„Jetzt ist der Moment, sich daran zu erinnern, wie wichtig es ist, unsere Freiheiten und das Recht auf freie Meinungsäußerung zu schützen.“ Euronews Culture spricht beim diesjährigen Lumière-Filmfestival mit dem renommierten Regisseur Todd Haynes.
Zu den Ehrengästen des diesjährigen Lumière Filmfestivals in Lyon gehört niemand Geringerer als Todd Haynes, eine der wichtigsten und eigenständigsten Stimmen des gegenwärtigen amerikanischen Kinos.
Der gefeierte Regisseur und Drehbuchautor von Far From Heaven, I’m Not There, Carol und May December ist bekannt für seine Pionierarbeit im Umfeld der New-Queer-Cinema-Bewegung Anfang der 90er-Jahre. Später machte er mit Filmen auf sich aufmerksam, die die emotionalen Folgen gesellschaftlicher Repression und die unausgesprochenen Wünsche ausloten, die sich in marginalisierten Lebensrealitäten zeigen.
Beim Lumière Filmfestival stellt er die restaurierten Fassungen seines Regiedebüts Poison (1991) vor, einer provokanten Auseinandersetzung mit den Wahrnehmungen in der AIDS-Ära. Zudem präsentiert er das psychologische Drama Safe (1995) mit Julianne Moore in der Hauptrolle. Beide Filme laufen damit erstmals seit ihrer ursprünglichen Veröffentlichung wieder regulär in französischen Kinos.
Euronews Culture hat während des Festivals mit Todd Haynes gesprochen. Thema waren die anhaltende Aktualität von Poison und Safe, seine Sicht auf das sich wandelnde Hollywood-System sowie sein kommender Film De Noche.
Euronews Culture: Wie ist es für Sie, beim Lumière Filmfestival in Lyon zu sein, dem Geburtsort des Kinos?
Todd Haynes: Es fühlt sich ziemlich überwältigend und ursprünglich an. Nein, im Ernst: Ich habe seit langem so viel über dieses Festival gehört. Es ist eine echte Feier des Kinos in all seinen Formen, aller Genres und Epochen. Restaurierungen werden gezeigt, Künstlerinnen und Künstler werden gewürdigt. Das ist ein bemerkenswerter Ort mit einer besonderen Atmosphäre, in der sich alles um das Filmemachen und die Filme selbst dreht.
Es läuft eine Retrospektive Ihrer Filme, inklusive zweier neu restaurierter Fassungen von Poison und Safe. Wie blicken Sie heute auf diese Werke zurück, und wie fühlt es sich an, dass viele Menschen sie hier zum ersten Mal sehen?
Ich war bei der Einführung von Poison im Saal. Es wurde gefragt, wer den Film zum ersten Mal sieht, und fast alle Hände gingen hoch. Der Saal war komplett voll. Das zeigt, wie groß das Interesse und die Neugier auf das Programm in Lyon sind und wie begeistert das Publikum hier reagiert.
Für mich bedeutet das sehr viel. Das sind meine ersten beiden Langfilme, und sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Poison erschien auf dem Höhepunkt der AIDS-Ära. Der Film gehörte zu den ersten, die dem New Queer Cinema zugerechnet wurden. Ich glaube nicht, dass es diese Bewegung ohne die politische und sozioökonomische Krise der damaligen Zeit gegeben hätte – ohne die öffentliche Gesundheitskrise AIDS. Unter solchen Bedingungen werden Filme, Dokumentationen, Protestformen und organisierter Widerstand zur Notwendigkeit. Sie erzeugen eine Dringlichkeit, die man im Medium Film und in der Branche nicht immer spürt. Das galt für Poison ganz besonders. Und dann habe ich Safe gemacht. In meinem Kopf ist dieser Film ohne den Rahmen der AIDS-Ära ebenfalls kaum denkbar. Die Geschichte spielt an einem Ort, der äußerlich weit entfernt ist vom „Schlachtfeld“, aber trotzdem ist sie stark involviert. Viele Themen drehen sich um Krankheit, den Körper und das Gefühl, von der Welt um einen herum entfremdet zu sein.
Ich habe beide Filme zur Vorbereitung noch einmal gesehen, und dieses Gefühl der Isolation in Safe wirkt heute fast unheimlich vorausschauend.
Es überrascht mich immer wieder und tut trotzdem gut, das zu hören. Ich verstehe, warum viele das über Safe sagen. Der Film wurde während der Covid-Pandemie erneut viel geschaut. Es gab zahlreiche Debatten und Texte dazu, die mir zugeschickt wurden. Leider bleiben diese Fragen aktuell, wenn wir mit Ereignissen konfrontiert werden, die uns überfordern und jede Facette unseres Lebens infrage stellen – und die Selbstverständlichkeiten, mit denen wir unseren Alltag organisieren.
Ihre Filme sind ausdrücklich und unterschwellig von der AIDS-Krise geprägt. Finden Sie es ermutigend oder eher ernüchternd, dass Poison und Safe heute noch so zeitgemäß wirken? Poison entstand zu einem sehr konkreten Zeitpunkt, und viele Menschen aus queeren und trans Communities fühlen sich weiterhin bedroht und äußern Ängste …
Absolut. Man hat manchmal das Gefühl, wir erleben eine Wiederholung, wenn nicht sogar einen Rückschritt in Kämpfen, die wir bereits geführt haben. Kämpfe um reproduktive Rechte, um Toleranz und Akzeptanz gegenüber queeren und trans Communities. Poison bezieht sich sehr stark auf dieses Gefühl der Verletzlichkeit, das die Community unter dem Druck von AIDS und HIV verspürte.
Jean Genet, ein Autor, Denker, Dichter und Dramatiker, den ich immer bewundert habe, war für mich eine wichtige Energiequelle. Er erinnerte daran, wie wichtig es ist, das Marginale nicht zu verleugnen. Für ihn war das Ziel nicht, sich wieder an den Tisch der Mehrheitsgesellschaft zu setzen und genauso zu werden wie alle anderen. Seine Queerness hing mit seiner kriminellen Vergangenheit zusammen. Ihm gefiel, dass Homosexualität etwas „Kriminelles“ hatte. Er nutzte dieses Stigma, um seine Kritik an der dominanten Kultur zu schärfen. Poison entstand am Ende der 80er-Jahre, und eine Stimme wie seine wurde damals dringend gebraucht.
Ich fand es schön zu sehen, dass am Markt des Lumière-Festivals einige Bücher von Jean Genet direkt neben DVDs Ihrer Filme ausliegen …
Oh, das habe ich gar nicht gesehen. Großartig!
Aus europäischer Sicht wirkt das heutige Hollywood oft rückwärtsgewandt. Ein aktuelles Beispiel ist die Fusion von Paramount und Warner, die viele als Gefahr für die Finanzierung von Filmen mit vielfältigen Stimmen sehen. Wie erleben Sie die Entwicklung des Studiosystems und Hollywood im Moment?
Es ist beunruhigend, wie sehr sich große Medienkonzerne zusammenschließen. Man könnte denken, sie hätten genug Geld und Stabilität, um mutige Projekte zu ermöglichen. Doch leider ist genau das selten zu beobachten. Ich spüre diesen Mut derzeit vor allem bei großen Streamingdiensten nicht. Es dominiert das Bedürfnis, zu wiederholen, was beim letzten Mal funktioniert hat, und immer weiter das zu produzieren, von dem man annimmt, dass das Publikum es verlangt. Das ist schwierig.
In meinen letzten Filmen sind wir bei der Finanzierung andere Wege gegangen. May December, meinen jüngsten Spielfilm, haben wir zwar anschließend an Netflix verkauft. Dort arbeitet ein großartiges Team sehr kluger Menschen, die fest an den Film geglaubt haben. Aber hergestellt haben wir ihn mit so wenig externem Geld wie möglich, damit wir unsere kreative Freiheit und unsere Identität behalten konnten. Nach diesem Modell haben wir auch die Finanzierung meines aktuellen Films organisiert, den ich gerade fertigstelle, De Noche. Für ihn wünsche ich mir ein Unternehmen, das sich wirklich zu einem Kinostart bekennt.
Die Debatten über Film und über das Filmemachen selbst wirken derzeit fragil. Ein Beispiel war in diesem Jahr die Berlinale mit der Kontroverse um Tricia Tuttle und die pro-palästinensischen Reden eingeladener Filmemacherinnen und Filmemacher. Befürchten Sie, dass Kulturinstitutionen wie in Berlin zunehmend politischem Druck ausgesetzt sein werden?
Auf jeden Fall. Deutschland hat eine eigene, sehr spezielle und bisweilen widersprüchliche Haltung und Gesetzeslage dazu, wie über Israel gesprochen werden darf. Auf der einen Seite wird Sprache überwacht und eingeschränkt. Viele haben Schwierigkeiten, klar zu sagen, dass Kritik an der Politik von Netanyahu oder einem anderen Regierungschef nichts mit einer Kritik an jüdischen Menschen zu tun haben muss.
Gleichzeitig gewinnt die AfD in Deutschland an Einfluss. Da prallen zwei Kräfte frontal aufeinander: Auf der einen Seite der Versuch, aus einer schrecklichen Vergangenheit heraus Wiedergutmachung zu leisten. Auf der anderen der Wunsch nach radikalem Wandel aus einer völlig entgegengesetzten Richtung.
Deutschland ist ein besonderer Fall, aber ähnliche Entwicklungen beobachten wir auch in den USA. Dort gibt es verstärkten Druck auf Inhalte, die als Ideologie oder bestimmte Sichtweise bezeichnet werden. Medien, Nachrichtenbranche, Universitäten – alle stehen unter Beschuss. Gerade deshalb ist es wichtig, sich daran zu erinnern, wie essenziell unsere Freiheiten sind und die Möglichkeit, offen zu sprechen.
Um kurz von all den düsteren Themen wegzukommen: Der erste Film von Ihnen, den ich gesehen habe, war Velvet Goldmine (1998). Er hat mich tief beeindruckt. Ich erinnere mich daran, wie ich den Trailer zum ersten Mal sah, Brian Slade im Federkostüm auf der Bühne, der Schuss, dann der Einsatz von T. Rex’ ‚20th Century Boy‘ – ich bekomme heute noch Gänsehaut.
(Lacht.) Oh …
Der Film wird bald 30 Jahre alt. Wie blicken Sie auf Velvet Goldmine zurück – und bitte sagen Sie mir, dass es eine Restaurierung geben wird.
Es ist ein weiterer Film, der eine Phase meines kreativen Lebens vollendet hat. Diese Zeit der Musik und der frühen 70er-Jahre war für mich sehr tiefgreifend. Spannend war auch das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA, in dem diese Musik entstanden ist. Die Criterion Collection arbeitet an einer Veröffentlichung von Poison, die mit dem 30-jährigen Jubiläum zusammenfallen wird. Darauf freue ich mich sehr.
Musik spielt in Ihrem Werk eine große Rolle – ob Karen Carpenter, Bob Dylan oder The Velvet Underground. Ich habe gelesen, Sie würden an einer Dokumentation über The Cure arbeiten …
Davon habe ich selbst in den Medien erfahren. (Lacht.) Jemand hat das ins Gespräch gebracht. Ich liebe The Cure, sie waren in meinem Leben sehr prägend. Ihre Musik und die Entwicklung von Album zu Album waren wichtig für mich. Aber nein, ich arbeite nicht an so einem Projekt, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher dieses Gerücht kommt. (Lacht.)
Man kann es den Leuten doch kaum verübeln, dass sie versuchen, diesen Film herbeizuwünschen …
(Lacht.) Genau.
Gut, dass wir das klären konnten. Sie haben Ihren kommenden Film De Noche erwähnt. Die Dreharbeiten sind abgeschlossen?
Wir haben den Dreh beendet und sind in der Postproduktion. Gerade wechseln wir vom Bildschnitt zur Tonarbeit. Die gesamte Produktion fand in Mexiko statt. Es war ein besonderer Kampf, diesen Film bis hierher zu bringen. Ich bin sehr stolz darauf.
Sie sprechen von Kämpfen …
Am Anfang stand die Zusammenarbeit mit einem Schauspieler [Joaquin Phoenix], der mit dem Projekt auf mich zukam. Wir sind gemeinsam weit vorangekommen. Vor zwei Jahren standen wir kurz vor dem Dreh, dann hatte er plötzlich und unerwartet einen Kurswechsel und stieg aus. Damit zerfiel „De Noche 1“. Bemerkenswert war, dass die Geldgeberinnen und Geldgeber, die damals beteiligt waren, zurückkamen und dem Projekt die Treue hielten. Das hat uns gezeigt, wie viel dieser Film uns allen bedeutet.
Ich freue mich, dass „De Noche 2“ nun mit Danny Ramirez und Pedro Pascal entstanden ist. Sie haben erneut mit Jon Raymond gearbeitet, mit dem Sie schon bei der Miniserie Mildred Pierce kollaboriert haben. Ich bin ein großer Fan seiner Arbeit mit Kelly Reichardt, vor allem Old Joy und First Cow, den ich für ein Meisterwerk halte.
Da stimme ich absolut zu. Jon ist zunächst Romanautor und später Drehbuchautor geworden. Ich bin sehr stolz, dass ich eine kleine Rolle dabei gespielt habe, ihn mit Kelly bekannt zu machen, als ich nach Portland in Oregon gezogen bin. Sie haben sich getroffen und sofort verstanden. Viele seiner Kurzgeschichten waren der Ausgangspunkt, mit dem Kelly ihre Karriere im Spielfilm wiederbelebt hat, die sie zuvor eher beiseitegelegt hatte. Lange bevor sie sich im pazifischen Nordwesten niederließ, wurden sie beide zu Chronisten dieser Region, ihrer Geschichte, von Portland und darüber hinaus. Mein unerwarteter Umzug von New York City nach Portland hat mir viele Dinge beschert. Jon gehört zu meinen liebsten, engsten Freunden. Er ist ein großartiger Mensch.
Ich kann es kaum erwarten, De Noche zu sehen. Können Sie uns noch etwas über den Film verraten?
Ich weiß nicht, ob ich je ein ähnliches Konzept gesehen habe. Der Film beginnt wie eine Detektivgeschichte in den späten 30er-Jahren in einem sehr korrupten Los Angeles. Durch die Umstände und die Verstrickung in diese Korruption müssen zwei Figuren die Stadt verlassen und nach Mexiko fliehen. Zwischen ihnen entsteht eine Beziehung, die zunächst unerklärlich und unerwartet wirkt. Auf dem Weg dorthin überwinden sie nach und nach die Macht- und Rassenschranken, die sie trennen, indem sie sich als Liebende erkunden. Am Ende wird es zu einer Liebesgeschichte, die einen, so hoffe ich, mit der Frage zurücklässt, wie es zwischen diesen beiden Männern weitergeht.
Zum Schluss: Bei der Eröffnung des Lumière-Festivals haben Sie mir erzählt, dass der erste Film, der Sie tief berührt hat, Mary Poppins war. Was hat Sie an diesem Film so geprägt?
Zum einen war er so etwas wie das Kronjuwel des damaligen Disney-Experiments. Die Musik ist großartig, die beiden Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller sind perfekt, die Produktion ist wunderschön. Für die Vorstellungskraft eines dreijährigen Kindes ist eine Figur mit mütterlichen Zügen, die besondere Fähigkeiten mitbringt und gleichzeitig Disziplin verkörpert, sehr reizvoll. Diese Mischung macht den Charakter so faszinierend. Und das erste Mal einen Film auf der großen Leinwand zu sehen – das ist kaum zu überschätzen. Die schiere Wucht dieses Erlebnisses. All das zusammen hat diesen Moment zu einer Art unvergleichlichem Einstieg in das Medium Film gemacht.
Dieses Jahr waren die Besucherzahlen im Kino sehr erfreulich, und das spiegelt sich an den Kassen wider. Dennoch kämpfen viele Lichtspielhäuser ums Überleben, und es gibt große Sorgen, dass künstliche Intelligenz die kreativen Künste bedroht. So allgemein die Frage ist: Sind Sie optimistisch, was die Zukunft des Kinos angeht?
Ich muss optimistisch sein. Dieses Medium bedeutet mir zu viel. Ich konnte De Noche nicht auf Film drehen, weil wir es uns nicht leisten konnten. Aber Film bleibt für mich bei jedem Projekt der erste Bezugspunkt. Bei jungen Menschen sieht man gerade ein starkes Bedürfnis, das Haus zu verlassen, den Bildschirm daheim und das Telefon beiseite zu legen und gemeinsam einen Film im Kino zu erleben.
Wir dachten irgendwann, Vinyl verschwinde mit der Einführung von CDs und MP3-Dateien. Dann kam eine Gegenbewegung: „Nein, ich will die Platte in der Hand halten.“ Der Wunsch, etwas physisch zu erleben, die warme Resonanz, wenn eine Nadel über die Rille fährt. Manchmal bleibt die einfachste Technik die beste und eindringlichste. Ich hoffe, das setzt sich fort. Es geht darum, junge Menschen an diese Erfahrung heranzuführen und ihnen zu zeigen, wie es sich anfühlt, einen Film gemeinsam im dunklen Kinosaal zu teilen.
In diesem Sinne: Vielen Dank für Ihre Zeit, Mr. Haynes.
Das Lumière Filmfestival läuft noch bis zum 18. Oktober in Lyon, Frankreich. Zu sehen sind die restaurierten Fassungen von Todd Haynes’ Poison und Safe sowie Far From Heaven und I’m Not There. Safe ist bereits als Criterion-Edition auf 4K-UHD-Blu-ray erschienen.
Todd Haynes’ neuer Film De Noche wurde im April 2026 abgedreht. Ein Starttermin steht noch nicht fest.