Neues Buch würdigt Kult-Katzenfotografen Walter Chandoha
Lang vor Internet-Katzenmemes fotografierte Walter Chandoha Samtpfoten. Ein neuer Bildband „Family Cats: From the Archive 1949–1968“ würdigt seine frühen Aufnahmen.
In den Tiefen des Internets kursiert eine beliebte Theorie: das Cat Distribution System (CDS). Es besagt, so sicher wie der Himmel blau und das Gras grün ist, bringt das Universum einem irgendwann eine Katze ins Leben, oft genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht.
Für einen Mann namens Walter Chandoha bewahrheitete sich das CDS an einem frostigen Abend im Jahr 1949.
Nachdem er im Zweiten Weltkrieg als Frontfotograf gearbeitet hatte, war er in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt und studierte Marketing an der New York University (NYU). Auf dem Heimweg von der Uni tauchte plötzlich ein graues Kätzchen auf, winzig und zitternd mitten im Schneesturm.
Als er das Tier zu seiner Frau Maria nach Hause brachte, merkten die beiden schnell: Der Kleine war pures, pelziges Chaos. Während er im Kreis durch die Wohnung raste und draußen eine Fabriksirene heulte, rief Maria: "That cat is loco!"
Damit hatte er seinen Namen.
Schon bald wurde Loco zu Chandohas wichtigster Inspirationsquelle. Er fotografierte ihn, wie er in ballettartigen Sprüngen durch die Luft flog oder sein Spiegelbild im Spiegel anstarrte, alles Hinterbeine und Jazz-Pfoten.
Die Aufnahmen entstanden spielerisch aus dem Moment heraus, fingen aber etwas Besonderes ein: den schrägen Humor und das Staunen, das in Katzencharakteren steckt.
Sie sollten auch den Rest von Chandohas Leben prägen und ihn schließlich weltberühmt machen als wohl größten Katzenfotografen der Welt.
"Einige dieser ersten Fotos von Loco weckten das Interesse von Bildmagazinen auf der ganzen Welt und gingen faktisch viral, lange bevor es das digitale Zeitalter gab", erklärten das Walter-Chandoha-Archiv und die Familie Euronews Culture.
"Von da an widmete er seine Arbeit und Karriere ganz den Katzenfotografien, später kamen auch Hunde dazu. Katzen und all ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und Eigenheiten faszinierten ihn zutiefst", teilten sie mit.
Seine frühesten Aufnahmen, von denen einige bisher unveröffentlicht blieben, sind nun in einem neuen Buch mit dem Titel "Family Cats: From the Archive 1949-1968" versammelt, erschienen bei Damiani Books.
Im Unterschied zu früheren Bildbänden strahlen diese Fotografien eine besondere Intimität aus. Ihr unverstellter Schwarz-Weiß-Blick macht die familiären Beziehungen sichtbar, aus denen Chandohas Karriere hervorging.
"Diese Fotografien spiegeln wirklich seine tägliche Praxis wider: Er fotografierte die Familienkatzen", erklärte Chandohas Familie. "Von Loco bis zu allen Familienkatzen, die ebenfalls aus dem Tierschutz stammten: Sie kannten einander, vertrauten einander und waren jeden Tag zusammen, nicht nur als geliebte Gefährten, sondern auch als Musen."
In den vergangenen Jahrzehnten sind Katzen zu Grundpfeilern der modernen Internetkultur geworden. Von Keyboard Cat bis Grumpy Cat: Irgendetwas an diesen kleinen Wesen fasziniert Menschen immer wieder aufs Neue.
Doch lange bevor sie als Memes kursierten oder in viralen Videos die Hauptrolle spielten, hatte Chandoha die Kunst des fröhlichen Katzen-Contents bereits perfektioniert. Seine Bilder brachten ihr eigenwilliges Wesen und ihre fast menschlichen Marotten auf den Punkt.
Seine Familie ist überzeugt: Chandohas mitfühlender Blick, seine Liebe zum Detail und seine enorme Geduld machten ihn zum idealen Chronisten der Katzenwelt.
"Er konnte die angeborene Besonderheit jeder einzelnen Katze einfangen und lebendige, zugängliche Bilder schaffen, die die Betrachterinnen und Betrachter auf Augenhöhe mit dem Tier bringen", sagten sie.
"Er ist bekannt für seinen souveränen Umgang mit den Konventionen des Porträts. Seine Porträts von Katzen erinnerten an menschliche Wesen und veränderten den Blick darauf, wie Haustiere auf Fotos wahrgenommen werden."
Nur wenige Tierfotografen erreichten einen ähnlich großen kommerziellen Erfolg wie Chandoha. Seine ikonischen Bilder zierten Hunderte von Werbeanzeigen, über 300 Magazincover, Tierfutterverpackungen, Puzzles, Kalender und vieles mehr. Sie inspirierten zudem zahllose andere Künstlerinnen und Künstler, darunter Andy Warhol mit seinem Buch "Holy Cats".
Vielleicht am beeindruckendsten bleibt, dass er überhaupt mit Katzen arbeiten konnte. Jede Person, die mit einer Katze zusammenlebt, weiß: Diese Tiere lassen sich nur ungern etwas vorschreiben.
Selbst einer der bekanntesten Tiertrainer Hollywoods, Ray Berwick, erklärte einmal, das Training der Katzen für den Film Eye of the Cat von 1969 sei einer seiner härtesten Aufträge gewesen. Die Macherinnen und Macher von Game of Thrones gaben zudem zu, einen rotgetigerten Kater entlassen zu haben, weil er sich am Set wie eine Diva verhielt.
Nach Angaben von Chandohas Familie lag sein Erfolg an seiner engen Verbindung zu den Katzen. So konnte sich ein Verhältnis des gegenseitigen Respekts entwickeln, und Mensch und Tier arbeiteten fast wie selbstverständlich zusammen.
"Die Katzen vertrauten ihm wirklich. Und er war unglaublich geduldig, er konnte stundenlang auf das perfekte Bild hinarbeiten."
Chandohas hypnotische Katzenbilder wirken zugleich nostalgisch und erstaunlich aktuell. Sie scheinen Zeit und Moden zu überdauern. Den grellen Kitsch und Glamour seiner späteren Arbeiten zeigte kürzlich die Milan Design Week in einer gemeinsamen Ausstellung mit dem Kreativstudio TOILETPAPER, in der plattgesichtige Perserkatzen mit großen Augen von Zuckerguss-Torten und herzförmigen Hockern blickten.
Auf genau diese zeitlose Qualität setzt Chandohas Familie auch bei seinen frühen Arbeiten. Die Bilder sollen tröstlich daran erinnern, dass Jahreszeiten vergehen und sich die Welt verändert, unsere Liebe zu Katzen aber gleich bleibt.
"[Wir hoffen, dass sie] die Freude und das Staunen wecken, ein so bemerkenswertes, ikonisches Werk aus einer anderen Zeit zu entdecken."
"Walter Chandoha: Family Cats From the Archive 1949-1962" ist bei DAMIANI BOOKS erschienen und ab sofort erhältlich.