Upskirting-Skandal auf dem Oktoberfest. Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung kursieren auf Social-Media-Plattformen zehntausende Videos von einem Fahrgeschäft auf dem Oktoberfest. Schon zuvor hatten die Betreiber Foto-Verbote erlassen und die historischen Figur des Fahrtgeschäfts anders bemalt.
Ab Samstag strömen wieder hunderttausende Menschen auf die Theresienwiese in München. Das 191. Oktoberfest läuft vom 19. September bis zum 4. Oktober. Für viele Besucher gehören Bierzelte, Musik, Fahrgeschäfte und eine rundum ausgelassene Stimmung zum weltweit größten Volksfest. Doch die Wiesn hat auch eine Schattenseite: Jedes Jahr werden sexuelle Belästigung und sexualisierte Übergriffe gemeldet. Nun zeigt eine Recherche das Ausmaß einer Form solcher Übergriffe, des sogenannten "Upskirtings".
Dabei filmen oder fotografieren Täter vorrangig Frauen heimlich unter den Rock oder das Kleid. "Downblousing" bezeichnet unerlaubte Aufnahmen in den Ausschnitt. Bilder und Videos werden teils ohne Einwilligung der Betroffenen in sozialen Netzwerken, auf Videoplattformen oder über Messenger weiterverbreitet.
Seit dem 1. Januar 2021 sind solche Aufnahmen in Deutschland ausdrücklich strafbar. Auch der Gebrauch oder die Weitergabe solcher Inhalte kann geahndet werden. Es drohen Geldstrafen oder Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren.
Besuchermagnet Teufelsrad im Fokus
Das traditionsreiche Fahrgeschäft "Teufelsrad" gehört seit mehr als einem Jahrhundert zum Oktoberfest. Besucher sitzen auf einer großen Scheibe, die sich zunehmend schneller dreht. Wer den Halt verliert, rutscht von der Fläche. Rundherum stehen Zuschauer und verfolgen das Geschehen.
Das Fahrgeschäft soll eigentlich Unterhaltung bieten. Doch manche Zuschauer nutzen die Situation aus. Wenn Röcke oder Kleider während der Fahrt verrutschen, filmen sie Frauen gezielt mit dem Smartphone oder kleinen Kameras.
Eine Recherche der Süddeutschen Zeitung (SZ) zeigt, welche Dimensionen die Verbreitung der Videos im Netz erreicht hat. Nach Angaben der Zeitung sind allein auf Plattformen des Meta-Konzerns mehr als 32.000 Videos vom Teufelsrad auffindbar. Hinzu kommen demnach Tausende weitere Clips auf YouTube und TikTok.
Die SZ berichtet, dass zahlreiche Profile ähnliche Aufnahmen wiederholt veröffentlichen und mit Schlagworten versehen. Einige Accounts werben demnach mit kostenpflichtigen Abonnements oder externen Links zu angeblichen Zusatzinhalten. Die Recherche legt nahe, dass es dabei auch um Reichweite und mögliche Einnahmen gehen könnte.
Betreiber der Accounts unklar
Der Digitalexperte Benjamin Schultz stieß laut Süddeutscher Zeitung über einen anonymen Recherche-Account auf die Inhalte. Bei einer Suche in der Meta Content Library, einer Datenbank für öffentlich sichtbare Inhalte auf Meta-Plattformen, fand er demnach die Videos vom Teufelsrad. Viele der untersuchten Profile gaben der Recherche zufolge Standorte in asiatischen Ländern an, vor allem Vietnam und Kambodscha. Einige Konten waren offiziell in den USA registriert.
Ein Teil der Konten arbeitet laut SZ mit KI-generierten Bildern von Frauen in Dirndl. Nach außen wirken sie wie harmlose Unterhaltungs- oder Freizeitprofile.
Meta erklärte auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung, solche Beiträge verstießen gegen die Regeln zu Nacktheit und sexueller Aktivität und würden gelöscht, wenn das Unternehmen davon erfahre. TikTok verwies in einer Stellungnahme auf technische Systeme und Moderationsteams. Nach eigenen Angaben seien im ersten Quartal 2026 98,7 Prozent sexuell übergriffiger Inhalte entfernt worden. Die Süddeutsche Zeitung fand nach Löschungen jedoch weiterhin ähnliche Accounts und Videos.
Fälle im vergangenen Jahr
Wie häufig Upskirting auf der Wiesn vorkommt, lässt sich nur anhand der bekannt gewordenen Fälle beziffern. Nach sechs Festtagen im Jahr 2025 registrierte die Münchner Polizei drei Fälle. Bis zum Ende des Oktoberfests wurden insgesamt acht Fälle bekannt. Das berichtete der Bayerische Rundfunk (BR) unter Berufung auf das Polizeipräsidium München.
Ein Fall ereignete sich laut BR in einem Festzelt. Ein 36-jähriger Mann soll dort eine Wiesnbesucherin heimlich unter dem Rock gefilmt haben. Weil der Mann keinen Wohnsitz in Deutschland hatte, ordnete die Polizei eine Sicherheitsleistung von 2.000 Euro an. Zwei weitere Fälle wurden am Bavaria-Hügel und ebenfalls in einem Festzelt gemeldet.
Die gemeldeten Fälle dürften nur einen Teil des Problems abbilden. Betroffene bemerken die Tat häufig nicht sofort. Das kann eine schnelle Anzeige und die Sicherung möglicher Beweise erschweren.
Maßnahmen gegen Upskirting
Die Betreiberin des Teufelsrads, Elisabeth Polaczy, setzte beim Oktoberfest 2025 auf Warnhinweise und Prävention. Nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks wies ein Schild am Kassenhäuschen darauf hin, dass das Fotografieren und Filmen fremder Personen verboten ist. Besonders untersagt sei es, solche Aufnahmen ins Internet zu stellen.
Polaczy gab Besucherinnen außerdem kostenlose Radlerhosen aus, die unter dem Dirndl zusätzlichen Sichtschutz bieten sollen. Nach ihren Angaben kostete sie das in der ersten Woche der Wiesn 2025 rund 500 Euro.
Wiesn-Chef Christian Scharpf nannte das heimliche Filmen unter Röcke und die anschließende Veröffentlichung in sozialen Netzwerken im Interview mit GMX "eine Sauerei“. Er begrüßte die Abstimmung zwischen der Betreiberin und der Gleichstellungsstelle der Stadt München sowie Maßnahmen wie Informationshinweise und die kostenlosen Radlerhosen.
Teufelsrad-Figuren und Sexismusdebatte
Am Teufelsrad geht es in diesem Jahr nicht nur um heimliche Aufnahmen, sondern auch um die Frage, wie Frauenfiguren an historischen Fahrgeschäften dargestellt werden. Nach Hinweisen der städtischen Gleichstellungsstelle wurden drei von vier Pappmaché-Figuren über dem Eingang des Teufelsrads verändert.
Die etwa 80 Jahre alten Figuren erhielten unter anderem Blusen und längere Unterhosen. Einer Figur, die zuvor am Oberkörper nur mit einem Blumenkranz bekleidet war, wurden zusätzlich ein Oberteil und Schuhe aufgemalt.
Die Gleichstellungsstelle begründete die Änderungen laut GMX mit zwei Punkten. Eine als "Hawaiianerin" dargestellte Figur bediene ein rassistisches Stereotyp. Bei den anderen Figuren ging es um kurze Kleider und die Darstellung hochfliegender Röcke, die nach Einschätzung der Stelle mit dem Thema Upskirting verbunden seien. Kritisiert wurde, dass die Gestaltung mit einem frei werdenden Blick auf den Intimbereich spiele.
Die Diskussion löste Kritik in Teilen der Schaustellerbranche aus. Vertreter des Gewerbes hielten die Umgestaltung für überzogen und warnten davor, historische Volksfest-Dekorationen allein an heutigen Maßstäben zu messen.
Wiesn-Chef Christian Scharpf betonte im Interview mit GMX, Sexismus und Rassismus hätten auf dem Oktoberfest keinen Platz. Er sagte zugleich, wo Menschen herabwürdigend dargestellt würden, dürfe nicht allein mit dem Argument reagiert werden, es sei schon immer so gewesen. Bei historischen Figuren müsse aber mit "Augenmaß" entschieden werden. Scharpf erklärte außerdem, nach dem Oktoberfest erneut das Gespräch mit der Gleichstellungsstelle suchen zu wollen
Hilfsangebote auf der Wiesn
Frauen und Mädchen, die belästigt wurden, sich bedroht fühlen oder nach einem Übergriff Unterstützung brauchen, können auf der Wiesn den Safe Space der Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*" aufsuchen. Das Angebot besteht seit 2003 und soll Prävention, Aufklärung und konkrete Hilfe verbinden.
Nach Angaben der Stadt München wurden 2025 am Safe Space 354 Personen beraten und begleitet. Im Durchschnitt suchten pro Abend 22 Menschen die Anlaufstelle auf. Sie ist täglich von 18 Uhr bis 1 Uhr geöffnet. An Freitagen, Samstagen und Sonntagen sowie am 2. und 3. Oktober öffnet sie bereits um 15.30 Uhr.
Wer selbst betroffen ist oder einen möglichen Fall beobachtet, sollte schnell Hilfe holen und die Polizei unter 110 verständigen. Wichtig ist, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen, sich mögliche Tätermerkmale zu merken und Zeugen anzusprechen.