Loader
Finden Sie uns
Werbung

"Globale Gesundheit ist Mannschaftssport" - Weltgesundheitsgipfel (WHS) in Berlin

"Globale Gesundheit ist ein Mannschaftssport", erklärt der Präsident des World Health Summits und fordert Mut zum Multilateralismus.
"Globale Gesundheit ist ein Mannschaftssport", erklärt der Präsident des World Health Summits und fordert Mut zum Multilateralismus. -  Copyright  World Health Summit
Copyright World Health Summit
Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

In einer Welt multipler Krisen muss globale Gesundheit wieder als Mannschaftssport begriffen werden, so der Präsident des Weltgesundheitsgipfels, Professor Doktor Axel R. Pries im Interview mit Euronews. Außerdem sieht er Europa mit dem Grundgerüst der EU in einer führenden Rolle.

In den vergangenen Jahren haben die Bedrohungen zugenommen, Krisen haben sich multipliziert. Man müsse jetzt in der Gesundheitspolitik auf multilaterale Zusammenarbeit setzen, erklärte Professor Doktor Pries auf dem World Health Summit (Weltgesundheitsgipfel) in Berlin. Globale Gesundheit sei ein Mannschaftssport.

WERBUNG
WERBUNG

Seit sechs Jahren ist Prof. Dr. Axel R. Pries Präsident des World Health Summit (WHS) in Berlin. Der Arzt und Physiologe war zuvor Dekan und Vorstandsmitglied der Charité. Im Interview mit Euronews skizziert Pries eine Möglichkeit, die Resilienz des Gesundheitssystems auf internationaler Ebene zu stärken.

Auf dem World Health Summit Regional Meeting 2026 in Nairobi im April sagten Sie "We don't have the virus, but we have a political virus". Was genau meinen Sie damit?

Prof. Dr. Axel R. Pries: Wir haben es mit einer globalen Situation zu tun, in der viele Länder das Thema Gesundheit zunehmend aus einer sehr nationalen, manchmal sogar nationalistischen Perspektive betrachten.

Und ich bezeichne es als Virus, weil es sich über die ganze Welt ausbreitet. Es ist eine Pandemie. Man sieht sie in allen Regionen. Und das Problem mit diesem Virus ist, dass es guten Lösungen in hohem Maße entgegensteht. Es ist klar, dass man lokale Lösungen braucht. Man muss sich vor Ort für die Menschen einsetzen und das tun, was sie vor Ort brauchen. Aber man muss das auf globaler Ebene koordinieren.

Die COVID-Pandemie war ein deutliches Zeichen dafür, dass man Probleme nicht lokal angehen kann – das gilt aber auch für viele andere Bereiche, darunter psychische Gesundheit, NCDs (Anmerkung der Redaktion: Non-Communicable Diseases, auf Deutsch: nichtübertragbare Krankheiten) und andere. Deshalb müssen wir multilaterale Mechanismen wiederbeleben und ihnen neuen Schwung verleihen.

Insbesondere der Rückzug der USA aus der Gesundheitspolitik ist ja schon länger ein Thema und Sie haben gefordert, Europa soll die neue Führungsrolle übernehmen. Hat Europa denn das Zeug dazu?

Prof. Dr. Axel R. Pries: Ich würde nicht sagen, dass Europa die Führungsrolle übernehmen sollte. Aber Europa sollte eine der führenden Rollen übernehmen und hat dafür absolut die Voraussetzungen.

Europa ist ein sehr starker Standort für medizinische Entwicklung, von der Forschung bis hin zur Anwendung. Erst vor wenigen Tagen wurde der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin an Forscher aus Berlin und Würzburg für ihre Arbeiten zur Optogenetik vergeben. Und es gibt sehr starke Firmen in Europa, von Medizintechnik über Pharma bis hin zu anderen Bereichen. Das heißt, Europa hat absolut die Voraussetzungen.

Europa hat Erfahrungen mit der Zusammenarbeit zwischen Ländern mit unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Diese Erfahrungen können für den internationalen Austausch wertvoll sein.

Sie haben schon gesagt, der Nobelpreis ging unter anderem auch an deutsche Forscher. Welche Rolle nimmt denn dann Deutschland innerhalb Europas ein?

Prof. Dr. Axel R. Pries: Innerhalb Europas kann Deutschland schon auch Signale setzen, und auch eine gewisse Führungsrolle übernehmen. Deutschland ist natürlich als größte Volkswirtschaft in Europa schon alleine deshalb dafür prädestiniert und hat gerade im medizinischen Sektor wieder von Wissenschaft bis zur Anwendung sehr viel zu bieten.

Aber Deutschland kann das definitiv nur im Konzert machen mit anderen, die das miteinander auf Augenhöhe gestalten, zum Beispiel mit Frankreich und dem Vereinigten Königreich.

Wenn Sie an Dänemark denken und zum Beispiel Novo. Das sind Riesenfirmen, die in Europa in verschiedensten Ländern beheimatet sind und die aber auch zusammen auf dem Weltmarkt eine entscheidende Rolle spielen können.

Und wie sehen Sie diese neue globale Ordnung in Bezug auf den Rückzug der USA oder auch Abhängigkeiten von China?

Prof. Dr. Axel R. Pries: Wenn es jetzt nicht gelingt, sich auf gemeinsame Strategien zu einigen, dann wird das sehr, sehr schwierig werden. Europa leidet zwar auch unter der Diversität, weil man teilweise relativ lange braucht, bis Gefahren gemeinsam adressiert werden. Aber Europa profitiert auch von dem Reichtum, den diese Diversität mit sich bringt.

Die Zeit ist jetzt reif dafür, sich wirklich energisch damit zu beschäftigen, damit Europa im Gesundheitsbereich nicht strategische Abhängigkeiten entstehen lässt, deren Folgen später nur mit erheblichem Aufwand korrigiert werden können.

Es wird schon länger in Deutschland davon gesprochen, ein Gesundheitssicherstellungsgesetz vorzulegen, das eine historische Lücke in der deutschen Krisenvorsorge und den Sicherstellungsgesetzen schließen soll. Der Entwurf soll Anfang 2027 diskutiert werden. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Prof. Dr. Axel R. Pries: Ja, wenn man mit einem solchen Gesundheitssicherstellungsgesetz erreichen will, dass eine Resilienz in Deutschland bei globalen Gesundheitskrisen erreicht wird, ist das natürlich ein wichtiger Punkt.

Das gehört zur sogenannten Pandemic Preparedness (Anmerkung der Redaktion: Pandemievorsorge). Aber auch hier wird sich letztendlich zeigen, dass man solche Gesundheitsfragen nur in multilateraler Partnerschaft lösen kann. Wenn jedes Land dazu tendiert, wie teilweise bei der Covid-Pandemie, kritische Güter ausschließlich für den eigenen Bedarf zurückzuhalten und den anderen nicht weiterzugeben, dann bricht die gesamte Kette zusammen.

Es gibt kein Land mehr, das ganz alleine noch Arzneimittel oder Impfstoffe herstellen kann. Das ist ein internationales Netzwerk. Dieser Gesetzentwurf ist sehr wichtig, weil diese Arbeit dazu zwingt, dass die gutwilligen Länder untereinander vernünftige Absprachen treffen und sich als Netzwerk gemeinsam aufstellen. Und es wäre optimal, wenn das Ganze auch noch unter dem Schirm der UN (Anmerkung der Redaktion: Vereinte Nationen), also in dem Fall der WHO (Anmerkung der Redaktion: Weltgesundheitsorganisation) passieren könnte.

Ein Vorschlag auf globaler Ebene war, dass man gegen den Austausch von Gesundheitsdaten bilaterale Abkommen trifft. Also zum Beispiel Entwicklungshilfe gegen Gesundheitsdaten. Funktioniert so das Netzwerk?

Prof. Dr. Axel R. Pries: Das ist ein Kernelement der America First Global Health Strategy (Anmerkung der Redaktion: „America First“-Strategie für globale Gesundheit). Und im Grunde zeigt schon die Bezeichnung dieser Strategie einen Grundfehler auf: Man kann nicht auf der einen Seite sagen, wir sind immer die Ersten und auf der anderen Seite, wir machen Partnerschaften.

Denn die Abmachungen, die dann folgen, sind häufig nicht wirklich fair und auf Augenhöhe, sondern nutzen die jeweiligen Machtverhältnisse aus. Insofern bin ich solchen Vereinbarungen gegenüber sehr, sehr skeptisch. Wenn zwei Partner am Tisch sitzen und der eine Partner viel machtvoller ist als der andere, dann kann keine ganz faire Vereinbarung rauskommen. Diese Dinge bilateral zu lösen, halte ich für einen falschen Ansatz.

Die einzige Methode, mit der man zwischen starken und schwächeren Partnern trotzdem faire Bedingungen schaffen kann, ist, dass man ein übergeordnetes gemeinsames Konzept entwickelt, das letztendlich dann die WHO umsetzen kann.

Das heißt, dass die Völkergemeinschaft die Daten über Erreger und Ähnliches natürlich braucht. Die Völkergemeinschaft sollte aber dafür sorgen, dass die Länder, die diese Daten zur Verfügung stellen, dafür wiederum im Gegenzug Ressourcen bekommen. Ein fairer Austausch von Daten in einer Richtung und Ressourcen oder auch Impfstoff in die andere Richtung muss multilateral organisiert werden.

Das bedeutet, Sie plädieren für eine möglichst multilaterale Organisation der globalen Gesundheit, am besten unter dem Schirm der WHO?

Prof. Dr. Axel R. Pries: Natürlich muss man bei der WHO auch dafür sorgen, dass die Mechanismen funktionieren. Auch eine multilaterale Einrichtung muss kontinuierlich erneuert und revitalisiert werden.

Eine Reform in der WHO wäre sicherlich nicht schlecht, aber die darf nicht unter dem Eindruck dieses am Anfang geschilderten Virus, dass man eigentlich multilaterale Dinge gar nicht mehr will, passieren. Sondern man muss multilaterale Mechanismen stärken.

Ein Beispiel aus einem ganz anderen Bereich: Wenn Leute vernünftig zusammen Fußball spielen wollen, dann ist das Erste, was sie tun, dass sie eine Person zum Schiedsrichter benennen müssen. Es gibt viele Dinge im Leben, die nur multilateral gut gehen. Eins gegen eins gibt es im Sport auch. Aber wenn man Mannschaftssport macht, dann wird man sich organisieren müssen. Gesundheit auf globaler Ebene ist Mannschaftssport.

Ist die Welt, wie wir sie gerade mit multiplen Krisen erleben, denn überhaupt dazu fähig, jetzt so eine Mannschaftsaufgabe anzupacken und das als Mannschaftsaufgabe zu begreifen?

Prof. Dr. Axel R. Pries: Ja, das ist nicht ganz einfach und es gibt durchaus Gruppen, die versuchen, zusammen Fußball zu spielen und sich dann nicht einigen können und sich stattdessen in die Haare bekommen. Aber wir müssen es schaffen, weil wir auf einer Welt leben.

Wir wollen nicht alle fünf Jahre eine Covid-Pandemie haben. Wir wollen gesund leben. Das ist ein Wunsch, den jeder Mensch eigentlich hat. Warum sollten wir also nicht in der Lage sein, die Dinge, die das behindern, auch auf die Dauer zu überwinden?

Ich glaube, Menschen sind lernfähig und werden feststellen, dass ein übertriebener Nationalismus ihnen an der Stelle einfach nicht hilft. Es ist immer schwierig, Kompetenzen an übergeordnete Einrichtungen zu übergeben. Das letzte Mal, als das UN-System sehr stark überarbeitet wurde, war nach den grausigen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs.

Ich hoffe, dass man dieses Mal in der Lage sein wird, auch ohne so etwas allein aus der Einsicht heraus Multilateralismus zu befördern. Dafür braucht es sowohl Energie als auch einen gewissen Optimismus.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Frauen mit Autoimmunerkrankungen warten länger und werden häufiger falsch diagnostiziert als Männer

KI im Gesundheitswesen: hilft sie beim Wandel zur Prävention?

Papst Leo XIV: Das sollten Sie zur bevorstehenden Lungen-OP wissen