Das Historische Archiv der Staatssicherheitsdienste in Ungarn hat auf seiner Website die Namen und Daten von 60.000 ehemaligen Agenten online gestellt - mit Suchfunktion. Dem Experten zufolge wurden aber vorwiegend die Akten "kleiner Leute" veröffentlicht.
Sechsunddreißig Jahre nach dem Fall des Kommunismus hat die Tisza-Regierung eines ihrer wichtigsten Wahlversprechen erfüllt und die Geheimdienstakten veröffentlicht. Seit Mittwochmorgen kann jeder auf der Website nyitottaktak.hu nach den Namen von Personen suchen, die den kommunistischen Staatssicherheitsdiensten Informationen geliefert haben.
Nach einem Gesetz zur vollständigen Aufarbeitung der geheimdienstlichen Tätigkeit der vorherigen Regierungen sind jetzt aus zahlreichen Stasi-Akten aus den Jahren vor 1990 Informationen einsehbar.
Was wird veröffentlicht?
Es handelt sich um Akten mit dem Namen und der Funktion der Stasi-Mitarbeiter und unter anderem Informationen darüber, wie sie angeworben wurden.
Zwischen den einzelnen Datenträgern gibt es viele Überschneidungen. Insgesamt sind schätzungsweise 50.000 bis 60.000 verschiedene Namen aufgeführt.
Liste ist unvollständig und wird es auch bleiben
Die Internetseite des Archivs der ungarischen Sicherheitsdienste hat eine Suchfunktion, wo man nach Name (und Decknahme), Geburtsort und Geburtszeit filtern kann.
Cseh Gergő Bendegúz, Generaldirektor des Historischen Archivs der Staatssicherheitsdienste (ÁBTL), sagte, dass aus den digitalen Kopien der Dokumente die persönlichen Daten derjenigen entfernt werden, die keine Agenten, Führungsoffiziere oder hauptberuflichen Mitarbeiter waren.
So sollen sensible Daten der Überwachten und weiterer unbeteiligter Personen geschützt werden, wie Angaben zur Gesundheit, zu sexuellen Gewohnheiten oder zu krankhaften Abhängigkeiten.
Schätzungen von Historikern zufolge beschäftigte die Staatssicherheit in den vier Jahrzehnten des Rákosi- und Kádár-Systems insgesamt etwa 150.000 Agenten. Bekannt sind jedoch nur ungefähr ein Drittel ihrer Namen und detaillierte, inhaltlich aussagekräftige Informationen gibt es nur zu rund zehn Prozent von ihnen.
Viele Akten wurden sowohl während der Revolution von 1956 als auch im Zuge des Übergangs vom Kommunismus zur Demokratie vernichtet. Nach Angaben von Ungarns Regierungschef Péter Magyar hatte auch die politische und wirtschaftliche Elite alles in ihrer Macht Stehende getan, um zu verhindern, dass die Öffentlichkeit die Wahrheit über die Vergangenheit erfährt.
„Die Datenbank wird bis zum 25. Februar, dem Gedenktag für die Opfer des Kommunismus, vollständig sein – soweit dies nach der Vernichtung so vieler Dokumente überhaupt möglich ist. Ich möchte alle bitten, diesen längst überfälligen Übergang zur Demokratie, diesen längst überfälligen Akt der Wiedergutmachung, mit Würde und Menschlichkeit zu behandeln“, so Magyar.
Viele Akten gingen 1956 und danach verloren. Der verbliebenen Bestand wurde bis 1997 vom Innenministerium verwahrt, wo es keine zivile, fachliche Kontrolle gab. Auch danach standen die Akten unter Aufsicht einer staatlichen Stelle, die direkt von der Politik gesteuert wurde.
Die nun veröffentlichten Namen betreffen unter anderem einen berühmten Sänger, den Bürgermeister einer Kreisstadt und den Vater eines Regierungsministers. Überwiegend drehen sich die Informationen jedoch um Menschen, die nicht im öffentlichen Leben standen, wie Gastronomiebeschäftigte, Ladenbesitzer, Busfahrer, Eisenbahner oder Bauern, die im Grenzgebiet arbeiteten.