Spanien investiert dreimal mehr in Militär als Marokko und dominiert Luft- und Seestreitkräfte. Rabat hat mehr Soldaten und Raketenartillerie, die USA unterstützen seinen Aufrüstungskurs.
Der erste F‑16 Block 72 der königlichen Luftwaffe Marokkos ist am 6. Oktober im US‑Bundesstaat South Carolina in Greenville zu seinem Jungfernflug gestartet, wie Lockheed Martin mitteilte. Die Maschine durchläuft nun die letzten Tests vor der Auslieferung, nach einigen Verzögerungen im Programm. Sie ist das sichtbarste Symbol eines Aufrüstungsprozesses, den man in Spanien aufmerksam beobachtet.
Aber was sagen die Zahlen? Wie stark ist das marokkanische Militär im Vergleich zu Spanien? Spanien liegt beim Budget klar vorn und kontrolliert die See ohne Mühe. Rabat verfügt dagegen über mehr Soldaten und über Raketenartillerie, die der spanischen Armee seit 15 Jahren fehlt.
Verteidigungsausgaben: Verhältnis über sechs zu eins
Der deutlichste Abstand zeigt sich beim Geld. Nach dem jüngsten Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, investierte Spanien 2025 rund 34,3 Milliarden Euro in die Verteidigung. Das sind etwa 50 % mehr als im Jahr davor und erhöhten den Militäranteil auf 2,1 % des BIP. Marokko gab rund 5,6 Milliarden Euro aus, nach 4,9 Milliarden im Jahr 2024. Der Anstieg reicht, um das Land als zweitgrößten Rüstungsinvestor Afrikas zu halten, hinter Algerien mit 22,7 Milliarden Euro.
Hinter diesen Zahlen steht die Größe der Volkswirtschaften. Marokko erzielte 2025 nach Angaben der Weltbank ein BIP von rund 138,7 Milliarden Euro, Spaniens Wirtschaft lag bei etwa 1,69 Billionen Euro. Das ist das Zwölffache.
Verteidigungsetat Marokkos: wirklich 10 % des BIP?
Diese Zahl kursiert besonders häufig, sie passt jedoch nicht zu den Datenreihen von Sipri. Das Institut selbst beziffert die marokkanischen Militärausgaben für 2025 auf 3,54 % des BIP. Die oft genannten 10 % erinnern eher an einen anderen Indikator: den Anteil der Verteidigung am Staatshaushalt, den Sipri für 2025 mit 10,28 % angibt.
Ähnlich missverständlich sind die Haushaltszahlen. Das marokkanische Finanzgesetz für 2026 erlaubt der Verwaltung für nationale Verteidigung künftige Ausgabenverpflichtungen von 157.170 Millionen Dirham, umgerechnet etwa 14,7 Milliarden Euro. Es handelt sich um einen mehrjährigen Rahmen, der oft so dargestellt wird, als wäre er der Etat eines einzigen Jahres. Tatsächlich zur Auszahlung kommen 2026 Zahlungskredite von 55.300 Millionen Dirham, rund 5,2 Milliarden Euro.
Spanien wiederum erreichte 2025 die Marke von zwei Prozent des BIP und will sie 2026 stabilisieren. Zugleich bleibt es der einzige Verbündete, der sich weigert, das Ziel von 5 % bis 2035 zu übernehmen.
Truppenstärke: mehr Soldaten südlich der Meerenge
Hier kippt die Bilanz. Mehrere Quellen gehen davon aus, dass Marokko zwischen 195.000 und 200.000 aktive Soldaten und rund 150.000 Reservisten hat. Außerdem hält Marokko im Unterschied zu Spanien die Wehrpflicht aufrecht, seit ihrer Wiedereinführung 2019. Bei der Zahl der Truppen übertrifft die marokkanische Armee die spanische deutlich.
Genau an diesem Punkt lohnt sich Skepsis gegenüber den 400.000 Soldaten, die in mehreren Medien viral gingen. Die Zahl stammt aus dem Datenblatt von Global Firepower, zuletzt am 21. Januar 2026 aktualisiert. Dort werden Marokko außerdem rund 250.000 Reservisten zugeschrieben, und, bis Redaktionsschluss, stützt jedoch keine weitere unabhängige Quelle diese Angaben.
Die spanischen Streitkräfte kämpfen mit Personalmangel. Am 1. Januar 2025 standen 116.739 Soldatinnen und Soldaten im aktiven Dienst – unterhalb der gesetzlichen Untergrenze von 130.000, die das Militärkarriergesetz festlegt. Das Jahr endete mit 832 Kräften weniger. Noch schwächer ist die Reserve: Anfang 2024 gab es 3.091 freiwillige Reservisten.
Luftwaffe: Eurofighter gegen F‑16 Viper
Spanien verfügt in der Luft über mehr Flugzeuge – und über eine offene strategische Frage. Das Verzeichnis World Air Forces 2026 von FlightGlobal führt 81 EF‑18 Hornet und 67 Eurofighter, dazu 45 weitere bestellte Maschinen. Der erste „Halcón“, ein Doppelsitzer, verließ das Werk in Getafe am 1. Juni, und die zweite Tranche soll ab 2030 ausgeliefert werden.
Die Unsicherheit beginnt danach. Spanien legte die Beschaffung des F‑35 im August 2025 auf Eis, um auf europäische Modelle zu setzen. Im Juni 2026 zerbrach dann das FCAS‑Projekt, das als Zukunftsjäger gelten sollte, zwischen Frankreich und Deutschland. Paris entwickelt nun eigenständig ein eigenes Kampfflugzeug.
Marokko schlägt einen anderen Weg ein. Washington genehmigte 2019 den Verkauf von 25 F‑16 Block 72 im Wert von rund 3,38 Milliarden Euro. Hinzu kommen 23 Umrüstkits zur Modernisierung der bereits eingesetzten F‑16.
Und der F‑35? Es gibt Hinweise auf weit fortgeschrittene Gespräche, doch der Deal bleibt im Bereich des Möglichen. Er müsste noch von der US‑Regierung und dem Kongress endgültig gebilligt werden. Fachmedien berichten von 32 Maschinen für rund 13,5 Milliarden Euro, verteilt über 45 Jahre inklusive Wartung – bislang ohne offizielle Bestätigung.
In der Hubschraubersparte hat Rabat bereits zwölf der 24 bestellten AH‑64E Apache erhalten; die übrigen sollen gestaffelt zwischen 2026 und 2027 folgen. Spanien wird seine 18 Tiger‑Hubschrauber auf den Standard MKIII aufrüsten. Marokko hat zudem das israelische Luftverteidigungssystem Barak MX vollständig übernommen – mit drei Batterien und 225 Abfangraketen mit einer Reichweite von bis zu 70 Kilometern, wie die Sipri‑Datenbank ausweist.
Landstreitkräfte: hier holt Rabat auf
Auf dem Boden kommt die militärische Stärke Marokkos der spanischen am nächsten. Rabat setzt auf den US‑Panzer M1A2 Abrams; wegen der geringen Transparenz lassen sich die Bestände nur schätzen, Experten gehen von rund 200 einsatzfähigen Fahrzeugen und weiteren 150 bestellten aus. Spanien verfügt über 220 Kampfpanzer Leopard 2E sowie etwa 50 ältere 2A4 und plant eine Modernisierung auf den Standard 2A8.
Am auffälligsten ist die Asymmetrie bei den Raketenwerfern. Global Firepower schreibt Marokko 185 Systeme zu, Spanien hingegen kein einziges; das Heer verlor diese Fähigkeit mit der Ausmusterung des Systems Teruel im Jahr 2011. Marokko kombiniert dagegen chinesische Systeme mit dem israelischen Mehrfachraketenwerfer PULS, der bereits einsatzbereit ist, und wartet auf das US‑System HIMARS, dessen Verkauf von 18 Werfern Washington genehmigt hat.
Hier zeigt sich eine paradoxe Situation. Das spanische Raketenprogramm Silam sollte ursprünglich genau auf PULS aufbauen, doch der Vertrag wurde wegen des vom Regierungschef verhängten Embargos für israelische Militärtechnologie aufgehoben. Am 30. Dezember 2025 präsentierten Escribano und Rheinmetall Expal dem Verteidigungsministerium eine nationale Alternative. In der Zwischenzeit erhält die marokkanische Armee bereits 8x8-Schützenpanzer vom Typ WhAP, die im Land montiert werden.
Zur See ist der Abstand gewaltig
Die Marine ist Spaniens wichtigster strategischer Puffer. Ihr Rückgrat bilden fünf Fregatten der Klasse F‑100 Álvaro de Bazán, während Rabat als Flaggschiff nur über eine FREMM‑Fregatte verfügt. Hinzu kommen das Mehrzweckschiff Juan Carlos I, das als Flugzeugträger fungiert, sowie zwei amphibische Transporter der Klasse Galicia.
Unter Wasser gibt es praktisch keinen Vergleich, denn eine U‑Boot‑Flotte gehört zu den historischen Lücken Marokkos. Das U‑Boot S‑81 Isaac Peral ist seit November 2023 im Dienst, das S‑82 Narciso Monturiol absolviert seit dem Sommer Hafen- und Seeerprobungen, mit geplanter Übergabe im letzten Quartal des Jahres; es wird das erste Boot sein, das ab Werk mit luftunabhängigem Antrieb ausgerüstet ist. An der Oberfläche soll die Fregatte F‑111 Bonifaz als erstes Schiff einer neuen Serie 2028 zur Marine stoßen.
US-Faktor: Washington stärkt Marokkos Militär
Neu im Jahr 2026 ist der politische Rückhalt für Marokkos Rüstungspläne. Marokko und die USA unterzeichneten im Pentagon eine militärische Kooperationsroadmap für die Jahre 2026 bis 2036, und im Februar testeten die Königlichen Streitkräfte bereits das taktische Kommunikationssystem Link‑16, das bisher NATO-Mitgliedern vorbehalten war.
Der US‑Senat geht noch einen Schritt weiter: Eine Klausel im Verteidigungsgesetz verpflichtet das Pentagon, innerhalb von 180 Tagen einen Zehnjahresplan vorzulegen, der Marokko zum militärisch leistungsfähigsten Partner der USA in Afrika machen soll. Schon heute stammen rund 60 % der marokkanischen Waffenimporte aus den Vereinigten Staaten.
Rabat will zudem im eigenen Land produzieren. Die Regierung hat zehn industrielle Projekte im Verteidigungssektor mit einem Investitionsvolumen von rund 231 Millionen Euro genehmigt, und eine Absichtserklärung sieht vor, im Land ein autonomes Angriffssystem mit großer Reichweite, das Irifi, zu bauen, mit einem angekündigten Einsatzradius von rund 2.000 Kilometern.
Spanien setzt auf andere Stärken. Die heimische Rüstungsindustrie zählt das Land zu den wenigen Staaten, die konventionelle Angriffs-U-Boote selbst entwerfen und bauen können, und Spanien gehört zur NATO, auch wenn der geografische Geltungsbereich, den Artikel 6 des Nordatlantikvertrags definiert, Ceuta und Melilla nicht ausdrücklich einschließt.
Was Ranglisten nicht erfassen
Im Global‑Firepower‑Index 2026 liegt Spanien auf Rang 18 von 145 Staaten und die Streitkräfte Marokkos erscheinen auf Platz 56. Es ist die am häufigsten zitierte Einstufung, doch sie legt keine überprüfbare Methodik offen und verweist darauf, dass sie sich auf das CIA World Factbook und nicht näher benannte Quellen stützt.
Die Tendenz ist in jedem Fall klar aufwärtsgerichtet. Die Streitkräfte Marokkos lagen in der Ausgabe 2025 auf Rang 59 und 2024 auf Platz 61. Die Rangliste bildet jedoch nicht alle realen Fähigkeiten ab: Sie weist Spanien null Tankflugzeuge zu, obwohl die Luftwaffe in diesem Jahr ihren dritten A330 MRTT erhält.
Die tatsächlichen Spannungen zwischen beiden Ländern verlaufen zudem nicht über Kampfjets oder Panzer. Ende Juli führte der Zustrom von Migranten nach Ceuta zu einem massenhaften Grenzübertritt über das Meer und den Wellenbrecher an der Grenze – die schwerste Krise zwischen Spanien und Marokko seit 2021.
Die nächste Zahl, die in Madrid genau geprüft wird, lässt nicht lange auf sich warten. Mohamed VI. leitete am Samstag in Rabat den Ministerrat, der die allgemeinen Leitlinien für den Haushalt 2027 verabschiedete, und die Verteidigungsausgaben werden erst bekannt, wenn der Entwurf im Parlament eingebracht wird.