Stichwahl in Brasilien: Lula und Flavio mobilisieren viele Menschen in den Großstädten, Umfragen sehen Kopf-an-Kopf-Rennen.
Brasiliens linker Präsident Luiz Inacio Lula da Silva und der rechtsgerichtete Senator Flavio Bolsonaro haben am Samstag ein letztes Mal ihre Anhänger mobilisiert. Beide Kandidaten ziehen an die Strände von Rio de Janeiro und beenden damit einen angespannten Wahlkampf, nur einen Tag nach der kämpferischen letzten Live-TV-Debatte.
In der ersten Wahlrunde kam Bolsonaro auf 47 Prozent, Lula auf 45 Prozent. In den drei Wochen danach, geprägt von einem intensiven und bitter geführten Wahlkampf, scheint der linke Amtsinhaber jedoch Boden gutgemacht zu haben.
80-jähriger Lula peilt historische vierte Amtszeit an
Lula begann als Gewerkschafter und wurde später der erste Präsident aus der Arbeiterklasse. In seinen ersten beiden Amtszeiten entwickelte sich um ihn fast ein Kult. Brasiliens Wirtschaft wuchs dank eines Rohstoffbooms und sozialer Programme. Direkte finanzielle Hilfen holten Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer aus der Armut.
Später saß Lula mehr als ein Jahr wegen Korruptionsvorwürfen im Gefängnis. Die Urteile wurden schließlich aufgehoben, und 2022 gewann der Sozialist seine dritte, nicht aufeinanderfolgende Amtszeit.
Der frühere US-Präsident Barack Obama nannte Lula einst „den weltweit beliebtesten Politiker“. Doch in der aktuellen Amtszeit ist seine Zustimmung zeitweise auf nur 24 Prozent gefallen. Viele Wählerinnen und Wähler klagen über Kriminalität und steigende Lebenshaltungskosten.
Ex-Anwalt Bolsonaro will Politik seines Vaters fortsetzen
Der Senator und Sohn des Ex-Präsidenten Flavio Bolsonaro begann seine politische Laufbahn mit 21 Jahren und wurde der jüngste Abgeordnete im Bundesstaat Rio.
Sein Vater, der ehemalige Präsident Jair Bolsonaro, darf nicht mehr kandidieren. Er verbüßt eine 27-jährige Haftstrafe im Hausarrest, weil er nach seiner Niederlage gegen Lula im Jahr 2022 einen Putschversuch organisiert haben soll. Der älteste Sohn übernahm daraufhin die Aufgabe, die rechte Agenda weiterzuführen. Flavio Bolsonaro steht politisch klar im ultrakonservativen Lager seines Vaters, versucht aber seinen Ton zu mäßigen, um die politische Mitte anzusprechen.
Seine harte Linie in Sicherheitsfragen bildet das Kernstück seiner Kampagne, und Umfragen zeigen, dass diese Vorschläge gut ankommen.
Die Stichwahl am Sonntag entscheidet, ob Brasilien eines der wenigen linksregierten Länder der Region bleibt oder sich der Gruppe rechtsgerichteter Regierungen anschließt, die ein enges Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump pflegen.
Die letzte TV-Debatte
In ihrer abschließenden TV-Debatte am Freitagabend schlugen beide Kontrahenten einen deutlich ruhigeren Ton an als beim ersten Aufeinandertreffen, das in Beschimpfungen ausartete und kaum inhaltliche Vorschläge bot.
Lula griff den Senator wegen dessen mangelnder Regierungserfahrung an, Bolsonaro warf dem Präsidenten vor, ein „kaputtes Land“ hinterlassen zu haben.
„Er weiß nicht, was Hunger ist“, sagte Brasiliens erster Präsident aus der Arbeiterklasse über Bolsonaro, der den Amtsinhaber fragte: „Warum ist alles so teuer?“
Bolsonaro verspricht, Brasiliens Kriminalitätsprobleme zu lösen, 500.000 zusätzliche Haftplätze zu schaffen und die Staatsausgaben drastisch zu kürzen.
Brasiliens Wahl mit internationaler Tragweite
Brasilien spielt eine Schlüsselrolle im Kampf gegen Erderwärmung und Klimawandel, denn es schützt große Teile des Amazonasregenwalds.
Unter Jair Bolsonaro erreichten Abholzungen Rekordwerte. Sein Sohn bestreitet ebenfalls einen menschengemachten Klimawandel und will nur illegalen Kahlschlag stoppen. Seit einigen Jahren gehen neue Rodungen allerdings deutlich zurück. Lulas Regierung hat die Satellitenüberwachung ausgeweitet und die Strafverfolgung gezielt verstärkt.
Flavio Bolsonaros Eingeständnis, er habe Millionen Dollar vom in Ungnade gefallenen Banker Daniel Vorcaro erhalten, um einen Film über das Leben seines Vaters zu produzieren, überschattet den Wahlkampf. In diesem Zusammenhang wird auch gegen ihn wegen Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung ermittelt.
Lula warnt die USA immer wieder davor, sich in Brasiliens Wahlen einzumischen. Der Schutz der nationalen Souveränität und die Abwehr ausländischer Einflussnahme über soziale Medien gehören zu seinen zentralen Wahlkampfthemen.
Trump verhängte im vergangenen Jahr Zölle von 50 Prozent auf brasilianische Waren. Er verwies unter anderem auf das Verfahren gegen Jair Bolsonaro. In diesem Jahr legte er mit einer weiteren Runde US-Zölle nach und sprach von unfairen Handelspraktiken, obwohl die USA im Handel mit Brasilien einen Überschuss erzielen. Kurz nachdem er Senator Bolsonaro im Weißen Haus empfangen hatte, stufte Trump Brasiliens größte Drogenkartelle als ausländische Terrororganisationen ein – ein Schritt, den Lulas Regierung als Vorwand für mögliche Interventionen kritisiert.
Ein Wahlsieg Bolsonaros würde Brasilien in die lateinamerikanischen Staaten einreihen, die in den vergangenen Jahren Trump-freundliche Regierungen gewählt haben, darunter Argentinien, Chile, Costa Rica und Peru.