Popkultur wird zum Protest: Die Gen Z nutzt die Piratenflagge aus dem Manga „One Piece“ als Erkennungszeichen bei Demonstrationen in Frankreich und anderswo.
Wenn junge Menschen gegen das Establishment aufbegehren, greifen sie in ihren Protesten häufig zu Motiven aus Fiktion und Popkultur. Manche Bilder und Zeichen werden dabei überraschend zu starken Protestsymbolen.
Zwischen Bannern, Plakaten und Slogans, die auf Frankreichs Straßen zu sehen sind, taucht immer wieder eine schwarze Flagge mit einem lachenden Totenkopf auf, der einen Strohhut trägt.
Das Piratenlogo ist für Fans der Manga-Reihe „One Piece“ sofort erkennbar: Es handelt sich um die „Jolly Roger“, eines der bekanntesten Zeichen der Popkultur.
Die Flagge war schon bei den Protesten im vergangenen September in Frankreich zu sehen. Jetzt ist sie bei den laufenden Studentenprotesten und Demonstrationen überall im Land wieder aufgetaucht – und auch in Belgien, Italien und Griechenland.
Wie konnte die One-Piece-Piratenflagge zu einem Symbol gegen Repression und staatliche Korruption werden, das sich über Länder und sogar Kontinente hinweg verbreitet?
Ein kurzer Blick auf den Hintergrund: „One Piece“ ist ein erfolgreicher japanischer Manga von Eiichiro Oda. Im Kern erzählt er die Abenteuer der Strohhut-Piraten, die sich auflehnen, wann immer Menschen unter brutalen Herrschern und korrupten Systemen leiden – ein Kampf gegen Tyrannei unter ihrer Flagge, der „Jolly Roger“.
Die Reihe erscheint seit 1997 – zufällig genau in dem Jahr, in dem die ersten Angehörigen der Generation Z geboren wurden. Der Manga ist zu einem weltweiten Phänomen geworden, hat mehr als 500 Millionen Exemplare verkauft und liegt in 40 Sprachen vor. Er hält den Guinness-Weltrekord für die meisten veröffentlichten Bände einer Comicserie, die von nur einer Autorin oder einem Autor stammt, und hat eine animierte TV-Serie, ein Netflix-Realformat sowie mehrere Kinofilme hervorgebracht.
In Frankreich ist die Serie extrem beliebt, die Bände stehen regelmäßig an der Spitze der Bestsellerlisten.
Demonstrant vor dem UN-Hauptquartier trägt eine One-Piece-Flagge, während Benjamin Netanjahu drinnen spricht, 26. September 2025Demonstrant vor dem UN-Hauptquartier trägt eine One-Piece-Flagge, während Benjamin Netanjahu drinnen spricht, 26. September 2025
Im Laufe der Jahre ist die Flagge mit dem grinsenden Schädel bei Protesten in Nepal, Indonesien, den Philippinen, Marokko, Italien und dem Vereinigten Königreich aufgetaucht und hat in den vergangenen Wochen die Demonstrationen in Frankreich klar geprägt.
Ob bei Studentenprotesten, Kundgebungen gegen Polizeigewalt, Demonstrationen gegen staatliche Social-Media-Verbote oder bei Pro-Palästina-Märschen: Das Bild aus „One Piece“ ist überall dabei. Der gemeinsame visuelle Nenner zeigt, wie stark das Manga-Symbol bei Gen Z anklingt, die es als Zeichen des Widerstands und letztlich der Hoffnung übernommen hat.
Das Symbol wirkt kaum zufällig: Im Ursprung steht es für Freiheit und den Widerstand der bunt zusammengewürfelten Rebellen gegen Unterdrückung. Nun spricht es in der realen Welt direkt die frustrierten Jugendlichen und die Generation Z an, die sich Gehör verschaffen will.
Wenn eine fiktive Welt in die Realität hinübergleitet, entsteht ein nützlicher Transfer: Geschichten und ihre Werte kennen keine Grenzen und sind nicht an einzelne Anliegen gebunden. So entsteht ein globales Gefühl von Zusammengehörigkeit und eine gemeinsame Sprache der Solidarität. Zudem haben diese Figuren einen Vorteil: Werden sie zu realen Symbolen des Aufbegehrens, lassen sie sich schwerer verbieten – gerade durch Regierungen, die sich weiterhin als anti-autoritäre Kräfte darstellen möchten.
Die Verwendung der „Jolly Roger“ zeigt einmal mehr, wie eng Kultur und Politik miteinander verwoben sind – besonders für junge Aktivistinnen und Aktivisten und eine digital versierte Generation, die soziale Medien nutzt, um Gedanken und Ängste über kulturelle Referenzen zu teilen.
Und die Flagge der Strohhut-Piraten ist längst nicht das einzige Popkultur-Symbol, das in den vergangenen Jahren bei Protesten auftauchte.
Hier ein Blick auf fünf Beispiele für kulturelle Bezugspunkte, die in den vergangenen 15 Jahren als politischer Ausdruck dienten.
V wie Vendetta
V aus „V wie Vendetta“V aus „V wie Vendetta“
Angeregt durch den Film „V wie Vendetta“ aus dem Jahr 2005 begann die internationale Hacktivisten-Gruppe Anonymous, die ikonische Guy-Fawkes-Maske zu tragen, um ihre Identität bei Protesten zu verbergen. Die Maske verbreitete sich 2011 stark während der „Occupy“-Bewegung und gilt bis heute als Gesicht des Protests gegen korrupte Systeme und Regierungen. Wie V sagt: „Die Menschen sollten keine Angst vor ihren Regierungen haben – die Regierungen sollten Angst vor ihren Bürgern haben.“
Die Tribute von Panem
Die Tribute von PanemDie Tribute von Panem
Die Reihe von Jugendbüchern von Suzanne Collins und die späteren Verfilmungen mit Jennifer Lawrence enthalten mehrere Zeichen des Widerstands – vom Spotttölpel-Abzeichen bis zum Drei-Finger-Gruß. Diese stille Geste nutzte die Figur Katniss Everdeen, um ihre Solidarität mit Unterdrückten zu zeigen. Seit 2014 tauchte sie bei Protesten immer wieder auf, etwa bei Demonstrationen gegen Militärputsche in Thailand oder bei Hongkongs Protesten für allgemeines Wahlrecht.
Der Report der Magd
Der Report der MagdDer Report der Magd
In den Jahren 2017 und 2018 kleideten sich Frauen in den USA in scharlachrote Umhänge und weiße Hauben aus Margaret Atwoods „Der Report der Magd“, um gegen Abtreibungsverbote und politische Maßnahmen zu protestieren, die das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung bedrohen. In dem dystopischen Buch und der gleichnamigen TV-Serie müssen die Mägde diese Uniform im Gottesstaat Gilead tragen, in dem fruchtbare Frauen zur Gebärarbeit gezwungen werden. Das Kostüm taucht bei Protesten für Frauenrechte weltweit immer wieder auf – von Argentiniens Aktionen für das Recht auf Abtreibung 2018 bis zu Demonstrationen 2019 gegen Besuche des damaligen US-Präsidenten Trump im Vereinigten Königreich.
Der Joker
JokerJoker
Nach dem Bürgerkrieg griffen libanesische Demonstrierende 2019 bei Protesten gegen neue Sparmaßnahmen der Regierung zur Figur des „Clown Prince of Crime“. Viele ließen sich von Joaquin Phoenix’ Maske im Film Joker inspirieren. Die Verkleidung ist weltweit bekannt, bietet Demonstrierenden Anonymität und verschaffte dem Protest im Libanon zusätzliche Aufmerksamkeit. Der Joker steht zudem für Auflehnung und die Ablehnung gesellschaftlicher Normen. Die Clownmaske erinnert daran, Respektlosigkeit gegenüber bestehenden Machtstrukturen zuzulassen – und ist deshalb bei Protesten weltweit ein beliebtes Symbol.
Pepe der Frosch
Pro-Demokratie-Demonstrierende tragen Masken mit Pepe dem Frosch bei einem Marsch in HongkongPro-Demokratie-Demonstrierende tragen Masken mit Pepe dem Frosch bei einem Marsch in Hongkong
Die Alt-Right-Bewegung, MAGA und Trump selbst – der 2016 im US-Präsidentschaftswahlkampf ein Pepe-Meme twitterte – nutzten den grünen Frosch, um junge Menschen anzusprechen. Der amerikanische Cartoonist Matt Furie schuf die Figur 2005 und war entsetzt darüber, dass sein Werk in dieser Weise vereinnahmt wurde. Bevor er den Charakter 2017 in einem Comic sterben ließ, schrieb er 2016 einen Essay für TIME (Quelle auf Englisch), in dem er erklärte: „Es ist vollkommen verrückt, dass Pepe als Hasssymbol gilt und dass Rassistinnen, Rassisten und Antisemitinnen und Antisemiten einen einst friedlichen Frosch-Typen aus meinem Comic als Ikone des Hasses benutzen.“ Trotz der Nutzung durch die Alt-Right im Westen eigneten sich Protestierende in Hongkong die Figur 2019 neu an und machten sie zu einem Symbol ihrer Pro-Demokratie-Bewegung.