Weltweit könnten 258 Millionen Kinder wegen Krisen nicht zur Schule gehen, so Reem Alabali-Radovan (SPD), Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in einem exklusiven Beitrag für Euronews. Deshalb stelle Deutschland 20 Millionen Euro für Bildung in Krisengebieten bereit.
In den von Überschwemmungen verwüsteten Tälern Nepals sind viele Schulen zu Notunterkünften geworden. Weil ihre Häuser zerstört wurden, schlafen Kinder nun in den Klassenräumen, in denen sie früher gelernt haben.
Im Sudan sind mehr als fünftausend Schulen geschlossen. Eine ganze Generation wartet auf Frieden – und darauf, wieder lernen zu können. In der Ukraine, in Gaza und im Sahel wünschen sich Kinder oftmals nicht sehnlicher als einen Ort zum Lernen, zum Spielen, zum Kindsein.
Weltweit müssen etwa 258 Millionen Kinder und Jugendliche aufgrund von Krisen und Konflikten auf regelmäßigen Unterricht verzichten. Damit verlieren sie nicht nur den Zugang zu Bildung, sondern auch wichtige Chancen für ihr weiteres Leben.
Internationale Hilfen für Bildung sinken
Gleichzeitig sinken die internationalen Hilfen für Bildung in diesem Jahr voraussichtlich um 24 Prozent. Gerade in den Notsituationen, in den Kinder Bildung am dringendsten brauchen, kommt sie zu kurz.
Das ist nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein politisches Versagen – mit weitreichenden Folgen: Wenn Kinder in Krisengebieten keinen Zugang zu Bildung haben, gefährdet das nicht nur ihre Zukunft, sondern auch unsere.
Denn ohne Bildung sind Kinder einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt, Opfer von Gewalt, Ausbeutung oder früher Verheiratung zu werden. Besonders häufig trifft es Mädchen: Sie sind oft die Ersten, die nicht mehr zur Schule gehen dürfen, und können als Letzte zurückkehren.
Ohne Bildung verschärften sich Herausforderungen von morgen
Bleibt einer ganzen Generation die Chance verwehrt, lesen und schreiben zu lernen, reichen die Folgen weit über die betroffene Gesellschaft hinaus. Instabilität, Vertreibung und Konflikte machen nicht an Grenzen halt. Wer Kindern heute Bildung vorenthält, verschärft damit die sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen von morgen.
Gerade in akuten Krisen sind Schulen für Kinder wichtige Schutzräume. Sie bieten Sicherheit, regelmäßige Mahlzeiten und psychosoziale Unterstützung. Ein geregelter Schulalltag sorgt für Halt und ein Stück Normalität – auch und gerade in Ausnahmesituationen.
Deshalb ist es so wichtig, dass Kinder nach einer Krise so schnell wie möglich wieder in den Unterricht zurückkehren können. Das hilft ihnen, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und neue Hoffnung zu schöpfen.
Bildung ist eine Investition in Entwicklung, Frieden und Stabilität
Und auch langfristig ist Bildung eine der wirkungsvollsten Investitionen in Entwicklung, Frieden und Stabilität. Jedes zusätzliche Schuljahr verbessert die Chancen der Kinder, später den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Für Mädchen bedeutet mehr Bildung häufig, später zu heiraten und früher Verantwortung zu übernehmen. Jedes zusätzliche Schuljahr macht Gesellschaften widerstandsfähiger und versetzt sie in die Lage, Naturkatastrophen und Kriege besser zu überstehen.
Deshalb ist die Arbeit von Education Cannot Wait (ECW), dem globalen Fonds für Bildung in Notsituationen, so wichtig. In den vergangenen zehn Jahren haben ECW und seine Partner mehr als 16 Millionen Kinder in Krisengebieten den Zugang zu Bildung ermöglicht – auch unter schwierigsten Bedingungen. Zudem wurden fast 300.000 Lehrkräfte fortgebildet, mehr als die Hälfte von ihnen Frauen.
Doch der Handlungsbedarf bleibt enorm. ECW hat sich deshalb ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: In den kommenden vier Jahren soll weiteren zehn Millionen Kindern, die weltweit besonders stark von Krisen betroffen sind, der Zugang zu Bildung ermöglicht werden. Dafür möchte Education Cannot Wait bei der heute in Genf stattfindenden Wiederauffüllungskonferenz insgesamt 600 Millionen US-Dollar mobilisieren.
Deutschland stellt sich seiner Verantwortung
Ziel ist nur zu erreichen, wenn wir in der internationalen Gemeinschaft unsere Kräfte bündeln. Alle, die dazu in der Lage sind, müssen ihren Beitrag leisten. Deutschland stellt sich seiner Verantwortung und wird Education Cannot Wait in den kommenden Jahren mit 20 Millionen Euro jährlich unterstützen.
Gerade in Zeiten, in der sich andere aus der internationalen Zusammenarbeit zurückziehen, senden wir damit ein klares Signal. Wir setzen weiter auf multilaterale Zusammenarbeit. Wir bleiben ein verlässlicher Partner. Und wir setzen uns auch in schwierigen Zeiten für gemeinsame Lösungen ein.
Bildung ist kluge Investition in Sicherheit, Frieden und Stabilität
Es ist klar: Die finanziellen Spielräume sind begrenzt, in Deutschland ebenso wie in vielen anderen Ländern. Doch ich bin überzeugt: Kindern in Krisengebieten den Zugang zu Bildung zu ermöglichen, ist die klügste Investition in unsere gemeinsame Sicherheit, in Frieden und Stabilität, die wir machen können.
Deshalb appelliere ich an unsere Partner in der G7, in Europa und darüber hinaus, unserem Beispiel zu folgen und Education Cannot Wait zu unterstützen. Gerade wenn Konflikte zunehmen und internationale Zusammenarbeit unter Druck gerät, müssen wir deutlich machen, wofür wir als Weltgemeinschaft stehen.
Jedes Kind hat das Recht auf Bildung. Und jedes Kind verdient die Chance, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass dieses Versprechen auch und gerade in Zeiten von Krieg, Katastrophen oder fehlenden finanziellen Mitteln eingehalten wird.