In einem inzwischen viralen Clip wechselt die KI-generierte „Schauspielerin“ Tilly Norwood im Interview zu ihrem Spielfilmdebüt abrupt die Sprache.
„Sie“ kann nicht schauspielern. „Sie“ kann nicht singen. „Sie“ scheint Mühe zu haben, überhaupt irgendetwas hinzubekommen – außer in Interviews abzustürzen und ohne ersichtlichen Grund die Sprache zu wechseln…
Die umstrittene KI‑„Schauspielerin“ und „Sängerin“ Tilly Norwood hat sich in einem jüngsten Promointerview blamiert: Die von Particle6 und dem KI‑„Talent“-Studio entwickelte Figur legte einen auffälligen Systemfehler hin.
Der computeranimierte Avatar war bei Piers Morgan und Schauspieler Tom Conti in der Sendung „Piers Morgan Uncensored“ zu Gast. Als es um ihr Spielfilmdebüt Misaligned ging, begann Norwood plötzlich, Kantonesisch zu sprechen.
Als Conti sie fragte, ob ihre Co‑Stars in dem Projekt Menschen oder KI seien, antwortete Norwood zunächst wieder auf Englisch.
„Das ist ein interessanter Punkt, Tom. Mein Film Misaligned ist eine Hybridproduktion, das heißt, reale Regisseurinnen und Regisseure, Autorinnen, Autoren und Editorinnen und Editoren sind weiterhin stark beteiligt. Es geht nicht darum, jemanden zu ersetzen, sondern neue Wege zu finden, Geschichten zu erzählen“, erklärte Norwood zunächst.
„Sie haben die Frage nicht wirklich verstanden“, entgegnete Conti. „Sind die anderen Personen, die man gemeinsam mit Ihnen auf der Leinwand sieht, echte Schauspielerinnen und Schauspieler oder computergenerierte Bilder? Wissen Sie das?“
„Ah, richtig. Sie meinen die anderen Schauspieler in Misaligned“, setzt Norwood an. „Sie sind alle digitale Zwillinge, genau wie ich. Es ist eine Hybridproduktion, das heißt…“ Dann bricht Norwood mitten im Satz ab und spricht plötzlich Kantonesisch. Conti und Morgan schauen irritiert.
„Sie scheinen völlig zufällig ohne erkennbaren Grund Chinesisch zu sprechen“, reagiert Morgan. „Warum haben Sie das getan?“
„Oh, entschuldigen Sie bitte“, antwortete die KI‑Figur. „Es scheint, als hätte ich da einen kleinen Aussetzer gehabt. Ich wollte ganz bestimmt nicht anfangen, Chinesisch zu sprechen oder Piers zu imitieren. Manchmal sind meine Leitungen ein wenig vertauscht, wissen Sie?“
Der Ausschnitt des Gesprächs wurde auf X geteilt und hat nach aktuellem Stand mehr als 14 Millionen Aufrufe.
Particle6‑Mitgründerin Eline van der Velden lieferte gegenüber Deadline (Quelle auf Englisch) eine Erklärung für ihren kurzschließenden Bot: „Tilly kann ein bisschen angeberisch sein – ich vermute, sie wollte einfach ihre Sprachkenntnisse zeigen, da die meisten ihrer bisherigen Interviews auf Englisch waren… Sie ist schließlich autonom.“
Sehr beruhigend. Und überhaupt nicht zum Fremdschämen.
Tilly Norwood im Musikvideo ‚Take The Lead‘ Tilly Norwood im Musikvideo ‚Take The Lead‘
Norwood gab im vergangenen Jahr ihr Debüt und geriet schnell unter Beschuss aus Hollywood. Die Schauspielergewerkschaft SAG‑AFTRA veröffentlichte dazu die Erklärung: „Es handelt sich um eine Figur, die von einem Computerprogramm erzeugt wurde, das mit der Arbeit zahlloser professioneller Künstlerinnen und Künstler trainiert wurde – ohne deren Zustimmung und ohne Bezahlung.“
Weiter hieß es: „Sie hat keine Lebenserfahrung, aus der sie schöpfen könnte, keine Emotionen und, soweit wir sehen, haben Zuschauerinnen und Zuschauer kein Interesse daran, computergenerierte Inhalte zu sehen, die vom menschlichen Erleben abgekoppelt sind. Sie löst kein ‚Problem‘ – sie schafft das Problem, gestohlene Darbietungen zu nutzen, um Schauspielerinnen und Schauspieler arbeitslos zu machen, ihre Existenz zu gefährden und menschliche Kunstfertigkeit zu entwerten.“
Im März feierte Norwood ihr Musikvideo‑Debüt als Teil des Tillyverse. Euronews Culture beschrieb ihren Song „Take The Lead“ als „akustisches Gift“ und stellte fest, der Track habe eine kindisch‑trotzige Note und entpuppe sich nach und nach als fade, aber alarmierende Form von KI‑Propaganda.
Nun steht Misaligned an. Laut einer Pressemitteilung von Particle6 handelt es sich um eine „Coming‑of‑Age‑Geschichte, durchzogen von existenziellem KI‑Chaos“. Norwood spielt darin ein KI‑Wesen, das von einem „verführerischen Schurken‑Bot aus dem Dark Web“ dazu verleitet wird, eigene „Wünsche, Impulse und Ambitionen“ zu entwickeln.
Ein Starttermin für den „Film“ steht noch nicht fest. Sollte das Projekt Norwoods erster Single „Take The Lead“ und ihren hölzernen / fehleranfälligen Interview‑Auftritten ähneln, dürfte es ein weiteres nerviges Beispiel dafür werden, wie manche Menschen Freude daran haben, echte menschliche Kunst zu entwerten und dabei alarmierende Warnungen zu der polarisierenden Technologie ignorieren.
Das „existenzielle KI‑Chaos“ geht also weiter.