Brasilien steht vor einer hochpolarisierten Präsidentschaftswahl. Amtsinhaber Lula da Silva liegt in Umfragen vorn, doch der Vorsprung auf Flávio Bolsonaro ist schmal.
Mit 80 Jahren tritt Präsident Luiz Inácio Lula da Silva erneut bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien an. Er präsentiert sich als Verteidiger der "Souveränität" seines Landes – während die Regierung Trump Brasilien mit neuen Zöllen unter Druck setzt und damit den Wahlkampf überschattet.
Lula zählt zu den einflussreichsten linken Staats- und Regierungschefs, die in Lateinamerika noch im Amt sind. Zugleich gewinnen rechte und rechtsextreme Kräfte in der Region von Wahl zu Wahl an Boden.
Die jüngsten Beispiele für diesen Rechtsruck sind Kolumbien und Peru. In der vergangenen Woche ist Peru mit der Wahl von Keiko Fujimori nach rechts gerückt. Damit kehrt der Fujimorismus 26 Jahre nach dem Abgang ihres Vaters Alberto Fujimori an die Macht zurück.
Einen Monat zuvor gewann Abelardo de La Espriella die Präsidentschaftswahl in Kolumbien für die Ultrarechte. Noch vor seiner Amtseinführung am 7. August kündigte der gewählte Präsident an, die diplomatischen Beziehungen zu Kuba und Nicaragua abzubrechen. Er plant, 15 Konsulate und 14 Botschaften zu schließen sowie ein neues kolumbianisches Konsulat in Jerusalem zu eröffnen.
Der Subkontinent zählt derzeit sieben rechte Regierungen: in Argentinien, Paraguay, Ecuador, Bolivien, Chile, Kolumbien und Peru. Fünf Länder werden von linken Regierungen geführt: Brasilien, Venezuela, Guyana, Suriname und Uruguay.
Lula da Silva wird in Brasilien fast gleichermaßen verehrt wie abgelehnt. Nun bewirbt er sich um eine vierte Amtszeit. Der Wahlkampf weckt Erinnerungen an das Duell von 2022, als der linke Kandidat gegen den rechtsextremen Amtsinhaber Jair Bolsonaro antrat – und knapp gewann.
Diesmal heißt sein wichtigster Gegner Flávio Bolsonaro, der älteste Sohn des früheren Präsidenten. Der 45-jährige Senator rückte in diese Rolle, nachdem Jair Bolsonaro wegen eines Putschversuchs verurteilt worden war. Dieser sollte Lula 2023 am Amtsantritt hindern.
Der Wahlkampf dreht sich zwar vor allem um Lula, doch seine Arbeiterpartei PT tritt gemeinsam mit sechs weiteren politischen Kräften an: PSB, PCdoB, PV, PDT, PSOL und Rede. Das Bündnis setzt erneut auf das Siegerduo von 2022: Lula als Präsidentschaftskandidaten und Geraldo Alckmin von der PSB als Vizepräsidenten.
Die Liberale Partei von Flávio Bolsonaro hat bisher kein eigenes Wahlbündnis bekannt gegeben. Unterstützung erhält sie jedoch von außen – unter anderem vom argentinischen Präsidenten Javier Milei und vom israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.
Trumps Schatten über Brasilien
Die Familie Bolsonaro, deren politisches Zentrum der frühere Präsident Jair Bolsonaro bleibt, kann zudem auf Rückendeckung aus Washington zählen. US-Präsident Donald Trump setzt seine Politik der Einflussnahme in Lateinamerika fort, die als „Donroe-Doktrin“ bekannt geworden ist.
Lula kritisiert diese Einmischung scharf: "In Brasilien akzeptieren wir nicht, dass sich jemand dort einmischt, wo er nicht hingehört."
Im Juli verhängten die Vereinigten Staaten neue Zölle auf brasilianische Produkte. Washington wirft Brasilien unfaire Handelspraktiken vor, Brasília weist die Vorwürfe zurück. Bereits 2025 hatte das Weiße Haus die Zölle auf Drängen eines weiteren Bolsonaro-Sohnes angehoben. Dies galt als Reaktion auf das Urteil, mit dem Jair Bolsonaro zu 27 Jahren Haft verurteilt worden war. Nach diplomatischen Bemühungen Brasílias wurden die Maßnahmen später wieder aufgehoben.
Angesichts der Gefahr eines neuen Handelskonflikts stellt Lula seine Kandidatur ganz in den Dienst der brasilianischen Souveränität. Im Wahlkampf will er die Wählerinnen und Wähler an seine vier Jahrzehnte als prägende politische Figur des Landes erinnern.
Dennoch rechnen Beobachter mit einem knappen Rennen. Eine aktuelle Umfrage des Instituts Datafolha sieht Lula da Silva bei 48 Prozent, Flávio Bolsonaro kommt auf 43 Prozent.
2022 hatte Lula Jair Bolsonaro nur mit hauchdünnem Vorsprung besiegt. Der frühere Metallarbeiter und Gewerkschafter feierte damals ein spektakuläres Comeback, nachdem er wegen Korruptionsvorwürfen im Gefängnis gesessen hatte. Die Verfahren wurden später eingestellt. Zuvor war Lula bereits zwei Amtszeiten lang Präsident, von 2003 bis 2010.
Seine Regierung verweist auf solides Wirtschaftswachstum und Rekordbeschäftigung. Viele Familien leiden jedoch unter hohen Lebenshaltungskosten, während das Haushaltsdefizit wächst. Besonders beim für viele Brasilianer wichtigsten Thema liegt der Amtsinhaber zurück: der öffentlichen Sicherheit. Dutzende Millionen Menschen leben in armen Vierteln, in denen das organisierte Verbrechen großen Einfluss besitzt.
Zusätzlich belasten Korruptionsvorwürfe beide Lager. Gegen Flávio Bolsonaro läuft ein Ermittlungsverfahren, weil er von einem Banker, dem schwerer Finanzbetrug vorgeworfen wird, Geld für die Finanzierung eines Films über seinen Vater verlangt haben soll.
Auch gegen einen Sohn Lulas, Luiz Cláudio Lula da Silva, bekannt als "Lulinha", leitete die Staatsanwaltschaft in dieser Woche ein Verfahren ein. Ihm werden Korruption und unerlaubte Einflussnahme vorgeworfen.
Die von Lula 1980 gegründete Arbeiterpartei hält an diesem Sonntag in São Paulo ihre nationale Parteikonvention ab. Höhepunkt ist die offizielle Nominierung des Präsidenten als Kandidat für eine weitere Amtszeit.