Euronews Business vergleicht, wie stark Lebensmittelpreise und Mindestlöhne in 26 europäischen Ländern in fünf Jahren gestiegen sind – und wo Geringverdiener sich heute mehr leisten können als 2021.
In Europa sind die Lebensmittelpreise in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen. In den meisten der 26 von Euronews Business untersuchten Länder legten die Mindestlöhne jedoch noch stärker zu.
Malta bildet eine Ausnahme. Eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer mit Mindestlohn kann dort trotz Lohnerhöhungen mit dem Bruttolohn rund sechs Prozent weniger Lebensmittel kaufen als vor fünf Jahren. Auch Mindestlohnempfänger in Spanien und Frankreich haben an Kaufkraft eingebüßt.
Zwischen August 2021 und August 2026 stiegen die Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke in der EU um 34 Prozent, wie Eurostat meldet. Ungarn verzeichnete mit 57 Prozent den stärksten Anstieg, gefolgt von Bulgarien mit 54 Prozent und Rumänien mit 53 Prozent. Zypern kam mit einem Plus von 21 Prozent auf den niedrigsten Wert.
In der erweiterten Gruppe von 35 europäischen Ländern verzeichnete die Schweiz mit fünf Prozent den geringsten Preissprung.
Die Türkei fällt deutlich aus dem Rahmen: Dort legten die Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im selben Zeitraum um 752 Prozent zu.
Der extreme Preisanstieg in der Türkei spiegelt jahrelange hohe Inflation wider, die teilweise durch den starken Kursverfall der Lira angetrieben wurde. Dadurch verteuerten sich importierte Waren und Vorprodukte. Auslöser war unter anderem eine Serie von Zinssenkungen ab 2021, obwohl die Inflation bereits anzog. Niedrigere Zinsen machten die Währung für Anleger weniger attraktiv und erhöhten den Druck auf ihren Wert. 2023 vollzog die Türkei eine Kehrtwende, hob die Zinsen kräftig an, doch die Preise stiegen weiter.
In der EU kletterten die Lebensmittelpreise bereits, bevor Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff. Der Krieg verstärkte den Druck: Energie, Dünger und Transport wurden teurer, Agrarmärkte gerieten durcheinander. Diese Kosten schlugen sich schließlich in den Supermarktpreisen nieder.
In den größten Volkswirtschaften der EU stiegen die Lebensmittelpreise zwischen August 2021 und August 2026 um 25 Prozent in Frankreich, 30 Prozent in Italien, 34 Prozent in Deutschland und 35 Prozent in Spanien.
Mindestlöhne im Vergleich
Auch die gesetzlichen Bruttomindestlöhne sind in vielen europäischen Ländern im selben Zeitraum gestiegen.
Ungarn verzeichnete in der EU mit 93 Prozent den größten Anstieg. In Deutschland erhöhte sich der Mindestlohn um 46 Prozent, in Spanien um 29 Prozent und in Frankreich um 20 Prozent. Die Werte beziehen sich jeweils auf die Landeswährungen.
Unter allen verglichenen Staaten meldete die Türkei mit 823 Prozent den stärksten Zuwachs beim Mindestlohn binnen fünf Jahren. In Serbien mit 103 Prozent und in Montenegro mit 102 Prozent hat sich der Mindestlohn ebenfalls mehr als verdoppelt.
Höhere Löhne bedeuten aber nicht automatisch, dass sich Beschäftigte mehr Lebensmittel leisten können. Der Vergleich misst, wie viele Lebensmittel eine monatliche Bruttomindestlohnsumme im August 2021 und im August 2026 kaufen konnte. Er zeigt nicht, wie viel Geld den Beschäftigten nach Steuern, Miete und anderen Ausgaben für den Einkauf im Supermarkt blieb.
Die reine Differenz zwischen Lebensmittelpreisanstieg und Lohnplus kann in die Irre führen, besonders bei hoher Inflation wie in der Türkei. Aussagekräftiger ist der Blick darauf, wie viel der Mindestlohn zu jedem Zeitpunkt tatsächlich kaufen konnte.
In drei der 26 untersuchten Länder haben Beschäftigte mit Mindestlohn im Verhältnis zu den Lebensmittelpreisen an Kaufkraft verloren.
In Malta war der Rückgang mit sechs Prozent am größten. Eine Person mit Mindestlohn, die im August 2021 noch 100 Lebensmittelkörbe kaufen konnte, kam im August 2026 nur noch auf 94 Körbe. Spanien und Frankreich folgen mit Einbußen von fünf beziehungsweise vier Prozent.
Serbien und Montenegro verzeichneten den größten Zuwachs bei der Menge an Lebensmitteln, die sich mit einem Mindestlohn kaufen lässt, mit jeweils 37 Prozent. Wer im August 2021 noch 100 Körbe füllen konnte, schaffte im August 2026 137 Körbe.
Auch Kroatien, Albanien, Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Litauen meldeten Zuwächse von mehr als 20 Prozent.
Die Lebensmittelkaufkraft stieg um zehn Prozent in Irland, neun Prozent in Deutschland, sieben Prozent in Griechenland, sechs Prozent in Belgien und den Niederlanden sowie drei Prozent in Portugal.
Die oben gezeigte Grafik, auf 100 im August 2021 normiert, zeigt, wie sich die Menge an Lebensmitteln, die eine Person mit Mindestlohn kaufen kann, in fünf Jahren verändert hat.
In der Türkei stieg der Mindestlohn um 823 Prozent, die Lebensmittelpreise um 752 Prozent. Die Differenz beträgt 71 Prozentpunkte, die Kaufkraft für Lebensmittel stieg jedoch nur um acht Prozent. Löhne und Lebensmittelpreise explodierten beide in Lira, die Löhne legten lediglich etwas schneller zu.
Die Grafik oben bildet den türkischen Mindestlohn und die Lebensmittelpreise ab, beide auf 100 im August 2021 gesetzt. Sie zeigt, dass Beschäftigte mit Mindestlohn zeitweise in den Jahren 2021 und 2022 zurückfielen, als die Lebensmittelpreise schneller stiegen als ihre Löhne. Seit Januar 2024 liegt der Mindestlohn über dem Preisindex für Lebensmittel. Die Beschäftigten können heute mehr Lebensmittel kaufen als zu Beginn des betrachteten Zeitraums.