Loader
Finden Sie uns
Werbung

Ukrainische Stadt Oleshky droht Hungersnot, Russland blockiert Hilfe

Ukraine thematisiert humanitäre Krise in Oleshky vor UN-Generalversammlung, laut Außenministerium
Ukraine thematisiert humanitäre Krise in Oleshky bei UN-Generalversammlung -  Copyright  Holodomor Museum
Copyright Holodomor Museum
Von Serguei Doubine
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Russland schießt Hilfsgüter ab, beschlagnahmt Vorräte und blockiert die Evakuierung von 2.000 Menschen in besetztem Cherson. Der Europarat warnt vor „hohem Todesrisiko“ ohne Nahrung, Medizin, Wasser und Strom.

Ukrainische Einheiten haben per Drohne rund vier Tonnen Lebensmittel in die von Russland besetzte Stadt Oleshky in der Region Cherson gebracht. Es gilt als eine der größten Operationen dieser Art seit Beginn des Krieges. Rund 2.000 verbliebene Bewohner stehen dort nach Angaben internationaler Organisationen vor einer sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe.

WERBUNG
WERBUNG

Oleshky steht seit den ersten Tagen der russischen Großinvasion im Februar 2022 unter Besatzung. Seit Mai dieses Jahres ist nach Berichten aus der Stadt keinerlei Nahrung mehr über reguläre Kanäle dorthin gelangt.

Gleichzeitig hindern russische Truppen Zivilisten an der Flucht und behindern gezielt die Versorgung per Drohne.

Der Leiter der regionalen Militärverwaltung Cherson, Oleksandr Prokudin, berichtet, russische Soldaten würden Lieferdrohnen abschießen, Hilfsgüter, die den Boden erreichen, beschlagnahmen oder weiterverkaufen und Einwohner festnehmen, bei denen humanitäre Pakete gefunden werden.

Soldaten durchsuchen nach Angaben von Bewohnern Haus für Haus nach abgeworfenen Lebensmitteln.

Nach Angaben der Verwaltung bringen ukrainische Kräfte seit März Hilfsgüter per Drohne über den Dnipro. Ort und Zeitpunkt einzelner Einsätze bleiben aus Sicherheitsgründen geheim. Ukrainische Truppen halten Stellungen am rechten Ufer des Dnipro, mehrere Kilometer von Oleshky entfernt.

Tausende in Lebensgefahr

Die regionale Militärverwaltung schätzt, dass in Oleshky noch rund 2.000 Menschen leben, darunter fast 50 Kinder. Vor Beginn der russischen Großoffensive Anfang 2022 hatte die Stadt etwa 25.000 Einwohner.

Der Rat der Kirchen und religiösen Organisationen der Ukraine geht von mehr als 6.000 Menschen in der Stadt und im Umland aus, darunter rund 200 Kinder.

Ukrainische Stellen berichten, jeder, der einer Kontaktaufnahme mit ukrainischen Behörden oder Streitkräften verdächtigt wird, laufe Gefahr, sofort hingerichtet zu werden.

Die Lage in der Stadt hat sich seit der Zerstörung des Wasserkraftwerks Kachowka im Juni 2023 drastisch verschlechtert. Weite Teile der Region wurden überflutet, Hunderte Häuser zerstört, Brunnen und Abwassersysteme blockiert. Allein bei der Flut in Oleshky starben nach Angaben aus der Stadt mindestens 200 bis 300 Menschen.

Die Bewohner leben inzwischen vor allem von dem, was sie in ihren Gärten anbauen. Medikamente sind chronisch knapp. Viele wechseln ständig zwischen verlassenen Gebäuden, um Drohnenangriffen und Plünderungen durch russische Soldaten zu entgehen, wie Berichte aus der Stadt schildern.

„Menschen liegen auf den Straßen, verwesen, unbestattet. Heute befinden sich im Keller des Krankenhauses, genau jenes, das seit vier Jahren keinen Strom mehr hat, mehr als 100 Leichen“, sagte Tetyana Hasanenko, Mitarbeiterin der militärischen Stadtverwaltung von Oleshky, dem Sender ABC News.

Die an den Drohnenlieferungen beteiligte 34. selbständige Marinebrigade „Borysfen“ veröffentlichte im April Aufnahmen aus der Stadt. Sie beschrieb darauf eine Siedlung, die russische Truppen „in eine Geisterstadt verwandelt“ hätten.

„Die Menschen sind gezwungen, Gras und Unkraut zu essen, um zu überleben. Die Straßen sind vermint, ein sicheres Entkommen ist nahezu unmöglich, und ringsum gehen Beschuss und Drohnenangriffe weiter“, sagte der Musiker Artem Pivovarov.

„Es gibt Berichte, dass die Leichen der Getöteten monatelang auf den Straßen liegen bleiben, es gibt niemanden, der sie einsammelt.“

Moskau blockiert Evakuierungsplan

Kyjiw hat einen humanitären Evakuierungsplan ausgearbeitet, an dem sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz beteiligen will.

Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinets erklärte, Russland habe bislang nicht zugesagt, die Mission zuzulassen. Ohne abgestimmten Zugang können freiwillige Helfer die Stadt nicht eigenständig betreten.

Außenminister Andrii Sybiha hat internationale Organisationen aufgefordert, humanitären Zugang zu sichern.

„Russland provoziert bewusst eine humanitäre Katastrophe im besetzten Teil der Region Cherson. Es blockiert den Zugang zu Lebensmitteln und Medikamenten, behindert die Lieferung von Hilfsgütern und die Evakuierung von Zivilisten, während russische FPV-Drohnen in den Straßen auf Menschen Jagd machen“, sagte Sybiha.

Die UN-Mission in der Ukraine bezeichnete die Lage in Oleshky im Juni als „verzweifelt“. Tausende Zivilisten seien „einer ernsten Gefahr für ihr Leben, einem Mangel an Nahrung und fehlender medizinischer Versorgung“ ausgesetzt.

Michael O’Flaherty, Menschenrechtskommissar des Europarats, zeigte sich „alarmiert über die sich rapide verschärfende humanitäre Krise“.

„Zivilisten, darunter Kinder, sind eingeschlossen, ohne ausreichend Nahrung, Medikamente, medizinische Versorgung, fließendes Wasser oder Strom“, sagte O’Flaherty in einer Erklärung.

„Berichten zufolge sind sie einem hohen Sterberisiko ausgesetzt.“

O’Flaherty erinnerte Russland an seine rechtlichen Verpflichtungen. Nach internationalem humanitärem Recht muss eine Besatzungsmacht dafür sorgen, dass die Bevölkerung Zugang zu Lebensmitteln und Medikamenten hat.

Die ukrainische Tennisspielerin Oleksandra Oliinykova, in der Weltrangliste auf Platz 47, hat in sozialen Netzwerken auf die Stadt aufmerksam gemacht: „Bitte googelt Oleshky. Es ist eine Stadt, die derzeit unter vorübergehender Besatzung steht. Dort herrscht eine humanitäre Katastrophe.“

Ukrainische Fans zeigten bei einem kürzlich ausgetragenen Fußballspiel zwischen Ungarn und der Ukraine ein Banner mit der Aufschrift „Save Oleshky“.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow räumte ein, die Lage in Oleshky sei „tatsächlich kritisch“, machte jedoch das „Regime in Kyjiw“ dafür verantwortlich, Hilfslieferungen zu blockieren.

Oleshky ist nicht der einzige ukrainische Ort, der seit Februar 2022 unter russischer Besatzung oder Beschuss unbewohnbar geworden ist.

Mariupol, eine Hafenstadt mit rund 425.000 Einwohnern, wurde im Frühjahr 2022 in einer wochenlangen russischen Belagerung weitgehend zerstört. Bakhmut und Awdijiwka in der Region Donezk wurden fast vollständig vernichtet, bevor sie 2023 beziehungsweise 2024 unter russische Kontrolle gerieten.

Städte wie Wolnowacha, Rubischne und Marjinka entlang der Frontlinie liegen ebenfalls in Trümmern.

Die ukrainischen Behörden schätzen, dass seit Beginn der Großinvasion landesweit mehr als 210.000 Gebäude zerstört worden sind.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Russischer Angriff trifft Wohnblock in Charkiw: 25 Verletzte

Ukraine: russischer Drohnenangriff auf Kyjiw tötet Jugendlichen und verletzt 20 Menschen

Russland setzt Tausende Nordkoreaner für den Drohnenbau ein