Auf dem Gelände der ehemaligen "Neuen Reichskanzlei" und des darunterliegenden Nazi-Bunkers in Berlin-Mitte plant ein Hamburger Investor den Bau von Wohnungen und Büros. Denkmalschützer sehen die Pläne kritisch und kämpfen für den Erhalt.
Eines vorweg: Der "Große Bunker" unter der "Neuen Reichskanzlei" in der Voßstraße 6 in Berlin-Mitte ist nicht zu verwechseln mit dem sogenannten "Führerbunker", in dem Adolf Hitler Ende April 1945 Selbstmord beging. Dieser befindet sich rund 120 Meter weit weg unter der "Alten Reichskanzlei" in der Wilhelmstraße 77 und ist größtenteils zerstört.
"Er war da nie im Bunker unter der "Neuen Reichskanzlei", er wollte sich nicht unter das allgemeine arbeitende Volk mischen, er hatte seinen eigenen", sagt Dietmar Arnold von Berliner Unterwelten e. V. im Gespräch mit Euronews. Trotzdem will der Verein das historische Bauwerk untertage erhalten.
"Wir haben nicht mehr 1996, wo man so was achtlos abgerissen hat. Wir haben 2026 und mittlerweile hat sich auch ein anderer Umgang mit unserer Geschichte herauskristallisiert", so Arnold. Damit bezieht er sich auf die Erinnerungskultur, die angesichts der aktuellen politischen Lage wichtiger sei als jemals zuvor.
Man habe immer schon versucht, die Geschichte "wegzuwischen", das habe man in Ost und West gleichermaßen gemacht, so Arnold. Dafür stehe dieser Bunker auch, "dass wir nicht in der Lage waren, die Geschichte richtig aufzuarbeiten.
Es sei ein wichtiges historisches bauliches Zeitdokument, das nur durch Zufall erhalten geblieben sei. Nur, weil dieser Bunker unter dem Todesstreifen zwischen der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) lag, fügt er hinzu.
Der Streit zwischen Senat und Denkmalschützern
Rund 45 Prozent des gesamten Bunkers sind noch erhalten geblieben. Die Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt hatte aber im Januar verfügt, die Anlage nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Auf dem Brachland sind Luxuswohnungen und Büros geplant - der Bunker müsse dafür entfernt werden.
"Man kann beides locker machen, wir haben das von einem Statiker prüfen lassen", sagt Dietmar Arnold. Der Bunker sei bebaubar, er habe 1,70 Meter dicke Außenwände und eine ebenso dicke Decke. "Einen Siebengeschosser da daraufzustellen, ist überhaupt kein Problem, da stand ja auch die gesamte Reichskanzlei drauf".
Um Bunker und das neue Gebäude gleichzeitig zu realisieren, müsse man eine sogenannte Gebäudefuge einbauen lassen, für den Fall, dass der Bunker weiter absinke. Der Abriss des historischen Bauwerks würde nach Schätzungen des Vereins Berliner Unterwelten zwischen 2 und 3 Millionen Euro kosten.
"Sprengen kann man ihn nicht, man braucht eine große hydraulische Fräse, mit Diamantschneideblättern.“ Das Geld könne man auch locker in eine Umplanung stecken, so teuer werde das mit Sicherheit nicht. Außerdem würde der Abriss auch sehr viel mehr Lärm als der Neubau verursachen. "Anwohner würden sich beschweren." Doch der Senat bleibt bei seinen Plänen.
Der monumentale NS-Repräsentationsbau, den Albert Speer im Auftrag Adolf Hitlers bis 1939 als Machtzentrum in Berlin errichten ließ, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen. Der Bunker liegt unter der ehemaligen "Marmor-Gallerie" der "Neuen Reichskanzlei". Mit einer Länge von rund 140 Metern sollte sie die doppelte Länge des Spiegelsaals vom Schloss in Versailles haben. Er nimmt heute noch eine Gesamtfläche von rund 1.800 m² ein, die nutzbare Fläche im Innern beträgt rund 1.250 m².
Berlins Bausenator Christian Gaebler (SPD) spricht sich für den Teilabriss eines historischen Bunkers aus der NS-Zeit auf dem Gelände der ehemaligen "Neuen Reichskanzlei an der Voßstraße in Berlin-Mitte aus. Die unterirdische Anlage soll einem geplanten" Neubauprojekt weichen.
Auf dem Grundstück sind insgesamt 66 Wohnungen sowie ein Bürogebäude vorgesehen. Nach Auffassung des Bausenators soll die Erhaltung der Bunkerreste die Umsetzung des Bauvorhabens nicht behindern. Die Senatsverwaltung verweist in diesem Zusammenhang auf bestehende Planungen und vertragliche Verpflichtungen gegenüber dem Investor.
Auch die bereits bestehende Erinnerungslandschaft Berlins spielt eine Rolle: Angesichts zahlreicher Gedenk- und Dokumentationsstätten erscheint der Erhalt der Bunkeranlagen als weiterer Erinnerungsort nicht zwingend erforderlich, so die Befürworter eines Abrisses.
Als weiteren Grund gegen den Erhalt der Anlage führt Gaebler die Gefahr einer möglichen Vereinnahmung durch Rechtsextremisten an. Er äußerte die Befürchtung, dass der historische Ort bei einer Erhaltung „womöglich noch zum Wallfahrtsort“ für Neonazis werden könnte.
"Darüber lachen wir uns kaputt", sagt Dietmar Arnold. "Wir machen die Führungen mit den Berliner Unterwelten" seit fast 30 Jahren und so etwas haben wir noch nie erlebt." Der Verein hat nach eigenen Angaben rund 330.000 Besucher pro Jahr. Er fügt hinzu: Die Senatsverwaltung solle jetzt nicht mehr weiter mauern, sondern dazu beitragen, dass man den Bunker bebauen kann. "Die sperren sich bis heute und ich verstehe nicht warum".
Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz setzt sich für den Erhalt der Bunkeranlage ein. Unterstützung erhalten Dietmar Arnold und seine Mitstreiter vom Verein Berliner Unterwelten e. V. zudem vom Museum Berlin-Karlshorst, dem Mitte Museum, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie dem Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg.
Pläne für den Bunker
Der Verein "Berliner Unterwelten e. V.“ will eine Ausstellung in den noch bestehenden Räumen des Bunkers planen. Es gibt bereits ein Grobkonzept mit drei Säulen. Es soll zum einen um Mythen und Geschichten rund um die Bunkeranlage und die „Neue Reichskanzlei“ gehen. So wurden für den Bau neun Grundstücke enteignet, damals hieß es "arisiert"
Im zweiten Teil der Ausstellung soll es um die Nutzung im Zweiten Weltkrieg gehen. Der "Große Bunker" unter der Neuen Reichskanzlei diente einst auch als Schutzraum für Frauen und Kinder und war in den letzten Wochen des Krieges eines der größten Lazarette in Berlin.
Im letzten Teil soll es dann um die Abrissgeschichte und die Verdrängung der Geschichte gehen.
Ein weiteres Argument für den Erhalt seien auch die rückläufigen Touristenzahlen in Berlin, fügt Dietmar Arnold abschließend hinzu.