Hühner im Bürgeramt? Was wie ein Monty-Python-Sketch klingt, sorgt derzeit in Russland für Aufregung. In russischen sozialen Netzwerken kursieren Videos von Käfigen vor Behörden. Der Grund: Seit dem 1. September müssen Halter von mehr als zehn Tieren ihren Bestand offiziell registrieren lassen.
Schwer durchschaubare Verwaltungsreformen und skurrile Behördenvorgaben gehören in Russland längst zum Alltag. In den vergangenen Tagen sorgten jedoch einige Schlagzeilen und Hashtags in den sozialen Netzwerken selbst bei routinierten Beobachtern für Kopfschütteln.
„Hühner stürmen die MFCs.“ „Rosselchosnadsor ruft die Russen auf, keine Hühner in die MFCs zu bringen.“ „Neue Hühnergesetze.“
Gemeint sind die sogenannten MFCs, die russischen Mehrfunktionszentren. Sie dienen als staatliche Dienstleistungsstellen nach dem Prinzip der „einzigen Anlaufstelle“ – vergleichbar mit Bürgerämtern.
Das alles klingt fast wie ein Sketch von Monty Python. Oder wie eine bislang unveröffentlichte Seite aus einem Werk von Nikolai Gogol oder Michail Saltykow-Schtschedrin, den großen Satirikern der russischen Bürokratie und ihrer Absurditäten.
Der Anlass ist allerdings real: Seit dem 1. September 2026 gilt in Russland eine neue Regierungsverordnung. Sie verpflichtet Halter von Hausgeflügel, Kamelen und Rentieren, ihre Tiere registrieren zu lassen. Für viele Tierhalter war zunächst unklar, was das im Alltag konkret bedeutet.
In den sozialen Netzwerken ließ der Spott jedenfalls nicht lange auf sich warten.
Worum geht es eigentlich?
Bei der Registrierung erfassen die Behörden im föderalen System „Chorriot“ unter anderem den Zweck und den Standort der Tierhaltung. Hinzu kommen Angaben zu Rasse, Gefieder- beziehungsweise Fellfarbe, Geschlecht und Halter. Außerdem sollen die Tiere eine Identifikationsnummer erhalten und in gekennzeichneten Gehegen gehalten werden.
Wer die vorgeschriebene Kennzeichnung nicht vornimmt, riskiert ein Bußgeld: bis zu 1.000 Rubel – umgerechnet rund zehn Euro – für Privatpersonen und bis zu 20.000 Rubel, etwa 200 Euro, für Unternehmen. Firmen droht zusätzlich die vorübergehende Schließung für bis zu 60 Tage.
Für zusätzliche Verwirrung sorgten zunächst die MFCs. In der russischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien stellte man am Mittwochmorgen, dem 2. September, klar: Die staatlichen Dienstleistungszentren registrieren keine Tiere.
Geflügelhalter müssen sich stattdessen an die zuständige Veterinärbehörde wenden. Rosselchosnadsor, die russische Aufsichtsbehörde für Tier- und Pflanzenschutz, beruhigte daraufhin die Besitzer von Hühnern, Straußen und Kamelen: Sie müssen ihre Tiere nicht zum Amt schleppen.
Stattdessen kommen Mitarbeiter des Veterinärdienstes direkt zu den Ställen und Höfen. Dort erfassen sie den Bestand und vergeben die entsprechenden Identifikationsnummern. Für Hausgeflügel ist zudem eine Sammelkennzeichnung vorgesehen.
Nicht jedes einzelne Huhn muss also separat markiert werden.
Die russischen Behörden begründen die neuen Vorgaben vor allem mit dem Schutz vor Tierseuchen. Die Registrierung soll dabei helfen, mögliche Ausbrüche schneller zu erkennen und Tierbestände zurückzuverfolgen. Auch die Rückverfolgbarkeit landwirtschaftlicher Erzeugnisse spielt eine Rolle: Die erfassten Informationen seien erforderlich, damit Agrarprodukte legal in den Handel gelangen können.