Die staatliche Beschaffung von Festnetztelefonen hat sich in den ersten acht Monaten dieses Jahres verdreifacht, da Mobilnetzausfälle fast 80 Prozent des Landes trafen. Der Rostelecom-Chef riet Russen, eines zu Hause zu halten „wie einen Feuerlöscher“.
Russische Staatsunternehmen haben in den ersten acht Monaten dieses Jahres mehr als das Dreifache für Festnetztelefone ausgegeben wie im gleichen Zeitraum 2025. Hintergrund sind Abschaltungen des mobilen Internets, die fast 80 Prozent des Landes betreffen und Ministerien wie Unternehmen nach Alternativen zu instabilen Netzen suchen lassen.
Laut Ausschreibungsdaten, auf die sich die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ stützt, beliefen sich die Ausgaben von Januar bis August auf 118 Millionen Rubel (1,26 Millionen Euro). Die Zahl der Ausschreibungen stieg zugleich um 12,5 Prozent.
Die Beschaffungen konzentrieren sich auf die größten Wirtschafts- und Infrastrukturzentren des Landes.
Rückzug westlicher Anbieter spielt auch eine Rolle
Marktteilnehmer erklärten „Wedomosti“, der Boom sei auf die Einschränkungen zurückzuführen. Hinzu komme, dass Ministerien und Unternehmen auf im Inland entwickelte, softwarebasierte Telefonanlagen umstellen, seit westliche Anbieter sich nach der Invasion der Ukraine 2022 aus Russland zurückgezogen haben. Gefragt seien außerdem sichere Kommunikationskanäle.
Russland begann im Mai 2025, den mobilen Internetzugang systematisch abzuschalten. Vor den Feiern zum Tag des Sieges waren die Dienste in mehr als 40 Regionen nicht verfügbar. Aus zunächst punktuellen Ausfällen wurde rasch Alltag.
Ein unabhängiges Monitoring-Projekt zählte im Juni 2025 655 Abschaltungen des mobilen Internets. Im Juli waren es bereits 2.099. Nach Einschätzung von Analysten übertraf dieser Wert die weltweite Gesamtzahl aller Ausfälle im gesamten Vorjahr.
Die Unterbrechungen treffen Banken, Taxi-Dienste, Essenslieferungen und Navigationsdienste, besonders in ländlichen Regionen.
Die Behörden rechtfertigen die Abschaltungen als Schutz vor ukrainischen Drohnen. Diese würden demnach über Signale des mobilen Internets gesteuert.
Fachleute widersprechen. Drohnen könnten vorprogrammierte Routen auch ohne Netzverbindung abfliegen, und die Abschaltungen betreffen längst Regionen weit entfernt von der Front.
Im März erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow, die Präsidialverwaltung „nutzt Festnetztelefone“, als er gefragt wurde, wie sich die Einschränkungen im Zentrum Moskaus auf die Arbeit des Präsidentenbüros auswirken.
Kurz darauf rief der Chef des staatlichen Telekommunikationskonzerns Rostelecom, Michail Ossijewski, die Bevölkerung dazu auf, wieder verstärkt Festnetzanschlüsse zu nutzen.
„Wie ein Feuerlöscher sollte es in jedem Haushalt einen geben“, sagte Ossijewski.
Auf hundert Einwohner kommen in Russland derzeit etwa 12,2 Festnetztelefone. In Moskau nutzen rund zwei Millionen Haushalte Anschlüsse des Betreibers MGTS, des wichtigsten Telefonanbieters der Hauptstadt.
Landesweit gibt es rund 17,4 Millionen Festnetzanschlüsse in städtischen Haushalten.
Das Wirtschaftsministerium geht davon aus, dass die Zahl aller Festnetzanschlüsse bis 2029 auf zwischen 8,2 und 8,5 pro hundert Einwohner sinken wird.