Genetische Sensation am Ende der Welt: Was klingt wie ein Esel, lebt isoliert im Ozean und revolutioniert gerade die Biologie.
Am Ende der Welt, wo stürmische Winde peitschen und die Natur unbarmherzig regiert, haben Forscher eine biologische Sensation enthüllt. Auf den extrem abgelegenen Kerguelen-Inseln im Indischen Ozean – auch bekannt als die „Inseln der Trostlosigkeit“ – stießen Wissenschaftler auf eine bislang völlig unerkannte Tierart: den südöstlichen Eselspinguin. Ihren kuriosen Namen verdanken die Vögel übrigens einem verblüffenden Merkmal: Ihr Ruf erinnert lautstark an das IA eines Esels.
Ein internationales Forschungsteam hat das Erbgut von 64 Tieren aus zehn Brutkolonien analysiert und dabei Spektakuläres herausgefunden. Entgegen der bisherigen Annahme, dass es sich nur um Unterarten handelt, belegt die neue Studie eindeutig: Es gibt vier genetisch völlig eigenständige Eselspinguin-Arten.
Dr. Klemens Pütz ist Deutschlands bekanntester und einziger Pinguin-Experte. Der promovierte Meeresbiologe erforscht seit über dreißig Jahren das Leben der kleinen Vögel. Pinguine sind nämlich keine Fische wie viele glauben, sondern genau genommen flugunfähige Seevögel.
Die Entdeckung der vierten Art der Eselspinguine war für ihn zu erwarten: "Ich habe schon damit gerechnet, denn es gibt zum einen deutliche, offensichtliche Unterschiede im Aussehen der ehemaligen Unterarten, zum anderen gab es bereits in der Vergangenheit wissenschaftliche Studien, die eine neue Klassifizierung anhand der erhaltenen Untersuchungsergebnisse empfohlen haben".
So wurde bereits vor sechs Jahren von den gleichen Autoren der aktuellen Studie ein Bericht publiziert, der die aktuellen Ergebnisse quasi schon vorwegnimmt.
Und doch ist die aktuelle Meldung mindestens genauso spektakulär wie der Schauplatz dieses wissenschaftlichen Durchbruchs.
Die Tiere wurden nämlich auf den Kerguelen entdeckt – einer extrem isolierten Inselgruppe rund 4000 Kilometer entfernt von Südafrika und Australien. Schon der legendäre Entdecker James Cook taufte diese einsame Region, auf der heute ausschließlich eine Forschungsstation betrieben wird, die „Inseln der Trostlosigkeit“.
Wie der britische Sender BBC berichtet, beweisen die aktuellen DNA-Analysen nun, dass sich die vier Populationen so stark voneinander unterscheiden, dass sie als komplett eigene Arten klassifiziert werden müssen.
Für Pinguin-Forscher Pütz ist die nun veröffentlichte Entdeckung das Ergebnis einer jahrelangen Recherche:
"Im vorliegenden Fall waren auch schon Populationen im Indopazifik und Atlantik als Unterarten kategorisiert, und das ungewöhnliche ist, dass eben der Eselspinguin von den Kerguelen nicht vorher als Unterart beschrieben war."
Die Beobachtung und Analyse der Eselspinguine für die Forscher ist seit Jahren ein wichtiger Indikator für den Zustand ihres jeweiligen Lebensraums. Denn es ist vor allem die evolutionäre Anpassung und die besondere Stärke dieser Tiere, die die Wissenschaft in Aufruhr versetzt und den weltweiten Artenschutz komplett revolutionieren könnte.
Pinguin-Forscher Pütz: "Vereinfacht gesagt: Geht es den Pinguinen gut, ist in ihrem Lebensraum alles in Ordnung. Andersherum: Geht es den Pinguinen nicht gut und nehmen z.B. ihre Bestände ab, gibt es in ihrem jeweiligen Lebensraum ein substanzielles Problem. Je besser wir die Pinguine kennen und ihr Verhalten verstehen, um so besser können wir auch Probleme in ihrem Lebensraum identifizieren und, im Idealfall, beheben".
Wer Eselspinguine einmal aus nächster Nähe beobachten und ihren niedlichen Esel-Ruf hören möchte, kann dies unter anderem im Zoo in Wuppertal: Dort lebt eine Kolonie von Eselspinguinen und meldet regelmäßig Nachwuchs (wie Küken im Frühjahr). Die Tiere leben in einer modernen Felsenanlage mit einem großen Unterwassertunnel. Oder im Tierpark Hagenbeck bei Hamburg. Dort leben Eselspinguine im Bereich des „Eismeers“, wo die Tiere unter anderem per Hand gefüttert werden.
Dr. Klemens Pütz, geboren 1960, ist promovierter Meeresbiologe und erforscht seit rund dreißig Jahren das Leben der Pinguine. 2004 erwarb der von ihm mitgegründete Antarctic Research Trust auf den Falklands mehrere kleine, unberührte Inseln, um dort den Lebensraum für die tierischen Bewohner der Antarktis und der Subantarktis zu erhalten.