Ein Block in Auschwitz, in dem Hunderte jüdische Frauen zu Versuchsobjekten gemacht wurden: Kaum jemand kennt dieses dunkle Kapitel. Die Berliner Produzentin und Historikerin Alice Brauner hat es nun verfilmt. Euronews erzählt sie von Dreharbeiten, bei denen alle weinten, und von einer neuen Wut.
Anfang 1943 sperrte die SS in Auschwitz mehrere Hundert jüdische Frauen und Mädchen in ein abgeriegeltes Gebäude ohne Tageslicht: Block 10. Lange wusste kaum jemand, was in diesem Block mit den Frauen gemacht wurde. Nun kommen die Verbrechen als Spielfilm ins Kino.
In Block 10 testete der Frauenarzt Carl Clauberg, gespielt von Axel Prahl, im Auftrag von SS-Chef Heinrich Himmler, wie man Frauen massenhaft unfruchtbar machen könnte. Viele Opfer überlebten die qualvollen Eingriffe nicht.
Alice Brauner hat das Drehbuch geschrieben und den Film produziert. Als Historikerin befragte sie früher für Steven Spielbergs Shoah Foundation Überlebende. Von Block 10 erfuhr sie dennoch erst spät, beim Lesen von Bogdan Musiałs Buch "Mengeles Koffer".
Ein jüdischer Arzt in einer moralischen Extremsituation
Der Film erzählt von den Frauen in Block 10, aber auch von einem jüdischen Arzt, den die SS zur Mitarbeit zwang. Sie erpresste ihn mit dem Leben seiner Tochter. Maximilian Samuel, Gynäkologe aus Köln und im Film von Christian Berkel gespielt, sollte eigentlich neues Leben auf die Welt bringen. Dann musste er helfen, Frauen zu verstümmeln, damit sie nie wieder Kinder bekommen können.
Der echte Maximilian Samuel war ein deutscher Patriot und wollte lange nicht glauben, dass einem angesehenen Arzt wie ihm etwas zustoßen könnte. In Auschwitz geriet er dann in einen Gewissenskonflikt ohne Ausweg.
Brauner spricht im Interview mit Euronews von einer "Grauzone, die Primo Levi benannt hat". Ein Urteil über Samuel lehnt sie ab: "Man kann niemanden moralisch verurteilen, egal was er getan hat, wenn er Häftling in Auschwitz war."
Dem Zwiespalt des Arztes setzt der Film die Stärke der Frauen entgegen. Selbst in ihrer dunkelsten Stunde finden sie Halt aneinander, sagen Gedichte auf und singen gemeinsam. Solche Momente erfindet der Film nicht, betont Brauner. Das Gedicht stamme aus den Tagebüchern einer Auschwitz-Ärztin, das Lied habe sich in vielen Lagern verbreitet.
Eine Figur, die Widerstand verkörpert, ist die Ärztin Adélaïde Hautval, gespielt von Bibiana Beglau. Die Französin wurde im Januar 1943 als sogenannte "Judenfreundin" nach Auschwitz deportiert. Als Häftlingsärztin weigerte sie sich, bei Zwangssterilisationen von Frauen zu helfen. Später ehrte sie die Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern".
Alice Brauners Drehbuch stützt sich auf Zeugenaussagen und Prozessakten. "Jede Häftlingsnummer stimmt, jede Person hat existiert", sagt Brauner. Nur bei einer Abtreibungsszene habe sie eine andere Betroffene gewählt, um die Handlung nicht zu verkomplizieren.
Block 10 im Studio nachgebaut
Gedreht wurde ab September 2025 in den Berliner CCC-Filmstudios. Dort entstand ein detailgetreuer Nachbau von Block 10 mit Schlafsaal und OP-Räumen. Der Szenenbildner orientierte sich an 3D-Grafiken des Originalgebäudes.
Die Gedenkstätte Auschwitz gab dem Team als erstem Spielfilm das neue Virtual-Reality-360-Grad-Material des Lagers frei, aus dem die Außenansichten stammen. Die Ankunft der Gefangenen drehte man im Eisenbahnmuseum Bochum mit Hunderten Statisten.
Der Verzicht auf Musik ist kein Zufall. "Ich brauche keine zusätzlichen ästhetischen Mittel der Emotionalisierung", sagt Brauner. Erst im Abspann erklingt ein jüdisches Gebet für die Opfer der Shoah.
So nah an der unbequemen Realität wie möglich
"Wir wollten nicht mit Masken arbeiten", sagt Brauner. Stattdessen rasierten sich die Darstellerinnen den Kopf, einige vor laufender Kamera. Regisseur Marcus O. Rosenmüller sprach in den Monaten davor immer wieder mit ihnen, ob sie die seelische Last tragen könnten.
Wo es ging, besetzte man die Rollen mit Schauspielerinnen aus den Herkunftsländern der Opfer. Eine von ihnen lernte für die Rolle Ladino, die Sprache vieler sephardischer Jüdinnen und Juden.
Am ersten Drehtag setzte sich das Team zusammen. "Wir haben uns alle an den Händen genommen und noch mal darüber gesprochen. Alle haben geweint", erinnert sich Brauner. "Alle dachten, sie wären wirklich in Auschwitz."
Eine Intimitätskoordinatorin kümmerte sich um die Szenen mit Nacktheit und stand den Frauen zur Seite: "im Prinzip auch Psychologin am Set". Am schwersten fiel die Arbeit offenbar den Darstellern der Täter.
Schauspieler Johannes Zirner etwa spielt den SS-Arzt Horst Schumann, der in Auschwitz ebenfalls Experimente an Häftlingen durchführte. In einer Szene sollte er mit einem Schlagstock auf ein jüdisches Mädchen im Lager einschlagen. Er brachte es zunächst nicht über sich. "Wir mussten die Szene so oft drehen", sagt Brauner.
Würde der Opfer im Fokus statt große Effekte
Der Film zeigt Gewalt nüchtern und ungeschönt. Entkleidete Körper erscheinen nur in Ausschnitten aus Sicht der Ärzte, nie in voller Ansicht. "Vielleicht haben wir wirklich Schmerzgrenzen überschritten, aber wir haben immer versucht, die Würde der Opfer beizubehalten." Bei der Premiere in München verließen nur wenige Zuschauer den Saal, eine Seelsorgerin war vor Ort. Danach gab es lang anhaltenden Applaus, später den Publikumspreis beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen.
Brauner sieht im Film auch eine Auseinandersetzung mit Kriegsgewalt gegen Frauen und Mädchen. Die Opfer waren teils 15 bis 17 Jahre alt, und wurden "entmenschlicht, entrechtet, entwürdigt", wie sie es nennt.
Wut nach dem 7. Oktober
Dass der Film so drastisch wurde, hängt für Brauner mit dem 7. Oktober 2023 zusammen. Der Tag sei für sie ein tiefer Einschnitt gewesen, sagt Brauner. Als Jüdin habe sie erlebt, dass man sie für Israels Politik verantwortlich machte. "Jetzt haben sich wirklich alle Schranken geöffnet, und jeder lässt das raus, was er schon lange gedacht hat", sagt sie. "Ich habe das empfunden wie ein Tsunami, der über uns reinbricht."
Wie ernst die Lage ist, zeigen die Meldestellen des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS): Sie erfassten 2025 in Deutschland rund 8.700 antisemitische Vorfälle, fast 24 pro Tag. Zwischen 2020 und 2022 waren es im Schnitt rund 2.500 pro Jahr. RIAS weist auch darauf hin, dass viele Vorfälle nie gemeldet werden.
Brauners Eltern, Artur und Maria, überlebten die Shoah und kamen nach dem Krieg nach Deutschland. Hier wollten sie, sagt Brauner, den Deutschen einen Spiegel vorhalten, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Filmen.
Artur Brauner gründete dafür vor 80 Jahren die Berliner Produktionsfirma CCC. Er starb 2019, seine Frau 2017. Was seit dem 7. Oktober 2023 geschehen sei, hätten sie nicht überlebt, sagt Brauner. Die Erinnerungskultur, für die sie eintraten, hält sie für gescheitert. Genau deshalb will sie weitermachen.
Ab dem 5. November im Kino
"Block 10" startet am 5. November in ausgewählten deutschen Kinos, mit englischen Untertiteln. Zum Film haben Brauner und die Autorin Heike Gronemeier ein Buch veröffentlicht, in dem sie die historischen Hintergründe aufarbeiten.
Brauner empfiehlt, den Film nicht allein zu sehen, sondern mit anderen im Kino und danach darüber zu sprechen. Besonders junge Menschen wünscht sie sich als Publikum. Sie sollten sich mit dem Thema beschäftigen und sich dafür einsetzen, dass sich so etwas nicht wiederholt. Deshalb geht sie mit dem Film in Schulen und Kinos und sucht das Gespräch.