Der US-Vizeverteidigungsminister Elbridge Colby berät in Polen mit Vertretern von fünf NATO-Staaten. Kritiker warnen, der Ausschluss wichtiger Partner könne eine "toxische Spaltung" vertiefen.
Gespräche des US-Vizeverteidigungsministers Elbridge Colby mit fünf europäischen Staaten sorgen bei NATO-Experten für Unruhe. Sie warnen, das Format könne das Bündnis spalten. Washington drängt Europa zugleich, mehr Verantwortung für die eigene Verteidigung zu übernehmen.
Die Runde trägt seit ihrem Auftakttreffen im vergangenen Jahr in Norwegen den Namen "Bergen-Gruppe". Ihr gehören Schweden, Finnland, Polen, Deutschland und die Niederlande an.
Großbritannien, Frankreich und die baltischen Staaten erhielten keine Einladung.
"Das Kernproblem ist, dass dies für ein Bündnis, das auf kollektives Handeln angewiesen ist, äußerst toxisch wirkt", sagte Fabrice Pothier, CEO des geopolitischen Beratungsunternehmen Rasmussen Global.
"Offensichtlich geht es darum, dass die USA Lieblingspartner haben“, sagte er im Gespräch mit Euronews.
Die "Bergen-Gruppe" wurde gegründet, um über die Zukunft der NATO zu sprechen. Das Bündnis bewegt sich auf das Konzept einer sogenannten "NATO 3.0" zu – ein von den USA entwickeltes Modell, in dem Europa die konventionelle Verteidigung des Kontinents selbst übernehmen soll.
Dazu gehört, dass die USA ihre traditionelle Rolle zurückfahren und zentrale Fähigkeiten abziehen, darunter Bomber, U-Boote und Personal, das sie bisher dem Bündnis zur Verfügung stellen.
NATO versucht, die separaten Treffen herunterzuspielen
Die NATO versucht, die Bedeutung dieser separaten, von den USA gesteuerten Treffen herunterzuspielen.
"Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Gruppen von Bündnispartnern in kleinerem Rahmen treffen“, sagte ein NATO-Vertreter Euronews.
NATO 3.0 sieht vor, dass sich die USA aus ihrer traditionellen Rolle als wichtigste Schutzmacht Europas zurückziehen. Fähigkeiten wie Bomber, U-Boote und einsatzbereites Personal würden dann nicht mehr automatisch für das Bündnis bereitstehen.
Offizielle Stellen werten die Gespräche als Routine. Andere warnen jedoch, die Konstruktion teile die Mitgliedstaaten in Kategorien wie "gute Europäer“ und "schlechte Europäer" ein und stärke zugleich den Einfluss Washingtons im gesamten Bündnis.
Pothier räumt ein, dass kleinere Gruppen in Organisationen neue Ideen voranbringen können, etwa über sogenannte "Non-Papers". Er ist aber überzeugt, dass Washington die Staaten der Bergen-Gruppe ausgewählt hat, weil sie zentrale Verteidigungskriterien erfüllen.
"Initiativen entstehen oft zuerst in kleinen Kreisen", so Pothier. "Diese Länder bringen eine gewünschte Masse mit – an Land-, Luft- und Seestreitkräften“.
Er stellt allerdings die Frage: "Doch warum wählen die USA einige Staaten aus und andere nicht, wenn es sich offiziell gar nicht um eine politische Initiative handelt?“
Pothier, früher Leiter der strategischen Planung, warnt, die Aufteilung des Bündnisses in Untergruppen wecke die Sorge, dass die USA eher bereit wären, bestimmte Partner zu verteidigen als andere.
"Damit entsteht der Eindruck, dass die USA einige Verbündete bevorzugen und im Ernstfall zuerst sie verteidigen würden“, sagte Pothier.
Er vermutet, dass US-Präsident Donald Trump Großbritannien und Frankreich ihren anfänglichen Widerstand gegen eine Beteiligung an einem Krieg mit Iran nachträgt. Zusammen mit dem französischen Druck, eher europäisches Rüstungsmaterial zu kaufen, könnte dies ihre Ausgrenzung erklären.
Britische Diplomaten weisen jedoch zurück, dass London an den Rand gedrängt werde. Sie betonen, sie seien weiterhin in engem, regelmäßigem Austausch mit ihren US-Partnern.
Baltikum bleibt außen vor
Zudem fällt das Fehlen der baltischen Staaten besonders auf. Sie gehören gemessen am BIP zu den Ländern mit den größten Verteidigungsausgaben in der NATO und bilden die Frontlinie des Bündnisses zu Russland. Die Region ist immer wieder Ziel hybrider Angriffe, etwa durch Drohnenüberflüge, Brandstiftung und Sabotage.
Die Ausgrenzung folgt auf einen Besuch Colbys im August im NATO-Hauptquartier in Brüssel. Dort drängte er nach Angaben von NATO-Quellen baltische Vertreter, im Umgang mit russischer Aggression einen weniger konfrontativen Ton anzuschlagen.
Eine Quelle berichtet, Colby habe verstärkte US-Bemühungen zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine als Grund genannt, die Rhetorik, man befinde sich im "Krieg" mit Russland, zurückzufahren.
Washington hat zudem Russlands Präsident Wladimir Putin zum G20-Gipfel im Dezember in Miami eingeladen. Veranstaltungsort ist ein Golfresort im Besitz von US-Präsident Donald Trump.
"Es ist vermutlich das erste Mal seit der Osterweiterung der NATO, dass es einen offenen Bruch zwischen den USA und dem Baltikum gibt“, sagte Pothier.
"Wir wissen, dass diese US-Regierung russische Aggression deutlich gelassener nimmt“, so der Experte.
Im Baltikum bleibt die Lage angespannt. Grund sind anhaltende Drohnenangriffe und andere Formen der Schattenkriegsführung. Regierungen, Streitkräfte und Zivilbevölkerung stehen permanent in Alarmbereitschaft.
Am Samstag musste der Flughafen Vilnius für rund eine Stunde den Betrieb einstellen. Auslöser war der Verdacht auf das Eindringen einer Drohne aus Belarus, woraufhin zwei NATO-Kampfjets aufstiegen.
Litauen lädt Colby ein
Eine Quelle bestätigte Euronews, dass die litauische Regierung Colby in die Region eingeladen hat. Er solle sich die fortlaufenden Luftraumverletzungen persönlich ansehen.
"Wir sagen, was wir sehen“, erklärte ein baltischer Diplomat zu Euronews und verteidigte die offensive militärische Haltung der Länder. Moskau müsse begreifen, dass die Kosten seines Schattenkriegs "hart“ ausfallen.
EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius, ein früherer litauischer Regierungschef, verlangte ebenfalls eine deutlichere Antwort. Er sprach vergangene Woche beim Euronews Defence and Space Summit.
"Wenn wir von russischen Hybridangriffen getroffen werden, sollten unsere Reaktionen ebenso schmerzhaft sein wie der Angriff selbst“, sagte Kubilius.
Unterdessen erklärte eine in Washington ansässige Quelle Euronews, das exklusive Treffen wirke wie ein gezieltes Störmanöver der USA. Es spalte das Bündnis aktiv.
Aus Paris lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels keine Stellungnahme vor.