In einem seltenen Einblick in das Leben unter russischer Besatzung berichtet Tetiana Hasanenko, Leiterin der Militärverwaltung von Oleschky, Euronews von Hunger und Menschen, die auf der "Todesstraße" ihr Leben riskieren, um an Lebensmittel zu gelangen.
Angesichts des zunehmenden Drucks auf die Ukraine, Russland Zugeständnisse zu machen – auch beim eigenen Staatsgebiet –, warnt die Leiterin einer besetzten Stadt davor, die Erfahrungen der bereits von Russland kontrollierten Gemeinden bei möglichen Friedensverhandlungen außer Acht zu lassen.
Tetiana Hasanenko leitet die militärische Stadtverwaltung von Oleschky in der südukrainischen Region Cherson. Im Gespräch mit Euronews sagte sie, dass die mehr als vierjährige russische Besatzung ihre Stadt verwüstet habe. Die Menschen, die noch dort lebten, seien zunehmend verzweifelten Bedingungen ausgesetzt.
Oleschky ist seit den ersten Tagen der russischen Vollinvasion besetzt. "Die Stadt ist praktisch zerstört", sagte Hasanenko. "Kaum ein Gebäude ist unbeschädigt geblieben."
Ihr zufolge leben noch rund 2.000 Menschen in der Stadt. Eine genaue Zahl lasse sich jedoch nur schwer feststellen. Unter ihnen seien auch 35 Kinder, die in der Stadt festsaßen und sie nicht verlassen könnten, so Hasanenko. Die Menschen vor Ort würden zudem unter einem massiven Mangel an Lebensmitteln und Trinkwasser leiden. Auch Strom, Gas und medizinische Versorgung seien nur noch sehr eingeschränkt verfügbar.
Für Hasanenko ist die Lage in Oleschky eng mit der Frage verbunden, ob die Ukraine für einen Waffenstillstand weitere Gebiete an Russland abtreten soll. "Man kann einem Raubtier keine Zugeständnisse machen. Wenn ein Räuber Blut schmeckt, will er noch mehr", sagte sie zu Euronews.
"Unser Krieg mit Russland dauert bereits seit zwölf Jahren. Doch Zugeständnisse haben nie zu einer wirklichen Einigung geführt. Sie haben keinen Frieden gebracht, der dauerhafte Sicherheit gewährleistet, sondern allenfalls für eine gewisse Zeit Ruhe geschaffen." "Ein Raubtier will immer mehr. Und in diesem Fall ist Russland dieses Raubtier."
25 Kilometer lange Todesstraße
Für die Menschen, die aus Oleschky fliehen wollen, kann bereits der Versuch lebensgefährlich sein. Hasanenko zufolge versuchen einige Bewohner, die rund 25 Kilometer bis zum Dorf Radianske zu Fuß zurückzulegen.
Auf dem Weg müssen sie stark vermintes Gebiet durchqueren und sind ständig der Gefahr von Drohnenangriffen ausgesetzt. Viele von ihnen sind durch den Hunger bereits körperlich stark geschwächt. "Die Menschen sind vom Hunger völlig erschöpft und von den Lebensumständen ausgelaugt. Es gibt für sie einfach keinen anderen Weg", sagte Hasanenko.
Einige, die den gefährlichen Fußmarsch überstehen, kehren später zurück, um Kindern oder älteren Angehörigen Lebensmittel zu bringen. Diese können die Strecke selbst nicht bewältigen.
Auf der Flucht seien bereits Menschen auf Minen getreten und ums Leben gekommen, sagte Hasanenko. In manchen Fällen sei es nicht einmal möglich, ihre Leichen zu bergen. "Diese Straße ist wirklich eine Todesstraße", sagte sie. „Wenn dort Leichen liegen, holt sie niemand weg."
Auch die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln wird immer gefährlicher. Nach Angaben Hasanenkos gelangten im September und Oktober mithilfe der ukrainischen Armee rund zehn Tonnen Lebensmittel nach Oleschky. Sie warf den russischen Truppen vor, einige Lieferungen beschossen zu haben. Außerdem würden Bewohner bestraft, wenn sie Hilfsgüter annähmen, weil ihnen eine Zusammenarbeit mit der ukrainischen Seite unterstellt werde.
Hasanenko berichtete zudem, dass russische Soldaten in Häuser eingedrungen seien und von den Bewohnern Lebensmittel verlangt hätten – obwohl diese selbst kaum etwas zu essen hätten. "Es gibt kein Brot, kein Fleisch, keine Eier, keinen Zucker. Im Grunde gibt es gar nichts", sagte sie.
Euronews kann die Lage in Oleschky nicht unabhängig überprüfen. Die Stadt steht weiterhin unter russischer Kontrolle, unabhängige Medien haben keinen Zugang.
"Menschen müssen Unkraut essen"
Hasanenko beschreibt Oleschky als eine Stadt, die zu einem der "schrecklichen Symbole" des russischen Krieges gegen die Ukraine werden könnte. "Wir leben im 21. Jahrhundert, und Menschen leiden Hunger", sagte sie.
Einen Tag vor dem Gespräch mit Euronews habe sie eine Nachricht von einer Frau aus Oleshky erhalten, die Lebensmittel von der ukrainischen Seite bekommen hatte. Darunter war auch ein Laib Brot. "Sie konnte 20 Minuten lang nicht den Mut aufbringen, das Brot anzuschneiden. So fremd war ihr der Geschmack geworden, und so kostbar ist Brot für die Menschen, die dort geblieben sind", sagte Hasanenko. "Sie müssen Dinge essen, über die man im Fernsehen kaum zu sprechen wagt. Menschen wurden gezwungen, Unkraut zu essen."
Die Bewohner kämen oft nur mit einer Mahlzeit am Tag aus. Manchmal bestehe diese aus nur wenigen Löffeln Getreide. Andere mahlten ihre letzten Nudeln zu Mehl, um ihre Mahlzeiten etwas nahrhafter zu machen, erklärte Hasanenko. "Am schlimmsten ist die Situation natürlich für die Kinder", sagte sie. "Ich glaube, diese Erfahrungen werden sie ihr Leben lang begleiten."
Trotz der extremen Bedingungen halten Menschen in den besetzten Gebieten weiterhin Kontakt zu ukrainischen Behörden – und setzen sich damit großen Risiken aus. An ukrainischen Nationalfeiertagen, etwa am Unabhängigkeitstag, erhalte sie Nachrichten aus den besetzten Gebieten, häufig mit Bildern blau-gelber Fahnen, berichtete Hasanenko. Den Menschen sei bewusst, welche Gefahren sie damit auf sich nähmen. Schon der Besitz einer ukrainischen SIM-Karte könne sie in Schwierigkeiten bringen.
"Trotzdem gehen sie dieses Risiko ein. Und sie glauben weiterhin", sagte sie. "Sie schreiben mir: 'Wir warten immer noch auf euch'." Gerade diese Hoffnung macht es für Hasanenko unvorstellbar, besetzte ukrainische Gebiete aufzugeben. "Die stärkste Hoffnung haben die Menschen, die jetzt in den vorübergehend besetzten Gebieten leben und auf uns warten", sagte sie. "Es fällt mir schwer, überhaupt darüber zu sprechen."
"Um dieser Hoffnung willen müssen wir alles tun", fügte Hasanenko hinzu. Für sie geht es dabei um weit mehr als den Verlauf künftiger Grenzen. Es geht auch um die Frage, ob Ukrainerinnen und Ukrainer unter russischer Besatzung zurückgelassen werden. "Jede und jeder von uns zeigt an seinem eigenen Abschnitt Europas, wie wir unsere ukrainische Identität, unsere Kultur und unser Recht auf Staatlichkeit und eigenes Territorium verteidigen müssen", sagte sie.
Deshalb könne die Ukraine aus ihrer Sicht nicht zustimmen, eigenes Staatsgebiet an Russland abzutreten.