Regenwasserdächer und Naturkühlung: Architektur orientiert sich vor Weltpreisen an Natur
Auf der Shortlist des World Architecture Festival dominieren Entwürfe, die sich konsequent an der Natur orientieren.
Manchmal prägt Architektur die Landschaft. In anderen Fällen geht sie nahtlos in ihrer Umgebung auf.
Im Vorfeld des World Architecture Festival (WAF) im November setzen diese nominierten Projekte auf die Natur als Mitgestalterin, nicht nur als Kulisse.
Bauten, die in Wälder, Bergrücken und vulkanische Täler eintauchen, dazu lokale Materialien und reduzierte Gestaltung: All das sorgt dafür, dass diese Projekte einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.
Vom Regenwasser sammelnden Marktdach auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán bis zu einer Wikingersiedlung in Island, die mit chemiefreiem Holz neu überdacht wurde: Diese Auswahl aus der WAF-Shortlist 2026 zeigt Architektur, die in die Natur eintaucht.
Gründach senkt Kühlbedarf in Keralas Tropensommer
In den Graslandschaften des Hügeldorfs Sholayur in Kerala erhebt sich Ayalam von Aslam Sham Architects, ein halb unterirdisches Boutique-Resort, das sich vollständig an die Topografie anpasst.
Die Zimmer folgen den Konturen der terrassierten Plateaus und bieten freie Sicht auf die Silhouetten der fernen Berge.
Auf dem abgedichteten Gründach hat sich einheimische Vegetation ausgebreitet. Sie tarnt den Bau und bildet zugleich einen thermischen Puffer, der den Kühlbedarf in den Tropensommern deutlich senkt.
Besucher- und Gemeindezentrum fügt sich in Sichuans Ausläufer ein
In den südlichen Ausläufern des heiligen chinesischen Berges Emei – einem UNESCO-Welterbe für Kultur und Natur – macht das Besucher- und Gemeindezentrum The Mountain Fold seinem Namen alle Ehre.
Der Bau staffelt sich entlang des Geländes und reduziert Erdbewegungen. Eingelagerte öffentliche Räume verbinden Einheimische und Besucher in der Berglandschaft.
Im Einklang mit der Kulisse aus dem heiligen buddhistischen Berg der Provinz Sichuan und dem Guanshan-See nimmt der Entwurf von Lacime Architects die weich geschwungenen Mulden und markanten Spitzen des Geländes auf.
Natürliche Materialien treffen moderne Bautechnik auf Delhis Food-Meile
Unter dichten Baumkronen auf dem Campus der Ashoka University in Delhi spendet die treffend benannte Hungry Caterpillar den Studierenden Schatten, wenn sie an Foodtrucks in Sitzbereichen aus recyceltem Kunststoff essen.
Die natürlichen Materialien der schwungvollen Bambuskonstruktion werden von 3D-gedruckten modularen Wänden ergänzt. Sie reduzieren Materialabfall und den hohen Energieeinsatz herkömmlicher Bauweisen.
Regen sammelndes Dach krönt Maya-Markt
Der Mercado Nicolas Bravo stärkt die Gemeinschaft eines abgelegenen Dorfes auf der Halbinsel Yucatán. Kunsthandwerkerinnen, Kunsthandwerker und Bäuerinnen und Bauern können dort ihre Traditionen Touristen zeigen, die die nahe gelegenen Maya-Ausgrabungsstätten besuchen.
Ein Meer aus umgedrehten Schirmstrukturen über dem Markt bildet ein hyperbolisches Paraboloid-Dachsystem, das Regenwasser für die Bewässerung sammelt.
Wikingersiedlung in Island erhält nachhaltige Schutzhülle
In der wilden Landschaft des isländischen Þjórsárdalur-Tals liegen Ruinen einer Wikingersiedlung aus dem 11. Jahrhundert, deren Schutzbau unter dem harschen Klima gelitten hatte.
Ein Neubau verstärkt das ursprüngliche Holztragwerk mit unbehandeltem, chemiefreiem Lärchenholz und einem recycelbaren, leichten und dämmenden Polycarbonatdach.
Durchlässiger Kies und flache bepflanzte Rinnen leiten Regenwasser auf natürliche Weise ab. Auf zusätzliche Entwässerungsbauwerke kann so verzichtet werden.
Die Konstruktion lässt sich vollständig demontieren und später an anderer Stelle mit minimalen Eingriffen wieder nutzen.
Waldrandhaus in New York orientiert sich an Baumkronen
Auf 80 Acres wieder aufgeforstetem Waldland in Columbia County erstreckt sich die Chatham Residence von Desai Chia Architects entlang des Kamms eines Höhenzugs mit Blick auf die Catskill Mountains. Die geschwungene Dachlinie greift die Form heimischer Eichenblätter und die Lichtmuster auf, die sie auf den Waldboden werfen.
Das Regenwasser fließt vom Dach in eine Entwässerung, die Regenwassergärten speist. Dort wachsen heimische Pflanzen, die Bestäuberarten fördern und Erosion am steilen Hang eindämmen.
Öffentlicher Park fügt sich in Mexikos Halbinsel Yucatán ein
Parque Quintana Roo von AIDIA Studio verwandelt ein zehn Hektar großes Schaugelände für Vieh- und Landwirtschaft auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán in einen ganzjährig geöffneten öffentlichen Park.
Geschwungene Wege ziehen sich durch das Areal und verbinden Sportanlagen, eine Lauf- und Radstrecke sowie eine Arena für 1.000 Personen – ohne eine einzige gerade Linie.
Holz-Akzente mit sanften Wellenlinien verankern das Gelände zusätzlich im umliegenden Wald. Ziegeldächer schützen vor Starkregen, und Öffnungen in den Ziegelwänden sorgen für natürliche Belüftung.
Ländliche Villa in Kerala wächst scheinbar aus der Erde
Die Terra House liegt tief im tropischen Gelände Keralas. Außen ist sie mit lokal gewonnenem Lateritstein und terrakottaverputzten Flächen verkleidet, sodass der Bau fest in Geologie und Traditionen des Bezirks Malappuram verankert ist.
Offene Innenhöfe und durchlässige Wände lassen Monsunluft, Licht und Grün durch das Haus strömen, statt daran vorbeizuziehen. So entsteht natürliche Kühlung, und der Bau wirkt wie eine Erweiterung des von Palmen gesäumten Grundstücks.