Schon seit Monaten gibt es in Albanien Proteste gegen den Ministerpräsidenten. Doch Edi Rama hält an seinen umstrittenen Plänen fest und lehnt es erneut ab zurückzutreten.
Die albanische Polizei hat am Sonntag Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Die Proteste gegen die Regierung dauerten bereits den sechsten Tag in Folge an. Ministerpräsident Edi Rama weist die Rücktrittsforderungen der Demonstrierenden zurück.
Seit Dienstag erschüttern gewaltsame Kundgebungen Tirana. Die Protestierenden verlangen bessere Bedingungen an den Universitäten, niedrigere Studiengebühren und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Korruption.
Vor dem von der Polizei abgeriegelten Bildungsministerium skandierten Hunderte junge Leute: „Rama, tritt zurück“.
Als die Polizei versuchte, die Menge aufzulösen, verlagerten sich die Proteste über das gesamte Stadtzentrum. Innerhalb weniger Stunden eskalierten sie immer weiter zu besonders heftigen Zusammenstößen.
Chaos in Tirana
Demonstrierende zündeten Müllcontainer an, schlugen Scheiben ein – auch am Sitz der regierenden Sozialistischen Partei – und setzten eine Polizeiwache sowie den Eingang des Innenministeriums in Brand.
Das Chaos weitete sich auf den Hauptboulevard und den zentralen Platz aus. Nach Angaben eines AFP-Reporters warfen Demonstrierende Steine und Molotowcocktails, zünden Pyrotechnik und feuern Feuerwerkskörper ab. Die Polizei antwortete mit Gummigeschossen und Tränengas.
Krankenwagen mussten zahlreiche Verletzte in Sicherheit bringen.
Das Gesundheitsministerium teilte der Nachrichtenagentur AFP mit, dass auch 16 Polizisten verletzt wurden, 14 von ihnen beim Angriff auf die Polizeiwache.
Albert Nushi von der Abteilung für öffentliche Sicherheit der Polizei erklärte am Sonntagabend, Unbekannte hätten eine Polizeistation in Tirana mit Molotowcocktails und Pyrotechnik angegriffen und damit Beamte ebenso wie Menschen in Gewahrsam in Lebensgefahr gebracht.
„Ein Angriff auf eine Polizeiwache ist kein Protest. Gewalt gegen Polizisten, Angriffe auf Institutionen und Handlungen, die Menschenleben gefährden, können wir nicht hinnehmen“, sagt er.
Nushi rief die Demonstrierenden auf, sich von maskierten Gewalttätern fernzuhalten und „sich friedlich zu versammeln“.
Laut Gesundheitsministerium wurden am Sonntag 28 Menschen verletzt: 19 Polizisten, vier Demonstrierende, vier Passantinnen und Passanten sowie eine Journalistin oder ein Journalist.
Vor Beginn der Demonstration sicherten viele Läden und Büros in der Innenstadt Türen und Fenster mit Metallrollläden. Städtische Arbeiter entfernten Pflastersteine, damit Demonstrierende sie nicht als Wurfgeschosse nutzen konnten.
Edi Rama sagt Reise nach Österreich ab
In einer über einstündigen Videobotschaft schließt Rama einen Rücktritt aus. Er spricht von der „Hand von außen“, die hinter den Protesten stecke.
Der österreichische Bundespressedienst meldet, die für Montag geplante offizielle Reise Ramas zu Bundeskanzler Christian Stocker sei von albanischer Seite abgesagt worden.
Gebäude in Flammen
Die Schriftstellerin und Aktivistin Lura Elezi, 38, sagte der AFP, sie gehe auf die Straße „für ein besseres Leben, für Rechtsstaatlichkeit und gegen Kriminalität und Korruption“.
„Ich liebe mein Land, aber meine Regierung respektiert uns nicht, sie verhöhnt uns. Jede Bürgerin und jeder Bürger muss Verantwortung für das eigene Land übernehmen, die Pflicht, voranzugehen, zu lieben und die eigene Nation nicht zu zerstören“.
Tirana erlebte am Samstag die heftigste Gewalt. Demonstrierende bewarfen die Polizei mit Steinen, Molotowcocktails, Metallteilen und Pyrotechnik. Sie steckten Autos und Müllcontainer in Brand und bauten daraus Barrikaden gegen die vorrückenden Einsatzkräfte.
Mehrere Gebäude, darunter ein Gericht, Banken und ein Postamt, gerieten in Brand und wurden schwer beschädigt.
Nach einem am Sonntag veröffentlichten Bericht des Gesundheitsministeriums wurden am Samstag 65 Menschen verletzt, darunter 37 Polizisten. Zwölf Personen kommen ins Krankenhaus.
Seit Dienstag zählte das Ministerium 272 Verletzte bei den Auseinandersetzungen, darunter 169 Polizeikräfte.
Albaniens enger Verbündeter USA reagierte am späten Samstag. Die US-Botschaft in Tirana rief „alle Seiten zu Zurückhaltung und Ruhe“ auf.
Die Europäische Kommission „verurteilte die Gewalt in Tirana und anderen Städten“ in einer schriftlichen Erklärung. Die Antwort darauf müsse „verhältnismäßig“ bleiben.
„In einem Kandidatenland, das fest zum EU-Beitrittsprozess steht, sollten Beschwerden in konstruktivem Dialog und auf friedlichem Weg bearbeitet werden“, heißt es weiter.
Die Unruhen folgen auf monatelange Proteste gegen die Regierung. Auslöser war ursprünglich ein umstrittenes Luxusresort in einem ökologisch geschützten Gebiet. Das Projekt steht in Verbindung mit Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Die Proteste gegen das Resort werden auch als "Flamingo Revolution" bezeichnet.