Holzhochhäuser sprießen wie Bäume aus der Erde und erobern die Architekturwelt. Pioniere nutzen innovative Techniken, um aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz lebendige Wohnkomplexe zu schaffen.
Die weltweite Architektur erlebt derzeit eine stille Revolution. In Metropolen wie Hamburg, Wien, Vancouver und Tokio wächst eine neue Generation von Wolkenkratzern in den Himmel, die mit einer jahrhundertealten Tradition brechen: Sie bestehen nicht mehr primär aus Stahl und Beton, sondern aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz.
Was als Nischenbewegung begann, hat sich zu einem globalen Wettlauf um das höchste und nachhaltigste Holzgebäude entwickelt.
Nachhaltigkeit als stärkstes Argument
Der Hauptantrieb für diesen Wandel ist der Klimaschutz. Während die traditionelle Zement- und Betonproduktion enorme Mengen an Kohlendioxid freisetzt und weltweit zu einer Verknappung von Bausand führt, punktet Holz mit einer exzellenten Ökobilanz. Bäume absorbieren während ihres Wachstums CO₂ aus der Atmosphäre und speichern diesen Kohlenstoff langfristig im Baumaterial – und das über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes hinweg. Durch moderne Präzisionsfertigung und innovative Technologien lassen sich zudem Herausforderungen wie der Brandschutz und die Akustik zuverlässig lösen. Experten schätzen, dass sich der CO₂-Fußabdruck und der Energieverbrauch im Vergleich zu konventionellen Bauten um fast die Hälfte reduzieren lassen.
Die Pioniere des reinen Holzbaus
Das Paradebeispiel für ein reines Holzhochhaus steht in Norwegen. Das im Jahr 2019 fertiggestellte Gebäude „Mjøstårnet“ in Brumunddal, rund 130 Kilometer nördlich von Oslo, ragt 85,4 Meter in die Höhe. Der 18-stöckige Bau wurde komplett aus Brettschichtholz errichtet und gilt in der offiziellen Rangliste des Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) als das höchste Bauwerk seiner Art, das gänzlich ohne Betonkern auskommt.
Der Trend zur Hybridbauweise
Die meisten Architekten setzen bei extremen Höhen jedoch auf die sogenannte Holz-Hybrid-Bauweise. Hierbei werden stark belastete Elemente wie Fundamente, Treppenhäuser und Aufzugsschächte aus Beton oder Stahl gegossen, während die restliche Tragstruktur und die Wohnbereiche aus nachhaltigem Brettsperrholz gefertigt werden.
Aktuell hält die US-Stadt Milwaukee in Wisconsin die Spitzenposition bei diesen Hybridgebäuden. Das 2022 fertiggestellte Wohngebäude „Ascent“ führt die Weltrangliste mit einer Höhe von 86,6 Metern (oft auch mit bis zu 87 Metern beziffert) an.
Doch die Stadt übertrifft sich bald selbst: Mit dem Projekt „The Edison“ soll dort ein neuer, rund 114 Meter hoher Holzturm mit 31 Stockwerken entstehen. Das ambitionierte Bauvorhaben soll 378 Wohnungen sowie Gewerbe- und Fitnessflächen bieten. Die Fertigstellung ist für 2027 geplant.
Die High-Tech-Schmieden im Hintergrund
Hinter diesen architektonischen Meisterleistungen steht eine hochspezialisierte Industrie, die die statischen Grenzen des Materials Holz komplett neu definiert. Ohne millimetergenaue Präzisionsfertigung im Werk wäre kein einziger dieser Wolkenkratzer realisierbar.
Beim norwegischen Rekordbau „Mjøstårnet“ zeichnete sich der skandinavische Pionier Moelven für den Erfolg verantwortlich. Das Traditionsunternehmen lieferte die komplette tragende Holzstruktur, die massiven Brettschichtholz-Stützen sowie die Deckenkonstruktion und bewies damit, dass reiner Holzbau auch in extremen Höhen absolut standsicher ist.
Geht es hingegen um den weltweiten Export von statischen Höchstleistungen, führt kaum ein Weg an Österreich vorbei. Für den aktuellen Hybrid-Rekordhalter „Ascent“ in Milwaukee lieferte der oberösterreichische Ingenieurholzbau-Spezialist WIEHAG die entscheidenden Komponenten. Das Unternehmen fertigte die extrem belastbaren Brettschichtholz-Stützen und Träger an, die das enorme Gewicht des US-amerikanischen Turms sicher aufnehmen.
Zukunftsprojekte im internationalen Vergleich
Auch in Europa stehen die Zeichen auf Expansion. In Deutschland gilt derzeit das 2024 fertiggestellte Projekt „Roots“ in der Hamburger HafenCity mit seinen 65 Metern als das höchste Holzgebäude des Landes. Berlin plant derweil mit dem „WoHo“ bereits ein Wohnhochhaus, das eine Höhe von 98 Metern erreichen soll.
Die absolute Krone im weltweiten Höhenrausch wollen sich jedoch in den kommenden Jahren die Niederlande aufsetzen. Im Zuge einer Bahnhofsneugestaltung in Eindhoven sind die „Dutch Mountains“ geplant. Dieses spektakuläre Großprojekt sieht zwei Türme vor, die bis zu 100 beziehungsweise 130 Meter hoch werden sollen. Damit würde der dortige „Woodscraper“ die bisherigen Rekorde im urbanen Holzbau noch einmal deutlich in den Schatten stellen.