Guilin: Warum Chinas Traumlandschaft auf jede Reiseroute gehört
Im Südwesten der chinesischen Region Guangxi lockt die UNESCO-geschützte Karstlandschaft von Guilin. Dianne Apen-Sadler stellt die Highlights der Stadt, typische Küche und praktische Reisetipps vor.
In Großbritannien verklärt J. M. W. Turner mit seinem Zyklus „Picturesque Views in England and Wales“ die Küsten und Burgen des Landes. In Japan trugen Katsushika Hokusais „36 Ansichten des Berges Fuji“ dazu bei, den Stratovulkan zu einem Pflichtziel für internationale Reisende zu machen.
In China sind es die Shanshui-Landschaftsbilder von Bergen und Flüssen, die seit Jahrhunderten die Fantasie von Reisenden beflügeln.
Fernab der glitzernden Wolkenkratzer Shanghais. In Wirklichkeit trennt Sie jedoch weniger als ein dreistündiger Flug. In Guilin finden Sie hochaufragende, von Wolken verhangene Gipfel und geschwungene Wasserläufe, die wirken, als seien sie direkt einer Tuschezeichnung entsprungen.
Guilin in Guangxi im Süden Chinas ist seit Langem ein etabliertes Reiseziel. Die Stadt ist berühmt für ihre Karstlandschaft; schon vor mehr als 800 Jahren pries Wang Zhenggong sie als „die beste unter dem Himmel“.
Seitdem geben ihm inländische wie ausländische Gäste recht.
Guilin gehörte in den 1980er-Jahren zu den ersten Regionen Chinas, die sich für ausländische Besucher öffneten. In den vergangenen Jahren ist die Stadt jedoch etwas aus dem Fokus geraten – wohl auch, weil Zhangjiajie mit ähnlichen Karstformationen dank der „Avatar“-Filme einen Besucherboom erlebt.
Viele China-Reisen konzentrieren sich auf Metropolen wie Peking, Shanghai oder Xi’an. Mein Abstecher nach Guilin mit seiner unvergleichlichen Landschaft hat mich überzeugt: Die Stadt gehört unbedingt auf jede Reiseroute, egal ob es Ihre erste Reise oder die 50. ist.
Kulisse wie gemalt
Karstlandschaften aus Kalkstein gibt es weltweit, von Slowenien und Georgien bis Thailand und Vietnam. Die Umgebung von Guilin gehört dennoch zu den spektakulärsten.
Die Stadt ist rund um die Felsen gewachsen. Strenge Höhenbegrenzungen für Gebäude sorgen dafür, dass man die Silhouette der Karstberge fast überall sehen kann.
Neben dem „Elephant Trunk Hill“ – der Name ist Programm, der Hügel sieht aus wie ein trinkender Elefant – gilt der Solitary Beauty Peak als vielleicht wichtigstes Wahrzeichen Guilins.
Er ist Teil des Fürstenpalasts von Jingjiang, einer Stadt in der Stadt, die in der Ming-Dynastie im späten 14. Jahrhundert rund um den Gipfel entstand. Der freistehende Felsen gilt als so erhaben, dass sich die umliegenden Karstgruppen ihm gleichsam verneigen.
Ein Rundgang durch die Anlage erzählt ihre wechselvolle Geschichte: Zunächst diente sie den Fürsten von Jingjiang als Residenz. In der Qing-Dynastie wurde sie zum Prüfungszentrum der kaiserlichen Staatsprüfungen in der Provinz Guangxi. Heute ist der Palast zugleich Sehenswürdigkeit und Campus der Guangxi Normal University.
Den Solitary Beauty Peak kann man besteigen. Nach etwa 15 Minuten auf sehr steilen Stufen eröffnet sich oben der Blick auf die gesamte Anlage und die Stadt, die sich zwischen den Felsen ausdehnt.
Die eindrucksvollste Landschaft, die zugleich Teil des UNESCO-Welterbes „Südchina-Karst“ ist, liegt allerdings außerhalb Guilins.
Am besten erlebt man sie auf einer Bootsfahrt auf dem Li-Fluss von Guilin nach Yangshuo.
Unterwegs wies unser Guide immer wieder auf natürliche „Gemälde“ im Fels hin, etwa den „Nine Horse Mural Hill“. Meine Fantasie reichte allerdings nicht aus – oder ich habe nicht genug geblinzelt –, um die genannten Formen wirklich zu erkennen.
Auch ohne die kreativen Namen der Gipfel nachzuvollziehen, bleiben die Aussichten überwältigend – so sehr, dass der Blick bei Xingping die Rückseite des 20-RMB-Scheins schmückt.
In Guilin gibt es keinen schlechten Ausblick
Der Li-Fluss beeindruckt. Doch der Blick vom Ruyi-Gipfel hat mich endgültig sprachlos gemacht.
Nach einer leicht furchteinflößenden Seilbahnfahrt, einem adrenalingeladenen Gang über eine Hängebrücke und einem weiteren Treppenaufstieg scheint sich von der Plattform aus eine endlose Karstlandschaft vor einem auszubreiten.
Am ehesten lässt sich das mit den Karstinseln in der Phang-Nga-Bucht in Thailand vergleichen, die ebenfalls fast unwirklich wirken – passend, denn beide Regionen dienten als Drehort für den Planeten Kashyyyk in „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“.
Eine weitere Hauptattraktion sind die Longji-Reisterrassen. Sie liegen gut eine Autostunde außerhalb der Stadt; die Terrassen ziehen sich in Stufen den Hang hinauf und erinnern an Drachenschuppen.
Je nach Jahreszeit bietet sich ein anderes Bild. Bei unserem Besuch Anfang Juni bereiteten die Bauern die nächste Saison vor, die Felder standen daher voller Wasser.
Diese Reise hat mir vor allem eines gezeigt: In Guilin gibt es keinen schlechten Blick, selbst bei bedecktem Himmel…
Die Karstformationen bedeuten auch, dass das Gebiet von Höhlen durchzogen ist; schätzungsweise mehr als 3.000 liegen im Umland von Guilin.
Die bekannteste ist die Schilfrohrflötenhöhle. Sie dient buchstäblich seit Jahrhunderten als Ausflugsziel: Eine der Inschriften an den Wänden stammt aus dem Jahr 792 in der Tang-Dynastie. Dabei handelt es sich nicht um Kritzeleien à la „Chris war hier“, sondern um Reiseberichte und Gedichte.
Seit ihrer Wiederentdeckung in den 1940er-Jahren ist die Höhle bunt ausgeleuchtet. Schilder erklären, an welche Figuren die Tropfsteine erinnern – etwa an einen Löwen, Pilze oder einen Bühnenvorhang. Diesmal konnte ich die Formen gut erkennen.
Kultur und Küche
Die Region Guangxi beherbergt die größte Minderheitenbevölkerung Chinas und trägt offiziell den Namen Autonomes Gebiet Guangxi der Zhuang.
Die meisten Arbeiter auf den Longji-Reisterrassen gehören zur Volksgruppe der Zhuang. Ihre traditionelle Architektur lässt sich im nahe gelegenen Dorf Ping’an bestaunen.
Einblicke in die lokale Kultur bietet auch die Show „Impression Liu Sanjie“. Mehr als 600 Mitwirkende in traditioneller Zhuang-Tracht stehen auf der Bühne; die Inszenierung ist vom Leben der Volkssängerin Liu Sanjie inspiriert.
Gespielt wird auf Zhuang und Hochchinesisch, Sprachkenntnisse sind aber nicht nötig. Die Aufführung will vor allem einen Eindruck vom Leben der Zhuang vermitteln; auch lokale Bauern und Fischer treten auf.
Die Vorstellung findet nachts zwischen den Karstfelsen von Yangshuo statt. Choreograf Zhang Yimou, der auch die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 verantwortete, hat daraus ein eindrucksvolles Spektakel auf dem Wasser gemacht.
Das ebenfalls nahe den Longji-Reisterrassen gelegene Dorf Huangluo ist Heimat der Roten Yao, die für ihr langes Haar und ihre farbenfrohen Trachten bekannt sind.
Die Frauen schneiden ihr Haar nur ein einziges Mal, mit 16 Jahren, bei einer besonderen Zeremonie. Die abgeschnittenen Strähnen werden aufbewahrt und später beim Frisieren wieder eingeflochten.
Eine nachgestellte Zeremonie zeigt das Theater im Dorf der Yao in Huangluo. Da die Aufführung auf Mandarin stattfindet, empfiehlt sich ein Besuch mit Reiseführung, um alles zu verstehen.
Im China Long Hair Science and Technology Museum gleich nebenan erfährt man, welche Frisuren den Familienstand einer Frau verraten und wie die Yao ihr Haar so gesund und lang halten.
Dort kann man auch Haarpflegeprodukte auf Basis von fermentiertem Reiswasser kaufen – dem angeblichen Schönheitsgeheimnis der Frauen.
Die Minderheiten der Yao und Dong sind zudem für ihren Öltee bekannt. Diese Tradition wurde 2022 im Rahmen des Eintrags „Traditionelle Teeverarbeitungstechniken und damit verbundene gesellschaftliche Praktiken in China“ in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Für den Tee werden Blätter zunächst mit Knoblauch, Salz, Ingwer und Chili in Erdnussöl angebraten und anschließend aufgekocht. Serviert wird er meist mit gepufftem Reis und mit dem Löffel gegessen.
Guilin ist außerdem berühmt für seine Reisnudeln. Sie sollen entstanden sein, um Zuwanderern aus Nordchina entgegenzukommen, wo Weizen – und damit klassische Nudeln – weit verbreitet ist.
Eine Schüssel bekommt man etwa auf dem Nachtmarkt in der Fußgängerzone Zhengyang, wo es auch andere chinesische Klassiker wie Stinky Tofu gibt.
Beim nächsten Mal reise ich nach Guilin für …
Im Rückblick hätte ich gern ein paar Tage in Yangshuo verbracht. Dort gibt es spektakuläre Hotels, deren Kulisse direkt aus den Kalksteinfelsen besteht.
Außerdem würde ich beim nächsten Besuch gern auf einem Bambusfloß den Li-Fluss hinunterfahren – eine deutlich ruhigere Art, die Karstlandschaft zu erleben.
Anreise nach Guilin
Vom Flughafen Shanghai Pudong fliegt man in gut zweieinhalb Stunden zum internationalen Flughafen Guilin Liangjiang.
Inlandsflüge gibt es zudem von wichtigen Drehkreuzen wie Peking (drei Stunden), Xi’an (zwei Stunden und 10 Minuten) und Chengdu (eine Stunde und 50 Minuten).
Von Hongkong aus erreicht man Guilin mit dem Hochgeschwindigkeitszug in etwas mehr als drei Stunden.
Praktische Tipps
Die sogenannte Great Firewall blockiert in China viele ausländische Webseiten und soziale Netzwerke. Dienste wie Instagram, WhatsApp oder Facebook funktionieren über das lokale WLAN in der Regel nicht.
Mit Daten über eine eSim konnte ich diese Apps jedoch problemlos nutzen. Nachdem ich bei einer Reise in den Kosovo Schwierigkeiten mit Airalo hatte, habe ich mich auf Reddit umgehört und mich schließlich für eine eSim von Nomad entschieden, die einwandfrei funktionierte.
Installieren und konfigurieren Sie die chinesischen Versionen wichtiger Apps am besten vor der Einreise. Bezahlt wird fast überall mit WeChat oder Alipay – Bargeld akzeptieren viele Geschäfte nicht mehr. Für die Navigation eignet sich Amap.
In Alipay lassen sich zudem Taxis über Didi Travel rufen oder Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr bezahlen.
Dianne Apen-Sadler war Gast von Trip.com (Quelle auf Englisch), der Online-Reiseagentur.
Alle oben genannten Erlebnisse lassen sich über Trip buchen – eine Übersicht über die Angebote in Guilin finden Sie auf der Website von Trip.com (Quelle auf Englisch)hier (Quelle auf Englisch).