Italienische Wettbewerbsbehörde untersucht, ob Bezahlmodelle in Call of Duty Mobile und Diablo Immortal systematisch gegen EU-Verbraucherschutz verstoßen, besonders bei Kindern.
Die italienische Wettbewerbsbehörde hat eine Untersuchung eingeleitet (Quelle auf Englisch) gegen die zu Microsoft gehörende Spielefirma Activision Blizzard. Der Vorwurf: Das Unternehmen setze in seinen populären Mobile-Games „Diablo Immortal“ und „Call of Duty Mobile“ ausbeuterische Bezahlmechaniken wie sogenannte „Lootboxen“ und Pay-to-Progress-Modelle ein, um Kinder und andere Spielerinnen und Spieler gezielt anzusprechen und auszunutzen.
Unterstützt von Verbraucherschutzbehörden in Norwegen und Dänemark will Italien zunächst klären, ob die Geschäftspraktiken des Spielekonzerns eine „weit verbreitete Verletzung“ der EU-Verbraucherschutzregeln darstellen. Hintergrund ist der wachsende Unmut von Spielerinnen und Spielern sowie der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren.
Activision Blizzard ist weltweit bekannt für genreprägende Spielereihen wie „Call of Duty“, „Warcraft“, „StarCraft“ und „Diablo“. Der Tech-Riese Microsoft übernahm den Konzern 2023 für 75,4 Milliarden Dollar (67,29 Milliarden Euro).
Stellt die Behörde einen Verstoß gegen den italienischen Verbraucherkodex fest, drohen dem Unternehmen Geldbußen von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes in jedem betroffenen Land, wie der europäische Rechtsrahmen vorsieht.
Die Ermittlungen in Italien sind Teil einer breiteren EU-Koordinierung, die die Verbraucherschutzkooperation (CPC-Netzwerk) der EU-Kommission Ende September angestoßen hat. In der gesamten EU sollen nun Maßnahmen starten, um die Rechte von Gamerinnen und Gamern zu stärken und neun Videospielunternehmen ins Visier zu nehmen.
Das CPC-Netzwerk koordiniert Maßnahmen gegen Activision Blizzard UK Limited, Crytek GmbH, InnoGames GmbH, King.com Limited, Mojang AB, Plarium Europe S.à.r.l., PLR Worldwide Sales Limited, Riot Games Limited, Supercell Oy und Ubisoft EMEA SAS.
Die italienischen Ermittlungen bilden den ersten Schritt dieses EU-weiten Vorgehens.
Besonders besorgt sind die italienischen Behörden darüber, wie das Unternehmen gezielt Kinder anspricht. Sie sind stärker gefährdet, eine Spielsucht zu entwickeln, und können kaum nachvollziehen, wie viel Geld sie ausgeben. Problematisch ist vor allem, dass Einkäufe von In-Game-Gegenständen, Boni und Funktionen über virtuelle Währungen laufen, die mit echtem Geld gekauft werden.
Die Behörde kritisiert eine „mangelnde Transparenz und Fairness beim Einsatz virtueller Währungen“ in den Spielen, wie sie in einer Mitteilung erklärte.
Die Initiative ist Teil einer breiteren europäischen und weltweiten Offensive gegen Technikkonzerne. Regulierer sorgen sich, dass das Design von Plattformen und Spielen die psychische Gesundheit junger Menschen schädigt. Auslöser waren mehrere Suizidfälle.
Erst im vergangenen Monat stellte die EU-Kommission den Entwurf für ein Online-Schutzgesetz für Kinder vor, den sogenannten „EU Kids Act“. Digitale Dienste sollen künftig nachweisen müssen, dass ihre Plattformen „sicher gestaltet“ und altersgerecht sind, bevor Kinder sie nutzen dürfen.
Der Vorschlag richtet sich besonders gegen Videospiele. Für Kinder sollen Lootboxen – virtuelle Überraschungspakete mit zufälligen Ausrüstungs- oder Kosmetikartikeln – verboten werden. Zudem sollen reale Kosten für In-Game-Käufe klar angezeigt und Kaufhinweise eingeblendet werden.
Geplant sind außerdem Regeln gegen Suchtmechaniken. „Streak“-Systeme, die Spielerinnen und Spieler zu regelmäßigen, teils täglichen Logins anhalten, sollen für Kinder untersagt werden. Auch Benachrichtigungen, die Minderjährige zum Weiterspielen drängen, will die EU einschränken.
Das EU-weite Vorgehen folgt auf einen offenen Dialog des CPC-Netzwerks mit der Spielebranche im vergangenen Jahr. Die Organisation erklärte diplomatisch, dieser habe „keine zufriedenstellenden Ergebnisse“ gebracht – insbesondere bei der Monetarisierung und beim Einsatz virtueller Währungen.
Parallel dazu will die Kommission später in diesem Jahr ein „EU Digital Fairness Act“ vorlegen. Das Paket soll „Dark Patterns“ – manipulative Designs und künstliche Dringlichkeit –, unfaire Personalisierungspraktiken und sogenannte Abo-Fallen verbieten.
„Etwa die Hälfte der Europäerinnen und Europäer spielt Videospiele … Diese Reichweite bringt Verantwortung. Die Branche muss sicherstellen, dass ihre Spiele Spielerinnen und Spieler – insbesondere Kinder – nicht schädlichen oder unfairen Praktiken aussetzen“, sagte Michael McGrath, Verbraucherschutzkommissar der EU.
„Das Spiel muss fair sein, und die Regeln müssen eingehalten werden. Die nationalen Behörden werden dies mit Unterstützung der Kommission durchsetzen“, fügte er hinzu.
Viele Spielerinnen und Spieler kritisieren seit Jahren, dass Publisher zunehmend auf Pay-to-Win-Mechaniken setzen.
Solche Systeme belohnen Menschen, die mehr Geld investieren, mit spielerischen Vorteilen. Wer nicht zahlt, hat selbst bei größerem Können oft das Nachsehen.
Für viele wird das Spiel dadurch zu einem Wettbewerb der Kontostände statt der Fähigkeiten. Spielefirmen verteidigen das Modell regelmäßig mit dem Hinweis, ihre Titel seien kostenlos spielbar und Zahlungen freiwillig.
In einem Interview mit der „Los Angeles Times“ im Juli 2022 verteidigte der damalige Blizzard-Chef Mike Ybarra das Geschäftsmodell. Das Unternehmen biete „Hunderten Millionen Menschen ein kostenloses Diablo-Erlebnis, in dem sie buchstäblich 99,5 Prozent von allem im Spiel machen können“.
Er betonte zudem, die große Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer gebe kein Geld aus und könne das Spiel vollständig durchspielen, ohne zu bezahlen.