Chilenischer Meister des modernen Designs erhält endlich den weltweit wichtigsten Architekturpreis, nach Verzögerung wegen Enthüllungen zu Tom Pritzker und Jeffrey Epstein.
Der chilenische Architekt Smiljan Radić Clarke erhält in diesem Jahr den Pritzker-Preis für Architektur, die renommierteste Auszeichnung der Branche.
Der 60-Jährige aus Santiago gilt als radikal eigenständiger Gestalter, der für jeden Ort eine eigene Formensprache entwickelt. Fast alle seine wichtigsten Werke zeigen, wie selbstverständlich er Materialien und Natur ineinander übergehen lässt.
In Europa ist er vor allem für den Serpentine Gallery Pavilion in London bekannt, eine transluzente Hülle aus Fiberglas, die auf gewaltigen, tragenden Steinen aus der Region ruht.
Das Licht wird gefiltert, nicht offensiv zur Schau gestellt. Die Hülle bleibt an vielen Stellen geöffnet, sodass Besuchende Schutz finden, ohne sich völlig vom umliegenden Park abzuschotten.
In ihrer Begründung für den Jahrgang 2026 lobt die Jury seine Bauten überschwänglich als „optimistische und leise heitere“ Strukturen.
„Wenn Architektur dem Leben der Menschen eine Form gibt, dann schaffen Radićs Arbeiten räumliche Erlebnisse, die zugleich überraschend und vollkommen selbstverständlich wirken“, heißt es weiter in der Erklärung der Pritzker-Jury.
Architektur als Kunst
Bei der Entgegennahme des Preises sagte Radić, sein Büro wolle „Bauten schaffen, die jahrhundertelang in der Sonne stehen und auf unseren Besuch warten“.
„Wir versuchen, Erfahrungen zu ermöglichen, die eine starke emotionale Präsenz haben und die Menschen dazu bringen, innezuhalten und eine Welt neu zu betrachten, die so oft gleichgültig an ihnen vorbeizieht“, fügte er hinzu.
In seiner Heimat Chile zählt das Regionaltheater von Biobío (Teatro Regional del Biobío, Concepción, Chile, 2018) zu seinen bekanntesten Projekten. Der Bau besitzt eine sorgfältig konstruierte, halb durchscheinende Hülle, die das Licht fein dosiert und mit ihrer Zurückhaltung eine präzise Akustik ermöglicht.
Die Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers war ursprünglich für vergangene Woche geplant. Sie wurde jedoch verschoben, nachdem Tom Pritzker, der die Preisstiftung leitet, in kürzlich veröffentlichten Unterlagen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auftauchte.
Pritzker hat sich inzwischen von der Stiftung distanziert, bleibt aber weiterhin Direktor und Vizepräsident.
Smiljan Radić Clarke ist der 55. Preisträger des Pritzker-Preises für Architektur. Neue Projekte plant er unter anderem in Albanien, Spanien, der Schweiz und im Vereinigten Königreich.
Der Pritzker-Preis wird seit 1979 vergeben, damals an den Modernisten Philip Johnson. Seitdem erhielten ihn einige der einflussreichsten Architektinnen und Architekten der Welt, darunter I. M. Pei, Oscar Niemeyer, Frank Gehry, Rem Koolhaas und Zaha Hadid.