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Wie war das mit der Pest in Deutschland? Experten sprechen Klartext

Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom - Historische Darstellung der Pest
Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom - Historische Darstellung der Pest -  Copyright  Eugen Holländer, Die Karikatur und Satire in der Medizin: Medico-Kunsthistorische Studie von Professor Dr. Eugen Holländer, Stuttgart:Ferdinand Enke, 1921)
Copyright Eugen Holländer, Die Karikatur und Satire in der Medizin: Medico-Kunsthistorische Studie von Professor Dr. Eugen Holländer, Stuttgart:Ferdinand Enke, 1921)
Von Kirsten Ripper & Euronews
Zuerst veröffentlicht am
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Die Sorge nach dem Zwischenfall in einem Pest-Labor in Russland macht weltweit Schlagzeilen. Deutsche Pest-Experten beantworten Euronews die Frage, was wir aus der Geschichte des "Schwarzen Todes" für heute lernen können.

Nachdem in Sibirien eine 28-jährige Laborantin, die im Irkutsker Institut zur Pestbekämpfung arbeitete, an einer "Lungenentzündung unbekannter Herkunft" verstorben ist, bleiben viele Fragen unbeantwortet. Zuletzt schlug auch US-Präsident Donald Trump Alarm.

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Doch wie gefährlich ist die Lage wirklich? Und wie kann die Pest-Forschung helfen, den aktuellen Fall einzuordnen?

Wo und wann war der Schwarze Tod in Deutschland am schlimmsten?

Schon während der Lockdowns verglichen viele das Coronavirus mit den Pest-Epidemien vergangener Jahrhunderte. An der Pestsäule in Wien legten die Menschen während der Covid-19-Krise Blumen nieder.

Dabei ist die Pest in Mitteleuropa viel älter, als man oft denkt, erklärt Euronews der Archäogenetiker Prof. Dr. Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. "Das Pestbakterium Yersinia pestis lässt sich über die DNA aus Skeletten schon in der Jungsteinzeit und Bronzezeit nachweisen, auch in Süddeutschland - etwa im Raum Augsburg."

Krause sagt: "Am bekanntesten ist der Schwarze Tod von 1346 bis 1353. Er erreichte das Gebiet des Heiligen Römischen Reichs ab 1348 aus Italien und Frankreich. Nach der Überlieferung wurde Mühldorf am Inn am 29. Juni 1348 als erste deutschsprachige Stadt befallen. Die Hafenstädte Lübeck und Hamburg folgten im Sommer 1350, vermutlich über den Seeweg".

Die Pest in Marseille
Die Pest in Marseille Von Michel Serre

Wo die Pest-Epidemie am heftigsten gewütet hat, ist unklar. "Eine einzelne "schlimmste" Stadt lässt sich nicht seriös benennen, die Quellen sind lückenhaft", so Johannes Krause. "Chroniken berichten etwa von rund 12.000 Toten in Erfurt im Jahr 1350, und Wien verlor wohl ein Drittel seiner Bevölkerung. Insgesamt starb vermutlich ein Drittel bis die Hälfte der Menschen, regional sehr unterschiedlich."

Erreger verbreiten sich entlang der Reisewege

"Die Ausbreitung der Pest lag auch in den Fernhandelsverbindungen begründet", erklärt Dr. Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), "sie war also gewissermaßen eine Begleiterscheinung der frühen "Globalisierung"".

Und Johannes Krause sieht in der Geschichte der Pest, "dass sich Krankheitserreger entlang menschlicher Handels- und Reisewege ausbreiten, damals über die Seidenstraße und das Schwarze Meer, heute per Flugzeug."

Wegen der Sanktionen gegen den großangelegten Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine sind Reisende aus Europa in Sibirien derzeit wohl eine Seltenheit.

Aus der Pest lernen können wir auch, dass viele Pandemien ihren Ursprung in Tieren haben und der Erreger sich durch Mutation und Anpassung verändert, wie Krause erläutert. "Die Pest zeigt das eindrucksvoll, weil wir ihre Entwicklung über Jahrtausende in der DNA nachverfolgen können." Und die Pest zeigt, dass frühe, konsequente Maßnahmen wirken. "Die Quarantäne wurde als Antwort auf die Pest erfunden."

"Epidemien verändern Gesellschaften"

Eine weitere Erkenntnis aus der Geschichte des Schwarzen Todes ist nach Angaben von Johannes Krause, "dass Epidemien Gesellschaften verändern, bis hin zur Verfolgung von Minderheiten. Die Pogrome gegen Jüdinnen und Juden 1348 und 1349 sind ein warnendes Beispiel."

Martin Bauch stimmt dem zu: "Was wir sehr gut sehen, ist die gesellschaftliche Suche nach Sündenböcken: Im Rahmen des Schwarzen Todes kommt es zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, und auch bei Corona gab es gesellschaftliche Verwerfungen."

Und schließlich - so Johannes Krause - "ist die Pest nicht verschwunden: Sie lebt weiter in Nagetierpopulationen und führt immer wieder zu Ausbrüchen, ist aber heute mit Antibiotika sehr gut behandelbar und stellt daher keine Gefahr für die Menschheit dar."

Mögliches Pest-Massengrab bei Erfurt entdeckt

Anfang des Jahres hat ein interdisziplinäres Forschungsteam aus Leipzig, zu dem Martin Bauch gehört, ein mögliches Pest-Massengrab bei Erfurt entdeckt. Zu diesem Fund sagt er: "Wir können daran vielleicht zum ersten Mal die Gründe für die hohe Mortalität im "Schwarzen Tod" verstehen: Spielte es eine große Rolle, dass die damaligen Menschen immer wieder Perioden der Unterernährung, auch aufgrund klimatischer Schwankungen und Abkühlungsprozsse, ausgesetzt waren? Das sehen wir letztlich in den Knochen, aber auch in den Dokumenten der historischen Forschung.

Laut Chroniken waren während des Ausbruchs der Pest von 1350 rund 12.000 Tote in elf großen Gruben außerhalb der Stadt Erfurt bestattet worden. Mit Sedimentbohrungen haben die Wissenschaftler die mittelalterlichen Landschaft rekonstruiert und ein etwa 10 Meter x 15 Meter x 3,5 Meter großes Terrain mit menschlichen Knochenfragmenten nachgewiesen. Analysen datieren die gefundenen menschlichen Überreste laut Forschern ins 14. Jahrhundert.

Johannes Krause meint zu dem Fund: "Besonders interessant ist, dass das Grab gezielt gesucht und gefunden wurde. Fachleute sprechen davon, dass es weniger als zehn sicher datierte Massengräber des Schwarzen Todes in Europa gibt. Aber: Ob es wirklich ein Pestgrab ist, kann erst eine Ausgrabung mit DNA-Analysen zeigen. Alternative Erklärungen wie Hungersnöte oder andere Katastrophen lassen sich bisher nicht ausschließen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, würde das Material erlauben, die Pestgenome aus dieser Region mit denen aus anderen Teilen Europas zu vergleichen."

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