Finden Sie uns
Werbung

Budget 2027: französische Filmbranche fürchtet Kahlschlag

Justine Triet, Costa Gavras und Jacques Audiard
Justine Triet, Costa-Gavras und Jacques Audiard -  Copyright  AP Photo
Copyright AP Photo
Von Jean-Philippe Liabot
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Über 170 Persönlichkeiten des französischen Films warnen vor dem Budgetplan 2027. Sie fürchten Hunderte Filmverluste, falls etwa die Mehrwertsteuer auf Canal+-Pay-Angebote verdoppelt wird.

In einem Gastbeitrag in der Zeitung Le Monde warnen Regisseurinnen und Regisseure sowie Produzentinnen und Produzenten vor den Risiken des Haushaltsentwurfs für 2027 für die Finanzierung des französischen Kinos. Nach ihrer Rechnung könnten die derzeit im Parlament diskutierten Maßnahmen dazu führen, dass in fünf Jahren 400 Filme weniger entstehen, also 80 Produktionen pro Jahr.

WERBUNG
WERBUNG

Zu den Unterzeichnenden gehören einige der bekanntesten Namen des französischen und europäischen Kinos, darunter Jacques Audiard, Costa-Gavras, die Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne, Claire Denis, Michel Hazanavicius, Agnès Jaoui, Justine Triet, Julia Ducournau, Cédric Klapisch und Alice Winocour.

„Der neue Haushaltsentwurf droht, das französische Kino beispiellos von unseren Leinwänden zu verdrängen“, schreiben sie. Die Autorinnen und Autoren des Beitrags sehen eine ganze Reihe von Maßnahmen, die die zwei tragenden Säulen der Branchenfinanzierung schwächen könnten: öffentliche Gelder und private Investitionen.

Öffentlicher Rundfunk und CNC: Budgets schrumpfen

Auf der Seite der öffentlichen Förderung erinnern die Branchenvertreter daran, dass das Budget von France Télévisions, das jedes Jahr rund 70 Filme mitfinanziert, bis 2027 um 47 Millionen Euro sinken soll.

Zudem schlägt der Haushaltsberichterstatter Philippe Juvin (Les Républicains) vor, 2027 zusätzlich 35 Millionen Euro aus den Mitteln des Centre national du cinéma et de l'image animée (CNC) abzuschöpfen. Damit soll ein Teil der zusätzlichen Einnahmen an den Staat zurückfließen, die von einer Änderung der Werbesteuern und Abgaben erwartet werden.

Das CNC gilt als Herzstück des französischen Kinos: Es verteilt Gelder, damit Filme geschrieben, gedreht, ausgewertet und im Kino gezeigt werden können. Das Besondere daran: Für den Staat ist dieses System kostenneutral.

Das CNC finanziert sich über kleine Abgaben auf Kinotickets, Fernsehsender und Streamingplattformen. Hinzu kommt die Vergütung für private Kopien, die auf Speichermedien erhoben wird – etwa auf Smartphones, Tablets, externen Festplatten oder USB-Sticks.

So trägt die Branche ihre Finanzierung größtenteils selbst.

Die Finanzierung neuer Werke beruht also weitgehend auf zweckgebundenen Beiträgen, die direkt in den betroffenen Mediensektoren und bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern erhoben werden.

„Das französische Kino funktioniert also, ohne die Steuerzahler einen einzigen Cent zu kosten“, betonen die Unterzeichnenden. Sie verweisen zugleich auf die wirtschaftliche „beträchtliche“ Bedeutung der Branche, die 260 000 Arbeitsplätze schafft – zum Vergleich: Die Autoindustrie kommt auf 400 000 –, „belebt die Regionen durch Dreharbeiten und hält ein besonders dichtes Netz an Kinosälen im ganzen Land am Laufen“.

Die Zentrale von Canal+ in Boulogne-Billancourt bei Paris.
Die Zentrale von Canal+ in Boulogne-Billancourt bei Paris. AP

Canal+: höhere Mehrwertsteuer bedroht Hunderte Filme

Die zweite große Gefahr betrifft den privaten Sektor, vor allem Canal+, den wichtigsten privaten Geldgeber des französischen Kinos. In Frankreich ist Canal+ gesetzlich verpflichtet, einen Teil seiner Einnahmen wieder in die Finanzierung heimischer Filme zu investieren.

Die Regierung erwägt, die Mehrwertsteuer auf Pay-TV-Abonnements bis 2027 von zehn auf 20 Prozent zu verdoppeln. Um diese zusätzliche Belastung auszugleichen, könnte der verschlüsselte Sender die Kosten direkt an seine Abonnentinnen und Abonnenten weitergeben oder deutlich weniger Geld in Filme stecken.

Allerdings handelt es sich bislang nur um einen Haushaltsentwurf. Noch ist offen, ob die höhere Mehrwertsteuer im endgültigen Budget für 2027 überhaupt bleibt.

Sollte die Maßnahme kommen, hätte sie nach Ansicht der Filmschaffenden gravierende Folgen. Sie erinnern daran, dass ein Ende Juli geschlossenes Branchenabkommen festlegt: Jede Erhöhung der Mehrwertsteuer für Canal+ macht dessen verbindliche Investitionszusagen für das Kino hinfällig. Nach ihren Berechnungen würde die Filmproduktion zwischen 2028 und 2032 dadurch um 750 Millionen Euro weniger erhalten.

„Ganz konkret werden in fünf Jahren 400 Filme gar nicht erst entstehen“, warnen sie. Besonders verletzliche Projekte dürften sich dann noch schwerer finanzieren lassen – mit Folgen für Dreharbeiten, Beschäftigung und am Ende für die Vielfalt der Filme, die das Publikum zu sehen bekommt.

Canal+: Liebe und Streit mit dem französischen Kino

Die Lage wirkt dennoch paradox.

Im Mai, während der Filmfestspiele in Cannes, beteiligten sich mehrere jetzige Unterzeichnende an der Aktion „Zapper Bolloré“. Rund 600 Filmschaffende hatten sie gestartet, um den wachsenden Einfluss von Vincent Bolloré auf die Branche anzuprangern, insbesondere über Canal+, den Sender des von dem konservativen Milliardär kontrollierten Medienkonzerns.

Der Protest löste eine heftige Reaktion bei Canal+ aus: Vorstandschef Maxime Saada verkündete damals, mit den Mitgliedern des Kollektivs nicht mehr zusammenarbeiten zu wollen.

Einige Monate später warnen nun Teile derselben Regisseurinnen und Regisseure vor den Folgen einer höheren Mehrwertsteuer für Canal+, dessen Beiträge für die französische Produktion weiterhin unverzichtbar sind.

Dieser Widerspruch zeigt, wie abhängig das französische Kino von einem Akteur bleibt, dessen Einfluss ein Teil der Branche gleichzeitig kritisiert.

„Wer unser Kino schwächt, macht unsere französische und europäische Identität ärmer.“
Tribune des cinéastes dans Le Monde, contre le projet de budget 2027

Branche fordert neues Kinogesetz

Über die aktuellen Budgetfragen hinaus verlangen die Unterzeichnenden eine grundlegende Erneuerung des gesetzlichen Rahmens. Die Branche orientiert sich noch immer an dem audiovisuellen Gesetz von 1986. Nun werben sie für ein echtes Kinogesetz, das die sogenannte „Chronologie der Medien“ dauerhaft sichert – jene französische Regel, die festlegt, wann ein Film nach seinem Kinostart auf den verschiedenen Auswertungswegen laufen darf, von VOD über Free-TV bis hin zu Netflix.

Sie fordern außerdem klare Regeln für den Einsatz künstlicher Intelligenz und den Erhalt der Aufgaben des Centre national du cinéma et de l'image animée (CNC).

Die Unterzeichnenden appellieren an die Abgeordneten, jene Änderungsanträge zu unterstützen, die Berufsverbände zugunsten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, des CNC-Budgets und einer Mehrwertsteuer von zehn Prozent für Canal+ eingebracht haben – im Gegenzug für feste Zusagen zugunsten der Filmproduktion.

Nach Ansicht der Filmschaffenden geht es dabei längst um mehr als die Ökonomie der Branche. Sie machen große US-Plattformen wie Amazon Prime, Disney+ oder Netflix für eine zunehmende Vereinheitlichung von Inhalten verantwortlich und verteidigen ein Modell, das aus ihrer Sicht maßgeblich zum kulturellen Einfluss Frankreichs beiträgt.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Tsui Hark beim Lumière-Festival: „Wir wissen nicht, wohin uns die Zukunft führt“

Todd Haynes beim Lumière-Festival: „Unsere Freiheiten zu schützen ist jetzt entscheidend“

Netanjahu fordert Strafverfolgung von Interviewten im Doku-Film „NAZA“