Historischer Beschluss in Frankreich: Die internationale Weltzeit UTC soll künftig ohne zusätzliche Schaltsekunden auskommen. Das soll Computersysteme und kritische Infrastrukturen zuverlässiger machen. Für den Alltag der Menschen ändert sich zunächst kaum etwas.
Die internationale Zeitmessung steht vor einer grundlegenden Änderung: Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) hat am 15. Oktober 2026 beschlossen, die bisherige Praxis der Schaltsekunden zu beenden.
Ab dem 20. Mai 2027 soll die Koordinierte Weltzeit (UTC) kontinuierlich weiterlaufen. Grundlage ist eine Resolution der internationalen Konferenz. Bei ihrer 28. Sitzung in Versailles befasste sich die Konferenz unter anderem mit der Zukunft der Weltzeit und der Schaltsekunde. Die Schaltsekunde wurde bisher gelegentlich eingefügt, um Atomzeit und Erdrotation aufeinander abzustimmen.
Warum die Schaltsekunde abgeschafft wird
Im Detail: Die bisherige Regelung sollte zwei unterschiedliche Zeitmessungen miteinander in Einklang halten. Die Koordinierte Weltzeit (UTC) orientiert sich an hochpräzisen Atomuhren. Die astronomische Zeit hingegen richtet sich nach der Erdrotation, deren Geschwindigkeit leicht schwankt.
Um die Differenz zwischen beiden Zeitskalen gering zu halten, wurde seit 1972 insgesamt 27-mal eine Schaltsekunde eingefügt. Die letzte Anpassung erfolgte Ende 2016. Dadurch konnte eine Minute ausnahmsweise 61 Sekunden dauern.
Diese Korrekturen sind für Menschen kaum wahrnehmbar, können aber technische Probleme verursachen. Computersysteme, Telekommunikationsnetze, Satellitennavigation und Energieversorgung sind auf eine präzise und verlässliche Zeitsynchronisierung angewiesen. Bei früheren Schaltsekunden kam es bereits zu Störungen in Computersystemen und bei Internetdiensten.
Erdrotation macht eine neue Regelung nötig
Ein Grund für die Entscheidung ist die Entwicklung der Erdrotation. Während sich die Erde über lange Zeiträume hinweg durch Gezeitenkräfte verlangsamt, hat sie sich in den vergangenen Jahren zeitweise etwas schneller gedreht.
Dadurch entstand die Möglichkeit, dass erstmals eine sogenannte negative Schaltsekunde erforderlich werden könnte. Dabei müsste eine Sekunde abgezogen statt hinzugefügt werden. Weil ein solcher Schritt bisher nie umgesetzt wurde, bestehen Unsicherheiten darüber, wie zuverlässig technische Systeme damit umgehen würden.
Die internationale Fachwelt entschied deshalb, die bisherige Regelung vorzeitig zu beenden. Die neue Vorgabe erlaubt künftig eine größere Differenz zwischen UTC und der astronomischen Zeit. Sie kann bis zu 3.600 Sekunden, also einer Stunde, betragen. Nach Einschätzung der Fachleute dürfte es allerdings noch etwas dauern, bis eine solche Abweichung tatsächlich eine Korrektur erforderlich macht. Die Maßnahme ist also quasi vorbeugend.
Generalkonferenz CGPM: Nicht allgemein bekannt, aber viele Mitgliedsstaaten
An der Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) nehmen Vertreter der Mitgliedstaaten sowie assoziierter Staaten und Wirtschaftsgebiete teil, sie findet in der Regel alle vier Jahre statt. Nach Angaben des Internationalen Büro für Maß und Gewicht (BIPM) umfasst die Organisation 69 Mitgliedstaaten und 34 assoziierte Staaten und Wirtschaftsgebiete.
Dazu gehören unter anderem Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Spanien, die Schweiz, das Vereinigte Königreich, Polen und die Ukraine in Europa, die USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Mexiko und Peru in Amerika, China, Japan, Indien, Südkorea, Indonesien und Thailand in Asien sowie Südafrika, Ägypten, Marokko, Tunesien und Kenia in Afrika. Auch Australien und Neuseeland sind vertreten.
Was bedeutet das für Deutschland?
Für die meisten Menschen in Deutschland ändert sich durch den Beschluss zunächst nichts.
Deutschland verwendet weiterhin die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) und während der Sommerzeit die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ). Die Abschaffung der Schaltsekunde ist eine technische Änderung der internationalen Zeitreferenz und nicht mit der bekannten Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit zu verwechseln (die Uhren werden am Sonntag, dem 25. Oktober 2026, um 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt).
Ein Schritt zu einer stabileren Weltzeit
Spürbarer könnten die Folgen für Fachbereiche sein, die auf eine besonders genaue Abstimmung mit der Erdrotation angewiesen sind. Dazu zählen unter anderem Astronomie, Geodäsie (die Wissenschaft von der Vermessung und Abbildung der Erde sowie der Bestimmung ihrer Form, Größe und des Schwerefeldes) und bestimmte satellitengestützte Anwendungen. Für diese Fachbereiche bleibt die genaue Kenntnis der Erdrotation wichtig, und weil die Weltzeit künftig nicht mehr durch Schaltsekunden an die Erdrotation angepasst wird, werden sie die zunehmende Differenz zwischen Uhrzeit und astronomischer Zeit bei Bedarf gesondert berücksichtigen müssen.
Grundsätzlich gilt: Mit der neuen Regelung soll die internationale Zeitmessung langfristig einfacher und zuverlässiger werden. Insbesondere digitale Systeme sollen künftig nicht mehr mit den unregelmäßigen Einfügungen zusätzlicher Sekunden umgehen müssen.