Beim World Aviation Festival in Lissabon fordern Hitit-Chefin Nevra Onursal Karaağaç und Aras Kubilay eine schrittweise Modernisierung der Airlinesysteme und warnen vor KI ohne klare Strategie.
Künstliche Intelligenz und digitale Transformation eröffnen der zivilen Luftfahrt neue Möglichkeiten. Sie reichen von personalisierten Reiseerlebnissen bis zur Vorhersage von Betriebsstörungen. Doch die Modernisierung eines stark regulierten Sektors verlangt Veränderungen weit über technische Fragen hinaus, betonen zwei Führungskräfte des türkischen Luftfahrttechnologie-Unternehmens Hitit im Gespräch mit Euronews beim World Aviation Festival (Quelle auf Portugiesisch) in Lissabon.
Für Aras Kubilay, zuständig für Branchenkontakte und Geschäftsentwicklung bei Hitit (Quelle auf Portugiesisch), steht die Luftfahrt vor einem tiefgreifenden Wandel in der Steuerung ihrer digitalen Systeme. Die zentrale Aufgabe lautet, Infrastrukturen zu modernisieren, die den täglichen Betrieb tragen, ohne Flugplan und Zufriedenheit der Passagiere zu gefährden.
„Fluggesellschaften sind extrem komplexe Unternehmen und sie arbeiten ohne Unterbrechung, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche“, beschreibt er. Deshalb können sie den Betrieb nicht einfach für mehrere Tage einstellen, um ihre grundlegenden IT-Systeme auszutauschen.
Die Größe dieser Aufgabe wird noch deutlicher, wenn man auf das Tempo der digitalen Transformation blickt. Nach Angaben von Kubilay wissen die Airlines, dass sie sich verändern müssen. Viele tun sich aber noch schwer mit den ersten Schritten.
Der Manager verweist auf Umfragedaten aus dem Vorjahr: 72 Prozent der Führungskräfte hielten die digitale Transformation für entscheidend. In diesem Jahr hat er beim WAF Schätzungen gehört, wonach der Anteil bereits über 90 Prozent liegt, auch wenn es noch keine offiziellen Zahlen gibt. Trotzdem hätten nur 27 Prozent der Airlines bislang konkrete Maßnahmen eingeleitet.
„Wenn wir in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht vorankommen, könnten ernsthafte Probleme entstehen“, warnt er.
Statt die gesamte Infrastruktur auf einen Schlag auszutauschen, plädiert Kubilay für einen schrittweisen Ansatz. So können Airlines gezielt Probleme identifizieren und nach und nach Verbesserungen umsetzen.
„Man startet nicht mit einer großen Veränderung auf einmal. Zuerst ersetzt man einzelne Komponenten, wenn es nötig ist. Und wenn die Ergebnisse stimmen, geht man diesen Weg weiter“, erklärt er.
Wo KI der Luftfahrt Mehrwert bringt
Künstliche Intelligenz spielt in dieser Transformation eine zentrale Rolle. Ihr Einsatz muss jedoch klaren Zielen folgen. Nach Ansicht von Kubilay sollten Airlines vor jedem Projekt entscheiden, ob sie vor allem Umsätze steigern, Kosten senken oder das Kundenerlebnis verbessern wollen.
„Wenn sie versprechen, alles gleichzeitig zu tun und nur das Etikett KI darauf kleben, geben sie Geld aus, ohne dass sich etwas ändert“, warnt er.
Hitit setzt nach eigenen Angaben bereits KI-Werkzeuge in verschiedenen Teilen seiner Lösungen ein. Dazu gehören Kostenrechnung, Reporting und das Management operativer Störungen.
Unternehmenschefin Nevra Onursal Karaağaç erläutert, dass solche Anwendungen die Arbeit der Nutzer erleichtern können. Sie ermöglichen zum Beispiel Berichte auf Basis von Texteingaben, ohne dass viele Parameter manuell gesetzt werden müssen.
Die Technologie kann außerdem helfen, wetterbedingte Probleme mit Einfluss auf Flüge frühzeitig zu erkennen. Kubilay beschreibt ein Modell, das physische Eigenschaften der Pisten, ihre Ausrichtung zum Wind und Wetterdaten kombiniert, um Situationen vorherzusagen, in denen ein Flug neu terminiert werden muss.
Mit diesen Informationen können Airlines mögliche Verspätungen oder Routenänderungen frühzeitig einkalkulieren, statt erst zu reagieren, wenn die Störung bereits eingetreten ist.
Trotz dieser Möglichkeiten warnt der Manager vor den Risiken eines blinden Vertrauens in KI-Systeme, besonders im Kundenservice. Ohne die betreffende Airline zu nennen, beschreibt er einen Fall, in dem ein System für künstliche Intelligenz offenbar Rückerstattungen über den gezahlten Preis hinaus sowie nicht zulässige Flugänderungen ermöglicht hat.
„In einem so sensiblen und komplexen Bereich wie dem Luftverkehr sollte man vielleicht zweimal nachdenken“, sagt er.
Auch bei der Sicherheit, betont er, darf Bequemlichkeit kein Argument sein. Systeme müssen mit klaren Regeln und definierten Grenzen arbeiten. Dazu braucht es wirksame Kontrollmechanismen.
Karaağaç hebt außerdem hervor, dass Luftfahrttechnologie mehr verlangt als Programmierkenntnisse. „Man muss die Luftfahrtwelt selbst verstehen“, sagt sie und plädiert für eine enge Zusammenarbeit zwischen Branchenberatern, Business-Analysten und Entwicklungsteams.
Die wachsende Verbreitung künstlicher Intelligenz verändert auch, wie Passagiere Flüge suchen und buchen. Nach Ansicht von Kubilay bietet diese Entwicklung Airlines die Chance, die Beziehung zu ihren Kunden wieder stärker selbst zu steuern. Bisher prägen Flugvergleichsportale und digitale Vermittler den Markt, bei denen meist Preis und Flugzeit im Mittelpunkt stehen.
Mit KI-Assistenten könnten Reisende künftig Flüge über dialogartige Anfragen suchen. Sie nennen dann nicht nur das Ziel, sondern auch den Anlass der Reise oder persönliche Vorlieben.
Diese zusätzlichen Informationen und der Kontext können Airlines helfen, gezieltere Angebote zu machen, statt lange Listen kaum unterscheidbarer Optionen bereitzustellen.
„Wenn sie den direkten Kontakt zum Kunden nicht kontrollieren, lässt sich eine Airline sehr leicht durch eine andere ersetzen“, meint er.
Kubilay ist überzeugt, dass Personalisierung sowohl den Passagieren als auch den Airlines zugutekommt. Fluggäste sparen Zeit bei der Suche nach passenden Angeboten, während Airlines Produkte präsentieren können, die besser zu den Bedürfnissen jedes Einzelnen passen.
Dennoch sollte die Transformation die gewohnte Nutzung digitaler Plattformen bewahren. Moderne Systeme sollten Passagiere nicht dazu zwingen, Apps und Portale komplett neu zu erlernen.
„Im Idealfall merken die Menschen gar nicht, dass sich etwas geändert hat. Sie sollten nur sehen, dass alles besser und einfacher geworden ist“, erklärt er.
Fliegen ohne Check-in?
Eine Veränderung, die Kubilay in den nächsten Jahren für möglich hält, ist die Abschaffung des klassischen Check-ins als eigenständiger Schritt bei Flugreisen. Er erinnert daran, dass dieser Prozess aus der Zeit der Papierflugtickets stammt, als man einen Abschnitt abtrennen musste, um die Nutzung zu bestätigen. Teile dieser Logik stecken trotz Digitalisierung noch immer in heutigen Systemen.
„Wir wollen den Check-in komplett abschaffen. Man kauft das Ticket, geht zum Flugzeug und das war es“, erklärt er.
Die Umsetzung dieser Vision hängt jedoch von der Zusammenarbeit der gesamten Branche ab. Die Identitätsprüfung von Passagieren, Grenzkontrollen und Sicherheitsauflagen betreffen viele verschiedene Akteure. Keine einzelne Firma kann diese Punkte im Alleingang lösen.
Kubilay verweist auf eine Initiative, die auf Standards der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) basiert und von der International Air Transport Association (IATA) vorangetrieben wird: Digital Travel Credentials (DTC). Sie soll die Nutzung digitaler Identitätsnachweise erleichtern. Das Ziel: Passagiere sollen dieselben Angaben nicht immer wieder im Verlauf einer Reise vorlegen und bestätigen müssen.
Nach seinen Angaben hat eine IATA-Studie gezeigt, dass Passagiere auf einer Reise im Durchschnitt siebenmal dieselben Informationen angeben müssen.
„Wir müssen unseren Ausweis vorlegen, wenn wir buchen, wenn wir Gepäck aufgeben, beim Einstieg ins Flugzeug, beim Zoll und später nach der Landung. Warum kann ich das nicht ein einziges Mal tun, und die Behörden tauschen die Daten untereinander aus?“, fragt er.
Die Verringerung dieser Schritte muss jedoch mit Sicherheitsanforderungen vereinbar sein. Kubilay erklärt, dass digitale Nachweise über digitale Signaturen und die Bestätigung ihrer Echtheit bei den ausstellenden Behörden überprüft werden können.
Das Ziel besteht darin, Reisen einfacher zu machen, ohne die Sicherheit der Passagiere und des Flugbetriebs zu gefährden.
Hitit baut internationale Expansion aus
Hitit wurde 1994 von zwei Frauen gegründet. Zunächst entwickelte das Unternehmen Lösungen für Kundenbindungsprogramme von Passagieren und erweiterte sein Geschäft schrittweise auf zentrale Reservierungssysteme, Ticketverkauf, Check-in und weitere Prozesse von Fluggesellschaften.
Heute entwickelt das Unternehmen Lösungen für viele operative Aufgaben. Dazu zählen Flugplanung, Operationskontrolle, Buchhaltung, Frachtabwicklung und Systeme für Reisebüros.
Nach Angaben von Karaağaç arbeitete Hitit 2018 mit 17 Fluggesellschaften zusammen und wird 2026 fast 70 Carrier betreuen. Die jüngsten öffentlichen Zahlen der türkischen CEO nennen 68 Airlines in 47 Ländern, deren Systeme an mehr als 900 Flughäfen im Einsatz sind.
„Unsere Wurzeln liegen zwar in der Türkei und das Unternehmen wurde dort gegründet, aber inzwischen sind wir ein globaler Player“, betont Nevra Karaağaç.
Hitit ist seit 2022 an der Börse in Istanbul notiert. Für Karaağaç soll die internationale Expansion weiter auf Nähe zu den Fluggesellschaften und der Fähigkeit beruhen, sich flexibel an ihre Anforderungen anzupassen.
Kubilay ist überzeugt, dass die Zukunft der Luftfahrttechnologie von stärker interoperablen Systemen abhängt. Sie sollen Airlines ermöglichen, Lösungen verschiedener Anbieter zu kombinieren, ohne von einem einzigen Partner abhängig zu werden.
Betreiber sollten Situationen vermeiden, in denen sie die Kontrolle über ihre eigenen Daten verlieren oder einen Anbieterwechsel kaum noch vornehmen können. „Technologie muss zukunftsfähig sein“, sagt er. Unternehmen brauchen genug Spielraum, um sich auf Veränderungen einzustellen, die heute noch niemand absehen kann.
Mit Blick auf die nächsten fünf Jahre erwartet Kubilay, dass digitale Transformation, die Modernisierung kommerzieller Systeme und der Einsatz von KI eine so breite Basis erreichen, dass sie zur Norm der Branche werden. Sicherheit, operative Kontinuität und das Vertrauen der Passagiere müssen dabei erhalten bleiben – auch wenn die ehrgeizigsten Ziele der Industrie nicht exakt im ursprünglich vorgesehenen Zeitrahmen erreicht werden.