Schon einmal in einem endlosen Flur gestanden oder in einem leeren Raum, der sich unheimlich anfühlt? Der Film „Backrooms“ erkundet diese Zwischenwelten.
Der nächste Horror-Überraschungserfolg des Jahres 2026 könnte schon vor der Tür stehen.
Regie führt der zwanzigjährige YouTuber und VFX-Künstler Kane Parsons – im Netz besser bekannt als Kane Pixels. Backrooms adaptiert eine Internet-„Creepypasta“, die er bereits in einer Reihe von YouTube-Videos erkundet hat. Der Film zählt zu den meist erwarteten Horrorproduktionen des Jahres und hat die Faszination für sogenannte liminale Räume neu entfacht.
A24, das Studio hinter Moonlight, Everything Everywhere All At Once und Marty Supreme, hat das Projekt übernommen – und Parsons damit zum bislang jüngsten Regisseur gemacht, der bei dem Studio unterschreibt. Das Gütesiegel von A24 stärkt den Indie-Hit-Status von Backrooms und hat zugleich geholfen, für Parsons’ Debüt eine beeindruckende Besetzung zu gewinnen.
Im Mittelpunkt steht die Therapeutin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve – Sentimental Value und die aktuelle Palme-d’Or-Gewinnerin Fjord), die in eine andere Dimension vordringt – die titelgebenden Backrooms. Dort sucht sie ihren verschwundenen Patienten, den gescheiterten Architekten Clark (Chiwetel Ejiofor).
„Ich habe etwas gefunden“, sagt Ejiofor zu Reinsve im Teaser-Trailer (Quelle auf Englisch), während Parsons’ Kamera durch eine Abfolge leerer Räume hinabgleitet. „Ich habe einen Ort gefunden. Es ist riesig dort drin. Es geht einfach immer weiter, und weiter, und weiter ... All diese Räume. Es baut sie. Oder eher: Es erinnert sich an sie.“
Neugierig geworden? Gut. Falls Sie sich trotzdem fragen, warum dieser Horrorfilm in spe so viel Wirbel auslöst, führen wir Sie gern durch das Phänomen – vorausgesetzt, wir verlaufen uns nicht in scheinbar endlosen Korridoren.
Viraler Albtraum: Was sind die Backrooms?
Das Backrooms-Phänomen geht auf ein einziges Bild zurück, das 2019 anonym im Bereich 4chan Creepypasta (Quelle auf Englisch) gepostet wurde – einem Sammelbegriff für Horror-Urban-Legends aus dem Netz wie Slender Man, Jeff The Killer oder Smile Dog.
Das Foto zeigt einen fensterlosen, leeren Raum aus kränklich gelben Wänden und Teppichboden. Dazu stand folgende Beschreibung: „Wenn du nicht aufpasst und an der falschen Stelle aus der Realität herausnoclipst, landest du in den Backrooms. Dort gibt es nichts außer dem Gestank von altem, feuchtem Teppich, dem Wahnsinn des Monogelbs, dem endlosen Hintergrundbrummen von Neonröhren auf maximaler Lautstärke und ungefähr sechshundert Millionen Quadratmeilen zufällig abgetrennter leerer Räume, in denen du gefangen bist. Gott schütze dich, wenn du hörst, dass in der Nähe etwas umherstreift, denn es hat dich ganz sicher gehört.“
Weitere verstörende Bilder folgten, Nutzerinnen und Nutzer spannen komplizierte Mythen, und Kane Parsons produzierte kurze Horrorfilme dazu. Seine Webserie ging viral und erreichte Hunderte Millionen Aufrufe.
So entstand eine liminale Höllenlandschaft. Und sieben Jahre später soll eine Kinoversion dieser seltsamen Ecke der Internetkultur nun auch Sie in ihren Bann ziehen ...
Zwischen allen Welten: Was ist ein Liminalraum?
„Liminalität“ beschreibt einen Übergangszustand und geht auf das lateinische „limen“ für „Schwelle“ zurück. Das Konzept spielt in Architektur, Psychologie und Anthropologie eine wichtige Rolle.
Es kann ganz konkrete Orte meinen, etwa Hotelgänge oder Gates an Flughäfen. Also Räume des Übergangs und möglicher Verwandlung, die zugleich vertraut und unheimlich wirken.
Dazu kommen Alltagsorte wie halb verlassene Einkaufszentren, gesichtslose Büroflure oder leere Schul- und Krankenhausgänge – Ansichten, die fast entrückt wirken, als stünde die Zeit still. Sie sind nicht fremd genug, um als rein furchteinflößend zu gelten, aber auch nicht gewohnt genug, um zu beruhigen.
Fotos solcher unheimlichen Räume haben das Interesse an der Liminalität physischer Umgebungen geweckt – und ein Horror-Subgenre entstehen lassen, in dem die gezielte Verfremdung zentral ist. Eine schwer zu fassende Nostalgie, die von einer bestimmten Ästhetik ausgeht, trifft auf eine verstörende Leere und die bloße Vorstellung einer lauernden Präsenz, die die endlosen Gänge durchstreift. Was zunächst vertraut wirkt, kippt ins Ungewisse – und Architektur greift tief in die Gefühlswelt des Menschen ein.
Etwas fühlt sich „falsch“ an, man steckt in einer Art Warteschleife fest, zerrissen zwischen trügerischer Ruhe und tief sitzender Unruhe.
Hinzu kommt eine psychologische Ebene: Diese scheinbar endlosen Liminalräume führen nicht nur an die Schwelle zur Dunkelheit, sie rühren auch an modernen Ängsten vieler Menschen – Einsamkeit, selbst geschaffene Labyrinthe aus Verhaltensmustern und eine existenzielle Furcht, genährt aus dem Verlust von Hoffnung.
Beruhigt? Das sollten Sie besser nicht sein.
Orientierungslos im Kino: Wird Backrooms der Horrorhit 2026?
Kurz gesagt: Noch ist es zu früh für ein Urteil. Klar ist aber, dass Liminal-Horror im Mainstream ankommt – vor allem nach dem Horrorfilm I Saw The TV Glow von 2024 und dem letztjährigen Exit 8. Beide erkunden die unheimliche Wirkung liminaler Räume, besonders letzterer.
Exit 8 ist ein japanischer Psychothriller nach dem gleichnamigen Videospiel von 2023. Darin navigieren Spielende eine fast menschenleere, sich wiederholende U-Bahn-Station, müssen Anomalien meiden und lebend entkommen.
Die Verfilmung unter der Regie von Genki Kawamura fängt die feinen Nuancen des Liminal-Horrors ein und zeigt, dass dieses facettenreiche Genre weit mehr zu bieten hat als billige Jumpscares.
Wenn es Parsons gelingt, mit der unheimlichen Seite zeitgenössischer Architektur zu spielen und aus jenen Räumen Bedeutungsschichten herauszuschälen, in denen sich Mensch und Geist verlieren können, könnte Backrooms das Publikum erfolgreich loslösen – und für eine neue Generation das werden, was The Blair Witch Project einst war, mit einer Prise Severance.
Die Chancen stehen gut, denn Parsons ist nicht der erste YouTuber, dem der Sprung vom Netz auf die große Horror-Leinwand gelingt. Man denke an David F. Sandbergs Lights Out, die Philippou-Brüder mit Talk To Me und Bring Her Back oder auch Markipliers Iron Lung – alles Beispiele für erfolgreiche Wechsel von Online-Grusel ins Kino.
Andererseits gab es 2018 auch Slender Man, der die Creepypasta-Schreckfigur gründlich ruinierte. Hoffentlich erweist sich der 4chan-Ableger also nicht als filmischer Todesstoß für das Subgenre.
Einige europäische Horrorfans können sich schon diese Woche in Backrooms verlieren. Der Film startet Ende Mai in Großbritannien, den Niederlanden, Polen und Italien, während sich das Publikum in Frankreich, Spanien und Deutschland noch bis zum nächsten Monat gedulden muss. Viel Glück. Und verlaufen Sie sich nicht.