Neue Studie: Knapp ein Drittel der Beschäftigten im europäischen Gesundheits- und Sozialwesen ist regelmäßig krebserregenden Risiken ausgesetzt.
Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen in Europa sind einer Vielzahl vermeidbarer Faktoren ausgesetzt, die ihr Krebsrisiko erhöhen können, wie eine neue Studie zeigt.
Krebs ist weiterhin die häufigste Ursache für arbeitsbedingte Todesfälle in der Europäischen Union. Jährlich sterben daran 100.000 Menschen; Millionen Beschäftigte kommen im Arbeitsalltag mit krebserregenden Einflüssen in Kontakt, so die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA).
Die von der EU-OSHA durchgeführte Workers' Exposure Survey ergab, dass 47,3 % der befragten Beschäftigten aus allen Branchen in der letzten Arbeitswoche mindestens einem krebserregenden Faktor ausgesetzt waren.
Die Erhebung beruht auf 24.402 Telefoninterviews, die 2022 und 2023 mit Beschäftigten in Finnland, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Irland und Spanien geführt wurden.
Im Gesundheits- und Sozialwesen gaben 29,5 % an, mit einem oder mehreren Krebsrisikofaktoren in Berührung gekommen zu sein, 7,8 % mit zwei oder mehr.
„Trotz ihrer Bedeutung waren die Risiken durch krebserzeugende Stoffe im Gesundheits- und Sozialwesen historisch weniger sichtbar als in anderen Wirtschaftsbereichen“, sagte Michelle Turner, Hauptautorin der Studie am Barcelona Institute for Global Health (ISGlobal).
„Die Untersuchung zeigt, wie wichtig Präventionsstrategien sind, die an die tatsächlichen Arbeitsbedingungen in diesem Bereich angepasst sind.“
Das Gesundheits- und Sozialwesen gehört zu den größten Branchen in Europa. Es beschäftigt elf Prozent der gesamten Erwerbsbevölkerung – mehr als 21,6 Millionen Menschen. Die Branche umfasst Tätigkeiten in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen, Arztpraxen sowie in der häuslichen Pflege.
Hauptrisiken für Beschäftigte im Gesundheitswesen
Die Studie schätzte die Belastung der Beschäftigten durch 24 bekannte Krebsrisikofaktoren, die im europäischen Arbeitsalltag eine Rolle spielen – etwa Industriechemikalien, physikalische Einwirkungen, prozessbedingte Stoffe und Stoffgemische.
Im Gesundheits- und Sozialwesen waren ionisierende Strahlung (7,4 %), Abgase von Dieselmotoren (6,2 %), ultraviolette Sonnenstrahlung (6,1 %), Formaldehyd (5,2 %) und Benzol (4,8 %) die am häufigsten genannten Belastungen.
Am häufigsten stuften die Forschenden die Belastung mit Formaldehyd und Ethylenoxid als hoch ein. Beide chemischen Verbindungen kommen bei Desinfektion und Sterilisation zum Einsatz.
Wie Beschäftigte den Stoffen ausgesetzt sind
Im Laufe ihres Erwerbslebens können Menschen mit mehreren krebsfördernden Faktoren gleichzeitig in Berührung kommen.
Die Belastung am Arbeitsplatz gilt als zentrale Stellschraube der Krebsprävention. Dort kommen große Gruppen von Menschen über längere Zeit mit hohen Konzentrationen gefährlicher Stoffe in Kontakt, heißt es im Europäischen Kodex zur Krebsbekämpfung.
Im Gesundheits- und Sozialwesen reicht die Palette der Risiken von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln bis zu medizinischen Verfahren, bei denen gefährliche Chemikalien eingesetzt werden.
Wer mit Röntgengeräten und Radioisotopen arbeitet, ist verstärkt ionisierender Strahlung ausgesetzt. Bei geringem Abstand und fehlendem Schutz kann sie Zellen schädigen.
Die Studie nennt mehrere besonders kritische Tätigkeiten: Fahrer von Dieselfahrzeugen und Kfz-Mechaniker hatten das höchste Risiko durch Dieselmotoremissionen (DEE), Mitarbeitende in anatomischen Präparierlaboren durch Formaldehyd. Zahntechnikerinnen und Zahntechniker, die Kronen, Prothesen oder Brücken herstellen, waren verstärkt einatembarer kristalliner Kieselsäure (RCS) ausgesetzt.