Anne Carson galt bei Buchmachern als eine der Favoritinnen, weil ihr Werk sich jeder Schublade entzieht. Das Nobelkomitee lobte ihr „kühnes, erfinderisches Œuvre, das im spielerischen Dialog mit der Antike neue Formen für die Gegenwartsliteratur schafft“.
Die kanadische Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis 2026 „für ihr kühnes, erfinderisches Werk, das in einem spielerischen Dialog mit der antiken Tradition neue Formen für die Gegenwartsliteratur geschaffen hat“.
Die sechsundsiebzigjährige Autorin ist bekannt für ihren hybriden Stil. Sie verbindet Lyrik und Prosa sowie zeitgenössische Erzählungen mit antiken Mythen.
Die Akademie erklärte: „Fast ihr gesamtes Schaffen kreist um die Schnittstelle zwischen der Wortbesessenheit der Philologie und dem Wunsch der Dichterin nach neuen Bedeutungen. Sie selbst bezeichnet die Etymologie von Wörtern als Ausgangspunkt all ihrer Arbeiten.“
Zu Carsons bekanntesten Werken zählen ihr Debüt von 1986, „Eros the Bittersweet“, eine Analyse von Lust und Schmerz des Begehrens in der antiken griechischen Literatur; ihr 1998 erschienenes, oft als ihr Hauptwerk gefeiertes „Autobiography of Red: A Novel in Verse“, eine queere Coming-of-Age-Geschichte, die ein griechisches Gedicht über Herakles neu erzählt; „The Beauty of the Husband: A Fictional Essay in 29 Tangos“ (2001) sowie „Norma Jeane Baker of Troy“ (2019), ein Text, der Marilyn Monroe mit Helena von Troja vergleicht.
Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Wrong Norma“ und erschien 2024.
Mit dem Nobelpreis wird Carson zur neunzehnten Frau, die den Literaturnobelpreis erhält. Zu den jüngsten Preisträgerinnen gehören Han Kang 2024, Annie Ernaux 2022 und Louise Glück 2020.
Bis heute hat das Nobelkomitee der Schwedischen Akademie den Literaturpreis 119-mal an insgesamt 123 Personen vergeben; vier Auszeichnungen teilten sich mehrere Preisträgerinnen und Preisträger.
Im vergangenen Jahr erhielt der postmoderne ungarische Autor László Krasznahorkai den Preis „für sein eindringliches, visionäres Werk, das mitten im apokalyptischen Schrecken die Kraft der Kunst bekräftigt“.
Susan Sontag bezeichnete den Schriftsteller einst als „zeitgenössischen ungarischen Meister der Apokalypse“.
Der Literaturpreis ist die vierte in dieser Woche bekanntgegebene Auszeichnung nach den Nobelpreisen 2026 für Medizin, Physik und Chemie.
Jede Auszeichnung ist in diesem Jahr mit zwölf Millionen schwedischen Kronen (1,07 Millionen Euro) dotiert. Die Preisträgerinnen und Preisträger erhalten außerdem eine 18-karätige Goldmedaille und eine Urkunde.
Am Freitag gibt das Komitee den Friedensnobelpreis bekannt. Am Montag folgt als letzter der von der Schwedischen Reichsbank gestiftete Preis für Wirtschaftswissenschaften.
Die Nobelpreisverleihungen finden am zehnten Dezember statt, dem Todestag Alfred Nobels im Jahr 1896.