die das Lymphsystem befällt. Die pneumonische Form kommt seltener vor, gilt jedoch als besonders gefährlich, da sie von Mensch zu Mensch über Tröpfcheninfektion übertragen werden kann.
Die letzten dokumentierten Pestfälle in Russland wurden im Altai registriert. Im Jahr 2016 diagnostizierten Ärzte bei einem zehnjährigen Jungen aus Kosch-Agatsch eine bubonische Form der Krankheit, nachdem er sich bei der Zerlegung eines Murmeltiers nach der Jagd infiziert hatte. Zuvor hatte es in der Region in den Jahren 2014 und 2015 ähnliche Fälle gegeben: Damals erkrankten zwei Erwachsene nach Kontakt mit Murmeltieren. Trotz bestehender natürlicher Pestherde in mehreren Landesteilen sind Erkrankungen bei Menschen in Russland äußerst selten.