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Vor dem EU‑Kanada‑Gipfel steigt der Druck auf beiden Seiten

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Von Evi Kiorri
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Vor dem EU‑Kanada‑Gipfel im Oktober erwägen beide eine Partnerschaft über CETA und 130 Milliarden Euro hinaus. Finanzdienste und der Status „associate member“ sind noch ungeklärt.

Mit Zöllen, Exportkontrollen und politischem Druck wird Handel zunehmend zum geopolitischen Machtinstrument. Die EU sucht deshalb Partner, auf die sie sich verlassen kann. Kanada, eine gleichgesinnte Volkswirtschaft mit bestehendem Freihandelsabkommen, empfiehlt sich als solcher Partner.

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Vor dem EU-Kanada-Gipfel Ende Oktober sprechen beide Seiten über eine Vertiefung der Zusammenarbeit über das umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen CETA hinaus.

Premierminister Mark Carney hat vorgeschlagen, einen integrierten Markt für Finanzdienstleistungen auszuloten. Dazu soll engere Kooperation bei Zahlungen, strategischen Rohstoffen, Energie, KI und Rüstungsproduktion kommen. Über Finanzpässe, gegenseitige Anerkennung von Lizenzen oder einen erleichterten Zugang für Banken gibt es jedoch noch keine Einigung.

Fabian Zuleeg, Geschäftsführer und Chefökonom des European Policy Centre, fordert konkrete Ergebnisse: „Wenn wir zum Gipfel kommen, sollten wir wirklich Konkretes auf dem Tisch haben.“

Globale Handelsordnung unter Druck

Das zentrale Problem der EU ist ihre Abhängigkeit. Sie stützt sich auf die USA bei Technologie und Sicherheit, auf chinesische Lieferketten für kritische Vorprodukte und auf externe Anbieter für Energie. Gleichzeitig wird der Zugang zum Handel immer öfter als Druckmittel eingesetzt.

Kanada bietet nach Einschätzung Zuleegs wirtschaftliche Vorteile, etwa in Finanzmärkten und Technologien, die CETA nur begrenzt abdeckt. „Noch wichtiger ist das politische, ja geopolitische Argument“, sagt er.

Das bestehende Fundament der EU-Kanada-Beziehungen ist CETA, das seit 2017 vorläufig gilt. Es hat sofort 98 % der Zolltariflinien abgeschafft, bis 2024 steigt dieser Anteil auf 99 %. Der Waren- und Dienstleistungshandel erreichte 2025 laut Kommission 130 Milliarden Euro, ein Plus von rund 80 % gegenüber 72,1 Milliarden Euro im Jahr 2016.

Doch dieses klassische Freihandelsmodell stößt an Grenzen. Erik van de Merel, Chefökonom des European Centre for International Political Economy (ECIPE) und Associate Professor an der Université Libre de Bruxelles, betont: „Die Zölle zwischen Industrieländern und zwischen Kanada und der Europäischen Union sind bereits sehr niedrig.“

Die nächsten Wachstumschancen sieht er anderswo: „Im Dienstleistungsbereich, bei technologischer Zusammenarbeit und all diesen immateriellen Aktivitäten, die für künftiges Wachstum entscheidend sind.“ Verhandlungen über ein digitales Handelsabkommen laufen seit März 2026.

Was beide Seiten anstreben

Für die EU geht es vor allem um Versorgungssicherheit. Kanada verweist auf Lagerstätten von mehr als 34 kritischen Mineralien und auf seine Rolle als führender Produzent von zehn Rohstoffen, die für die Energiewende als unverzichtbar gelten. Europa braucht sie für Batterien, Stromnetze und Verteidigung.

„Wir sind derzeit sehr abhängig, insbesondere von China“, sagt Zuleeg. Diese Abhängigkeit zu verringern sei weniger eine Frage des Preises, sondern der Frage, ob die europäische Industrie im Konfliktfall weiter produzieren kann. Günstigere Energie sei zwar möglich, fügt er hinzu, aber nicht von heute auf morgen.

Für Ottawa steht die Diversifizierung im Vordergrund. Die USA nehmen rund sieben von zehn kanadischen Ausfuhren ab. Die EU war 2024 mit 7,9 % des weltweiten kanadischen Warenhandels der zweitwichtigste Handelspartner. Kanada möchte zudem leichteren Zugang zu europäischen Kunden und Investoren für seine Unternehmen aus den Bereichen saubere Energie, Bergbau, KI und Verteidigung. Kanadische Pensionsfonds könnten die Verarbeitung kritischer Rohstoffe und Infrastrukturprojekte mitfinanzieren.

Die Verteidigung dient bereits als Testfall. Im Juni 2026 wurde Kanada als erstes nichteuropäisches Land in das 150 Milliarden Euro schwere SAFE-Verteidigungsinstrument der EU aufgenommen. Es könnte als Blaupause für eine schrittweise sektorale Integration dienen.

Die Frage nach Regeln und Mitsprache

Am schwierigsten wird die Regulierung. Kanada strebt besseren Zugang zum europäischen Markt für Banken, Versicherungen und freie Berufe wie Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Architekten an.

Van de Merel rechnet damit, dass die EU Gegenleistungen fordert: „Die neuen Regeln, die wir entwickeln, müsstet ihr in gewissem Umfang übernehmen.“ Wenn Kanada eigene Regeln für Banken und freie Berufe ohne europäische Aufsicht oder Angleichung festlegen wollte, so seine Einschätzung, müsste es Abstriche machen, denn eine vertiefte Marktintegration bleibt ein Kernziel der EU.

Regulatorische Angleichung sei der Prüfstein, ob das Projekt funktioniere, sagt er. „Man braucht eine gewisse Übereinstimmung der Regeln, und ich glaube, das wird entscheidend und zugleich eine große Herausforderung dafür, ob diese Initiative Erfolg hat oder nicht.“ Schnell werde es nicht gehen. Der europäische Binnenmarkt für Dienstleistungen ist nach Jahrzehnten noch unvollendet. Ein neuer Partner mit ähnlichen Ansprüchen steht daher vor einem langen Aufholprozess.

Zuleeg sieht die Gefahr, dass Kanada bloßer Regelnehmer wird, weniger dramatisch. Island folgt den Binnenmarktvorschriften, weil es zum Europäischen Wirtschaftsraum gehört, erinnert er. Kanada würde dem Binnenmarkt jedoch nicht beitreten und behielte seiner Ansicht nach eine eigene Stimme, etwa in der Außenpolitik. Er bezweifelt, dass das Abkommen eine Vertragsänderung erfordert, und hält den Begriff „assoziierte Mitgliedschaft“ für irreführend. Wahrscheinlicher sei ein maßgeschneidertes Assoziierungsabkommen nach Artikel 217 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU.

Praktische Schritte laufen bereits. Im März 2026 vereinbarte ein gemeinsamer EU-Kanada-Ausschuss, die Regulierung von Kraftfahrzeugen und die Konformitätsbewertung anzugleichen und die gegenseitige Anerkennung im Pharmabereich auszuweiten.

Die Politik bleibt dennoch heikel. In Ottawa steht die Frage im Raum, wie viele EU-Regeln Kanada akzeptieren kann, ohne im europäischen Institutionengefüge mitzustimmen. In Brüssel könnten Bewerberländer, die lange Reformprozesse durchlaufen, fragen, warum Kanada einen privilegierten Zugang erhalten soll. Van de Merel blickt zudem auf das Vereinigte Königreich, das Einwände erheben könnte, falls Kanada Bedingungen bekommt, die London nach dem Brexit nie ausgehandelt hat.

Grenzen und Risiken der Annäherung

Die Idee darf nicht überhöht werden. Kanada kann Chinas Rolle in der Industrieproduktion und bei der Verarbeitung von Rohstoffen ebenso wenig ersetzen wie die Größe der US-Wirtschaft. Minen, Raffinerien und Häfen brauchen Jahre bis zur Inbetriebnahme, der Atlantik bleibt ein logistisches Hindernis. Kanadas enge Bindung an Washington bedeutet zudem, dass eine Krise zwischen den USA und Kanada Produktion und Investitionen treffen könnte.

Hinzu kommt CETA selbst. Mitte September 2026 hatten zehn Mitgliedstaaten, darunter Frankreich, Italien, Polen, Belgien und Irland, das Abkommen noch nicht ratifiziert. Der Investitionsschutz ist daher weiterhin nicht in Kraft. Die EU diskutiert also über eine beispiellose neue Stufe der Zusammenarbeit, während ihr zentrales Handelsabkommen mit Kanada nur teilweise ratifiziert ist.

Van de Merel warnt, dass die Initiative im Sande verlaufen könnte, wenn keine belastbaren Institutionen dahinterstehen: „Sonst bleibt es eine symbolische Idee ohne wirkliche politische oder institutionelle Konsequenzen.“

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