Willkommen im „Tillyverse“, der digitalen Welt der umstrittenen KI‑„Schauspielerin“ Tilly Norwood. Ihr Erfinder will KI‑Figuren zu künstlichen Filmkarrieren verhelfen. Müssen wir uns sorgen – oder schon deprimiert sein?
Die digitale Welt der ersten KI-„Schauspielerin“ wird bald noch größer...
Tilly Norwood, die umstrittene Kreation des in London ansässigen KI-Talentstudios Xicoia, soll bald Teil eines digitalen Universums werden, des sogenannten „Tillyverse“.
Zur Auffrischung dieses sich entfaltenden Albtraums: Norwood ist eine zu hundert Prozent KI-generierte „Schauspielerin“, die im vergangenen Jahr vorgestellt wurde.
Sie sieht aus wie eine unheilige Mischung aus Ana de Armas und Lily Collins und wurde von der niederländischen Schauspielerin und Tech-Schöpferin Eline Van der Velden zum Leben erweckt. Ihr KI-Studio Xicoia – ein Ableger von Van der Veldens KI-Produktionsfirma Particle6 – will digitales „Talent“ in Film und Fernsehen bringen.
„Wir wollen, dass Tilly die nächste Scarlett Johansson oder Natalie Portman wird. Das ist das Ziel unserer Arbeit“, sagte Van der Velden im vergangenen Juli gegenüber Broadcast International (Quelle auf Englisch) – damals stellte sie ihre unheimliche Kreation zunächst vorsichtig auf verschiedenen Social-Media-Kanälen vor.
Als Norwood vorgestellt wurde und Van der Velden erklärte, sie wolle für sie eine professionelle Vertretung finden – etwas, das traditionell echten Talenten vorbehalten ist –, meldeten sich viele Hollywood-Stars zu Wort, darunter Emily Blunt, Toni Colette und Natasha Lyonne, die sich öffentlich gegen den seelenlosen Bot aussprachen.
Auch Hollywoods Schauspielgewerkschaft SAG-AFTRA reagierte auf die Nachricht, dass Talentagenturen Norwood unter Vertrag nehmen wollten, und erklärte: „SAG-AFTRA ist überzeugt, dass Kreativität von Menschen ausgeht und dort bleiben sollte. Die Gewerkschaft lehnt es ab, menschliche Darstellerinnen und Darsteller durch synthetische Figuren zu ersetzen.“
Die Gewerkschaft ergänzte: „Um es klar zu sagen: ‚Tilly Norwood‘ ist keine Schauspielerin, sondern eine Figur, die ein Computerprogramm erzeugt hat, das mit der Arbeit zahlloser professioneller Darstellerinnen und Darsteller trainiert wurde – ohne deren Zustimmung oder Bezahlung. Diese Figur hat keine Lebenserfahrung, aus der sie schöpfen könnte, keine Emotionen, und nach allem, was wir gesehen haben, interessieren sich die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht dafür, computergenerierte Inhalte zu sehen, die völlig von der menschlichen Erfahrung losgelöst sind.“
Damit wären wir beim aktuellen Stand des digitalen Schindluders.
Im nun angekündigten „Tillyverse“ sollen „Tilly und eine neue Generation von KI-Charakteren leben, zusammenarbeiten und Karriere machen“.
Diese „rasante Expansion“ ist Teil eines Plans, neues geistiges Eigentum aufzubauen und zu verändern, „wie Talent im KI-Zeitalter geschaffen, entwickelt und erlebt wird“.
„Tilly Norwood ist nicht nur eine KI-Figur – sie ist eine Persönlichkeit, eine Marke und ein künftiger globaler Superstar mit einer fesselnden erzählerischen Entwicklung“, erklärte Van der Velden in einer neuen Pressemitteilung.
Um das Ganze noch größenwahnsinniger – Verzeihung, alarmierender – zu machen, hat Xicoia kürzlich den früheren Amazon-Prime-Video-Manager Mark Whelan eingestellt, der Norwoods Expansion voranbringen, neue KI-Charaktere entwickeln und die Schaffung von KI-Talenten für Drittaufträge überwachen soll.
„Mark wird uns helfen, jede Ebene ihrer Welt zu gestalten – von ihrem Humor, ihrem Alltag und ihren beruflichen Entscheidungen bis hin zu der Frage, wie sie mit Fans auf verschiedenen Plattformen interagiert. Das alles soll mutig, verspielt, ein wenig chaotisch – und unmöglich zu übersehen sein“, fügte Van der Velden hinzu.
„Chefarchitekt des Tillyverse zu werden, ist wirklich eine einmalige Chance“, erklärte Whelan in einer Pressemitteilung. „KI entwickelt sich in atemberaubendem Tempo, und die Verbindung von Spitzentechnologie mit ambitionellem kreativem Denken bedeutet, dass wir bei Xicoia keinem Branchenhandbuch folgen – wir schreiben es.“
Das Unternehmen will das „Tillyverse“ noch in diesem Jahr starten – eine Initiative, die die Sorgen über die Ausbreitung von KI in den Künsten weiter vertieft, denn viele befürchten, dass die Technologie (fehl)genutzt wird, um Jobs zu ersetzen.
Van der Velden hat zuvor versucht, den Gegenwind zu entschärfen, und sagte, sie sehe Tilly Norwood nicht „als Ersatz für einen Menschen, sondern als kreatives Werk – als Kunst“. Doch insbesondere nach den Sorgen über den Missbrauch von KI, die im Zentrum der Hollywood-Streiks von SAG-AFTRA und der Writers Guild im Jahr 2023 standen, gibt es weiterhin viele, die das Wachstum dieser digitalen Kreation weniger als Kunstwerk, sondern eher als reduktionistische Sicht auf die Arbeit echter Darstellerinnen und Darsteller und die Wünsche des Publikums empfinden.
„Das Publikum? Es interessiert sich für die Geschichte – nicht dafür, ob der Star einen Puls hat“, kommentierte Van der Velden bereits in einem LinkedIn-Post und fügte hinzu: „Das Zeitalter synthetischer Schauspielerinnen und Schauspieler ‚kommt‘ nicht – es ist schon da.“
Angesichts von Norwoods gnadenlos schwacher Performance im Sketch AI Commissioner (siehe unten) lässt sich zumindest über diesen letzten Punkt streiten.
Trotzdem bleiben Norwood und ihr „Tillyverse“ eine Bedrohung, die man ernst nehmen muss – gerade in einer digitalen Welt, die von Deepfakes geflutet und von aggressiv sinnlosem KI-Schrott überzogen ist – und in einer realen Welt, in der das Hollywood-Establishment fast alles tut, um Kosten zu drücken und dem Publikum aus reiner Profitgier alles vors Auge zu setzen, was sich irgendwie vermarkten lässt.
Man stelle sich nur vor: eine alterslose, fügsame „Schauspielerin“, aufgebaut auf den gestohlenen Looks und Performances junger Frauen, die versuchen, aus ihrem echten Talent eine Karriere zu machen – bereit, jeden Produzentenwunsch zu erfüllen, ohne Gehaltsforderungen zu stellen. Man kann sicher sein, dass es Produzenten gibt, die die Vermarktbarkeit und Unterwürfigkeit einer solchen Identitätsdiebin äußerst verlockend finden.
Zum Glück hält der Widerstand an, und es gibt – vorerst – bestimmte Schutzmechanismen. Anfang dieses Jahres ist SAG-AFTRA erneut in Vertragsverhandlungen mit großen Studios eingetreten, mit dem möglichen Vorschlag einer „Tilly-Steuer“ – einer Gebühr, die Studios an die Gewerkschaft zahlen müssten, wenn sie eine KI-„Schauspielerin“ einsetzen.
Und mit etwas Glück wird dem Publikum weiterhin menschliche Kunst wichtig bleiben. Zusätzlich zu einem Puls.