Bewohner und lokale Initiativen kritisieren den plötzlichen Ansturm auf die Hütte. Für sie ist er ein weiteres Beispiel dafür, wie soziale Medien Reiseziele überlasten.
Hoch oben in den italienischen Dolomiten ist eine Berghütte zum Internet-Hit geworden. Jeden Morgen steigen inzwischen tausende Touristinnen und Touristen durchs Val di Fassa auf rund 2.300 Meter Seehöhe – nicht wegen der Aussicht, sondern wegen einer besonderen Süßspeise.
In der Schutzhütte Friedrich August gibt es in der Hochsaison Krapfen, ein traditionelles deutsches Hefeteiggebäck.
Seit Fotos des Gebäcks, das pro Stück drei bis vier Euro kostet, in den sozialen Netzwerken kursieren, pilgern immer mehr Menschen herauf, um es zu probieren.
Die mit Vanillecreme gefüllten Krapfen kommen gegen halb acht Uhr morgens in den Verkauf und sind meist schon vor zehn Uhr ausverkauft.
Videos auf TikTok und Instagram zeigen sich windende Schlangen von bis zu 300 Wanderinnen und Wanderern, die für das Gebäck anstehen. Einige stehen demnach noch im Morgengrauen auf oder übernachten in der Nähe, um sicherzugehen, dass sie einen Krapfen bekommen.
Dolomiten werden zum „Vergnügungspark“
Wer die Krapfen probiert hat, findet den Aufwand offenbar gerechtfertigt. „Frisch gemacht, noch warm, dazu ein guter Kaffee und der unglaubliche Blick auf Sassolungo und Sasso Piatto … das ist kaum zu toppen“, schrieb ein Blogger.
Die plötzliche, überwältigende Nachfrage stößt bei Bewohnerinnen und Bewohnern der Region und bei Verbänden jedoch auf Kritik. Für sie ist die Hütte ein weiteres Beispiel dafür, wie soziale Medien Reiseziele überlasten.
Die Hütte backt die Krapfen seit vierzig Jahren und erklärte lokalen Medien: „Wir haben sie immer gemacht, doch erst als vor zwei Jahren jemand ein Foto gepostet hat, brach die Kontroverse los.“
Giorgio Daidola, Skilehrer und früherer Professor, sagte der italienischen Zeitung L’Adige, dieser Tourismus mache aus den Bergen eine bloße Ware.
„Man betrachte die Berge inzwischen wie einen Rummelplatz in großer Höhe“, sagte er. „Das alles ist künstlich und entspricht nicht dem Bild von einem Berg, den alle erleben können, das mir vorschwebte.“
Und er fügte hinzu: „Es ist, als würde man nach Gardaland fahren“, mit Verweis auf den Vergnügungspark am Gardasee.
In den vergangenen Jahren sind mehrere Orte in den Dolomiten vom Foto- und Social-Media-Tourismus überrollt worden.
„Bis vor fünf oder sechs Jahren hatten wir in den Dolomiten keinen Overtourism an ganz bestimmten Punkten oder zu bestimmten Zeiten“, sagte Francesco Abbruscato, Präsident des Veneto-Zweigs des Italienischen Alpenvereins, dem Nachrichtenportal Vita.it.
„Heute gibt es ikonische Orte, an denen sich die Schönheit kaum noch erfassen lässt, weil wir von Dutzenden Menschen umringt sind, die Selfies machen und nur deswegen dort sind.“
Anfang dieses Jahres griff die Gemeinde Funes ein, nachdem Scharen von Fototouristinnen und ‑touristen zur Kirche Santa Maddalena strömten, die direkt unter den majestätischen Odle-Spitzen liegt.
Der Gemeinderat hat den Zugang zu der über eine schmale Straße erreichbaren Kirche inzwischen von Mai bis November eingeschränkt.
Im vergangenen Sommer stellte eine Gruppe örtlicher Bäuerinnen und Bauern am immer beliebteren Odle-Weg ein Drehkreuz auf und erhob eine Gebühr, um gegen den ständigen Strom von Touristinnen und Touristen zu protestieren, die, wie sie sagen, die Gegend missachten.